Kategorien
Leben und Gesellschaft

Wo früher die Touristen flanierten – Quito in der Pandemie

„Sehr lau“ sei das Geschäft, murmelt der junge Kellner durch seine Maske, während er unser Essen serviert. Wir haben uns neben dem 1933 noch im Jugendstil erbauten Teatro Bolivar im Zentrum Quitos an dem einzigen draußen platzierten Tisch niedergelassen. Tatsächlich sind wir an diesem Mittwoch gegen 13.00 Uhr die ersten Gäste des Tages. Von unseren Plätzen aus haben wir einen guten Blick auf die früher stets belebte Calle Espejo. 

Das kleine Lädchen schräg gegenüber hat geöffnet, auch ein kleines Restaurant mit einfachem Mittagstisch. Stühle auf der Straße gibt es außer unseren nirgendwo. Frauen mit den Einkäufen für den Tag in einer Plastiktüte gehen vorbei, ein älterer Mann mit Hund in vollständiger Schutzkleidung, eine Mutter mit Kind an der Hand. Als sich zwei Polizistinnen nähern, überlege ich kurz, ob ich trotz des vollen Tellers vor mir meine Mund-Nasen-Bedeckung wieder aufsetzen muss – 100 Dollar Strafe sind bei Verstoß gegen die auch auf der Straße und im Auto geltende Maskenpflicht fällig. 

Die Angst der Regierenden vor dem Volk

Nur wenige Meter weiter in Richtung Plaza Grande, des Sitzes des Präsidenten, des Bürgermeisters und des Erzbischofs, stehen die ersten metallenen Absperrungsgitter, garniert mit NATO-Stacheldraht. Noch kann man daran vorbeigehen, aber man spürt das Bedürfnis von Staats- und Kommunalregierung, sich für den Ernstfall vorzubereiten. 

Masken statt Souvenirs

Die Stimmung ist nicht gut in Quito und in Ecuador. Binnen eines Jahres ist der Anteil jener arbeitenden Ecuadorianer, die mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 400 US-Dollar verdienen, von 37,9% auf 16,7 % gefallen. Mehr als 1,8 Millionen Menschen der Gesamtbevölkerung von 17,3 Millionen haben ihre Arbeit verloren. Und der Staat ist bankrott – das Gehalt für Juli wurde den Staatsbediensteten erst jetzt Mitte August ausgezahlt. Wie wir bei unserem Gang durch das historische Zentrum, in dem sich in früheren Zeiten die ausländischen Touristen tummelten, sehen können, ist gut ein Drittel der kleinen Geschäfte geschlossen, fast keines der zahlreichen Restaurants hat geöffnet. Die teils prächtigen kolonialen Kirchen sind geschlossen, die Museen ebenso. Die Souvenirhändler von einst verkaufen jetzt Masken zu einem Dollar das Stück. Die Polizei ist omnipräsent, aber auch sie lässt inzwischen einige der fliegenden Händler und Marktfrauen, die sich mit wenigen Waren auf dem Boden der Seitenstraßen niedergelassen haben, gewähren. 

Die als UNESCO-Kulturerbe registrierte Altstadt mit ihren geschlossenen Straßenzügen an kolonialen und postkolonialen Gebäuden ist in den vergangenen Wochen zur Corona-Hochburg innerhalb Quitos geworden. Die Wohnungen sind eng, die Verdienstmöglichkeiten ohne Tourismus karg, und spätestens ab 17.00 Uhr, wenn die Parkhäuser schließen, anschließend auch die wenigen Gaststätten zumachen müssen und die Sperrstunde beginnt, ist dies kein Ort mehr zum Bleiben. 

Lähmend: die unendlich große Angst vor dem unsichtbaren Virus

Schlimmer als die in der Stadt herrschende wirtschaftliche Depression aber ist die Angst. Die Angst vor einem unsichtbaren Virus, der nach weit verbreitetem Glauben über Schuhe, Geldscheine und Autoreifen übertragen wird; einem Virus, vor dem man sich in die engen Häuser flüchtet, anstatt an die Luft zu gehen; einem Virus, durch den man vor allem die Kinder gefährdet sieht, die deshalb nicht auf die Straße und unter gar keinen Umständen in naher Zukunft wieder in eine Schule gehen dürfen. „Wir wollen auch diese Impfung, die die Deutschen haben“ (sic) ist ein Wunsch, den eine Bekannte unlängst in den sozialen Medien entdeckte. Das ersehnte Licht am Ende des Tunnels scheint hier noch sehr weit.

