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Leben und Gesellschaft

Einfach mit dem Kind zum Arzt gehen

Daniel Regalado ist ein Gummiball. Veranstaltungsorganisator, Koch, Schauspieler – und seit 2017 Vorsitzender der Vereinigung „Venezuela en Ecuador“. Als er vor elf Jahren aus Caracas nach Quito kam, war die Zahl der Venezolaner vor Ort überschaubar, ihr Verein klein. Aufgrund des nunmehr seit Jahren nicht abreißenden Flüchtlingsstroms aus Venezuela leben mittlerweile rund 435.000 venezolanische Staatsangehörige in Ecuador, davon geschätzte 28.000 in der Hauptstadt Quito. Viele von ihnen haben Kinder. An allen Straßenecken sieht man sie: Familien mit zwei und drei Geschwistern, Eis verkaufend, bettelnd, Schularbeiten machend, schlafend.

Binnen eines Jahr mit Corona ist der Anteil der Armen und Bitterarmen an der Bevölkerung Ecuadors wieder auf das Niveau von 2010 geklettert. Das statistische Amt konstatiert in seinem jüngsten Bericht, dass 32% der Bewohner zur Zeit von weniger als 2,80$ am Tag leben. Das ist etwa so viel, wie ein Liter Öl im Supermarkt kostet. Die allermeisten venezolanischen Flüchtlinge zählen zu den etwa 60% der Bevölkerung, die als „informales“ von der Hand in den Mund leben, ohne Arbeitsvertrag, ohne Krankenversicherung, oft ohne Papiere.

Das Ziel: Eine Arztpraxis für Flüchtlinge und Einheimische

Daniel Regalado hat einen Traum, der gerade Wirklichkeit wird: Mit mehreren befreundeten Ärzten will er eine Arztpraxis für Bedürftige aufbauen, mitten im Zentrum Quitos, im Sektor El Ejido. Einen Ort, wo Mütter mit ihren Kindern zu den Vorsorgeuntersuchungen kommen können; wo Menschen mit geringem oder keinen Einkommen die ärztliche Betreuung finden, die das staatliche Gesundheitssystem nicht leisten kann oder will. Dafür hat er sein ganzes Kontaktnetzwerk in Bewegung gesetzt und zwei gut gelegene Räume preisgünstig angemietet:  „Schauen Sie, die Möbel haben wir als Spende bekommen! Eine amerikanische Kirche hat uns die Farbe für die Wände gestiftet; und eine Textilfirma gibt uns die Kittel. Medikamente bekomme ich von befreundeten Ärzten und von verschiedenen Laboratorien. Noch zwei Wochen, dann sieht das hier alles wunderbar aus!“

In den zwei hellen Zimmern im zweiten Stock eines fast leerstehenden Hauses haben die Initiatoren sich heute getroffen: eine erfahrene Krankenschwester, ein Kinderärzteehepaar, vor drei Jahren als von der Regierung Verfolgte aus Venezuela geflohen: „Wovon wir geträumt haben, das bekommt jetzt eine Form, einen Ort.“ Dank ihrer Ausbildung und Arbeitserfahrung haben sie alle es geschafft, auf dem schwierigen ecuadorianischen Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Alle wollen sie nach ihrer Fluchterfahrung jetzt anderen helfen: „Wir haben bisher, auch aufgrund der Pandemie, Diagnosen oft per Telefon gestellt, wir machen Hausbesuche, bieten Beratungstage im Park an – aber es sind einfach zu viele Leute, die medizinische Hilfe brauchen“, sagt die Kinderchirurgin Ximena (Name geändert). 

Die staatlichen Gesundheitszentren sind überlastet

Die einfachen staatlichen Gesundheitszentren können diese Hilfe nicht anbieten: Sie sind mit den vielen Corona-Infizierten unter der ärmeren Bevölkerung beschäftigt, nehmen oft seit langem keine anderen Patienten mehr an. Selbst wo Raum wäre, bleiben die Kranken aus Angst vor einer Ansteckung im Sprechzimmer oder in der Klinik aus. Aufgrund der Wirtschaftskrise sind selbst die Standard-Impfstoffe oft nicht erhältlich. Damit ist „Vorsorge“ oder „Früherkennung“ für viele Menschen, die sich den Besuch in einer privaten Praxis nicht leisten können, zu einem Fremdwort geworden. 

Ab Mitte März soll das neue Zentrum solchen Familien eine Alternative bieten: Wenige Dollar nur müssen für eine normale Untersuchung bezahlt werden, ein wenig mehr für die Überweisung an einen der Spezialisten im Netzwerk. Wer nicht zahlen kann, wird umsonst behandelt. Woher weiß man, ob jemand Geld hat? „Ach, wir kennen hier alle. Und wir haben schon so viel gesehen – man merkt das einfach, ob jemand lügt.“ Ganz wichtig ist es allen Anwesenden, dass nicht unterschieden wird zwischen Venezolanern und Ecuadorianern. „Wir erleben täglich Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Aber wir wohnen hier, wir bleiben hier, wir müssen dem Land auch etwas zurückgeben“, sagt Daniel Regalado, der gute Kontakte zum Ombudsmann der Regierung pflegt.

Nach der Gesundheit kommt die Bildung

Sein nächster Wunsch: „Ein Pilotprojekt, um unsere Flüchtlingskinder besser in das hiesige Schulwesen zu integrieren; Nachhilfestunden für Bedürftige und Traumatisierte, in enger Zusammenarbeit mit Psychologen und Ärzten.” Nur 13.643 venezolanische Kinder im Schulalter sind im Schuljahr 2020/2021 in hiesigen Institutionen eingeschrieben.  „Wir wollen keine Venezolaner mehr“, kann man auf der Mauer einer Schule in Quito lesen. Aber heute sitzen neben den Ärzten eine Grundschullehrerin und ein Englischlehrer, die bereits an einem Plan arbeiten. Die schon jetzt Eltern beraten bei allen Schulproblemen. „Solche Leute habe ich in allen Stadtteilen, in allen großen Städten Ecuadors.“ Wer Daniel Regalado kennt, zweifelt nicht daran, dass er auch dieses neue Projekt in kürzester Zeit Realität werden lassen wird.

3. März 2021

Ab dem 14. April 2021 nimmt die Arztpraxis Anmeldungen entgegen. Das Formular finden Interessierte hier.

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