22. August 2020

Kategorien
Leben und Gesellschaft

Nach sieben Wochen Quarantäne: Das erste Mal

Sieben Wochen lang habe ich ihn aufgeschoben, den Besuch im Supermarkt. So lange schon herrscht in Ecuador Ausgangssperre jeweils ab 14.00 Uhr. Außer Einkaufen und Arztbesuchen ist in der Zeit davor nichts erlaubt; einen Vormittag in der Woche darf mein Auto auf die Straße, mein Kennzeichen endet auf 0, das heißt: Freitag. Bisher reichte immer der ausgiebige Besuch im Gemüseladen um die Ecke, der notfalls auch Katzenfutter für unsere neuen Gartenbewohner hat, und ganz bestimmt Klopapier, das hier ein Luxusgut ist, also nie knapp wird. Und wo es morgens um viertel vor sieben sicher noch keine Schlangen gibt.

Heute standen auf der Liste Backschokolade, Currypulver und Salami – keine Chance im Lädchen. Strategische Überlegungen, dann die Entscheidung, kurz vor Toresschluss gegen zwölf Uhr in den Supermarkt im Nachbarort zu fahren (Berechnung: Die Angestellten müssen um 14.00 selbst zu Hause sein, also macht der Laden spätestens um 13.00 zu). Also Maske an, Handschuhe in die Tasche, und raus mit dem Auto, auf die menschenleere Straße. Das Schlagloch um die Ecke ist mit der Regenzeit noch größer geworden, der zur Warnung davorstehende Plastikkegel halb geschmolzen und in sich zusammengesunken. Nachdem ich einmal aus der Siedlung heraus bin, sehe ich viele Wagen, die eigentlich heute nicht dürfen, das System erodiert zusehends.

Einfach so in den Supermarkt – von wegen

Am Einkaufszentrum keine wartenden Autofahrer – die erste Hürde ist genommen. Der eigentliche Spaß beginnt einen Stock höher, vor der Tür zum Lebensmittelparadies: Anstellen auf den aufgemalten Farbpunkten. Ein Mitarbeiter fragt mich nach meinem Namen, notiert ihn. Nur den Vornamen, kein Telefon. Merkwürdig. Einen Schritt weiter: Fiebermessen. Mit den Schuhen durch die Alkoholwanne. Erinnerungen an den Flughafen: „Bitte einmal die Arme hoch“, aber anstatt des Metalldetektors eine Sprühpistole, ich frage lieber nicht, mit was ich hier gerade durchfeuchtet werde. Jetzt noch einmal Desinfektionsgel auf die Hände, und ich bin drin. Bekomme einen Wagen zugeteilt und laufe an der etwas abgegrasten Fleischtheke entlang. 

Sprechen beim Einkaufen nicht erwünscht

Wie immer, wenn ich dieser Tage einkaufe, treffe ich einen Bekannten – schließlich müssen wir alle innerhalb eines kleinen Zeitfensters das besorgen, was für die nächsten acht Tage benötigt wird. Aber die Freude darüber, aus zwei Meter Abstand mit einem Menschen aus Fleisch und Blut sprechen zu können, währt kurz.  „Keine Unterhaltungen bitte“, herrscht uns ein Mitarbeiter an – zu gefährlich. „Señorita, sie laufen in die falsche Richtung. Sehen Sie die Pfeile nicht?“. Hatte ich nicht gesehen, wieder Regelverstoß. Einkaufen kann ziemlich spaßfrei sein.  Auch an der Kasse: „Ihre Ausweisnummer bitte.“ Habe ich als Ausländerin nicht, aber die Kundenkarte rettet mich. Und dann doch ein fast komischer Moment, als sich vier Angestellte auf engstem Raum bemühen, meine Einkäufe in die mitgebrachten Stofftaschen zu füllen. Die Hoffnung auf ein Trinkgeld macht alles Bemühen um Distanzwahrung plötzlich zunichte. 

Die Heimfahrt ist fast Routine. Anstelle der früher überall wartenden Obst- und Gemüseverkäufer am Straßenrand stehen dort jetzt junge Männer, die anbieten, mein Auto zu desinfizieren. Den Zuschlag erhält erst der Wächter an der Einfahrt zur Siedlung – der wusste zwar auch früher schon nicht, mit was er da meine Reifen so sorgfältig abspritzt, aber Pflicht ist Pflicht. Seit meinem Aufbruch ist gerade einmal eine Stunde vergangen. Nächster Ausgang am nächsten Freitag.

08. Mai 2020