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Leben und Gesellschaft

Kirche, Kinder, Küche – live

Zachäus der Zöllner heißt eigentlich Philip, ist neun Jahre alt und noch klein. Mangels Maulbeerbaum steht er auf einer Leiter, um den großen Jesus besser zu sehen. Das Volk schreit „Jesus kommt“ und „Halleluja“, die Kinder des Zöllners zupfen ihrer Mutter an der imaginären Schürze, und die Gemeinde schmunzelt. Endlich wieder Gottesdienst in der Gemeinschaft, mit Großeltern, kleinen Geschwistern, und ja: sogar mit den Hunden. Auf einer Finca in der „Mitte der Welt“, in „Mitad del Mundo“ nördlich der ecuadorianischen Hauptstadt Quito.

Seit im März 2020 alle Kirchen des Landes schlossen, hat sich die deutsche evangelische Gemeinde in Ecuador fast nur noch online getroffen. Im überschaubaren Kreis derer, die auch nach anderthalb Jahren noch die Geduld für den kühlen, flachen Bildschirm hatten. Zwar boten die Zoom- Gottesdienste neue Möglichkeiten: Auf einmal konnten Gemeindemitglieder aus der Hafenstadt Guayaquil und aus Quito gemeinsam eine Predigt hören und Fürbitten halten. Aber das Gemeindeleben fiel der virtuellen Barriere weitgehend zum Opfer; Kinder und Jugendliche kamen auf dem Bildschirm gerade noch einmal zu Heiligabend vor. 

Einen Monat nach der Ankunft des Pfarrers kam der Lockdown

Und nun steht Pfarrer Walter Baßler vor dem improvisierten, von einem Wellblechdach geschützten Altar und teilt das Abendmahl aus, an Erwachsene und Kinder. Die Hunde schauen zu. Wenn man so will, ist Baßler ein Corona-Opfer. Am 01. Februar 2020 landete er mit seiner Frau Susanne in Quito, um dort für einige Monate als von der EKD geschickter „Ruhestandspfarrer“ in der deutschen Gemeinde auszuhelfen. Die 1957 gegründete „Evangelisch- lutherische Kirche deutscher Sprache“ (IELE) hatte da schon lange keinen regulären entsandten Geistlichen mehr; die vierzehntäglich stattfindenden Gottesdienste wurden mit viel Engagement von zu Prädikanten fortgebildeten Gemeindemitgliedern gehalten. 

Dabei verfügt die deutsche Gemeinde über ein eigenes Grundstück, mit der 1958 erbauten Kirche, Pfarrhaus, den ein paar Jahre später errichteten Gemeinderäumen und einem großem Garten. Das großzügige Gelände steht auch der ecuadorianischen lutherischen Gemeinde und den amerikanischen Anglikanern für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Das Ehepaar Baßler sollte Haus und Garten gut kennenlernen, denn einen Monat nach ihrer Ankunft kam Corona, und damit der strenge Lockdown. Nur noch zum Einkaufen von Lebensmitteln durfte das Haus verlassen werden. Flüge nach Europa gab es über Monate nicht mehr. 

Walter Baßler in Aktion © Christoph Hirtz

Gemeindeaufbau über Zoom und Handy

Aber das Pfarrerehepaar ließ sich nicht entmutigen. Beschloss, erst einmal in Quito zu bleiben. Knüpfte über Handy und Computer Kontakte. Hackte tagelang Holz, nachdem ein großer Baum im Pfarrgarten umgestürzt war. Organisierte, sobald das wieder möglich war, die technische Ausstattung für die Zoom-Gottesdienste. Und begann, unterstützt von der EKD, mit dem seit langem erhofften Wiederaufbau der Kirche „an Leib und Seele“. Nicht nur wurden umfangreiche Renovierungsarbeiten an Pfarrhaus und -garten durchgeführt, auch in Kirchenvorstand und Gemeindeleitung gab es mit der Zeit zahlreiche neue Gesichter. 

„Wir wollen jetzt einmal im Monate einen Gottesdienst im Freien für die ganze Familie anbieten“, kündigt Jens Kläne, der neue Verwaltungschef der Gemeinde an. „Es gibt noch einige bürokratische Hemmnisse, die uns daran hindern, den eigentlichen Kirchenraum wieder zu nutzen“, erklärt Anke Naumann, die Vorsitzende des Kirchenvorstandes. „Aber wir finden schon eine Lösung; wir haben ja den Pfarrgarten, in dem wir Gottesdienst feiern können, und auch über Weihnachten haben wir uns bereits Gedanken gemacht.“ 

Gottesdienst im Freien: In Quito zum Glück immer eine Option

Dabei erwähnt sie nicht, dass natürlich auch das Geld immer knapp ist in einer Gemeinde, die von den Spenden ihrer Mitglieder leben muss, und von den Kollekten, die anderthalb Jahre lang faktisch ausblieben. Freiluftgottesdienst – in Quito und Umgebung fast an jedem Sonntagvormittag eine Option, denn der tägliche heftige Regenguss ereilt die Stadt meist erst am Nachmittag. Und so toben die Scharen blonder Kinder, die eben noch nach Regieanweisung in der Predigt Jesus zugejubelt haben, jetzt wild durch den Garten. Die Bratwürste brutzeln auf dem Grill, und irgendwo hat einer der Jünger zur Gitarre gegriffen. Die Tischgesellschaft singt entspannt mit. Wir wissen jetzt, was uns gefehlt hat im letzten Jahr. 

27. Oktober 2021

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Leben und Gesellschaft

Neues Schuljahr in Ecuador: Kaum Schule, keine Zukunft

„Wir beginnen mit dem Unterricht im September 100% digital; sobald wie möglich wollen wir diejenigen Schüler, die keinen Zugang zum Internet haben, in die Schule holen. Aber solange wir hier kein fließendes Wasser haben, geben uns die Behörden nicht die Erlaubnis“, erzählt der Lehrer einer unweit der Stadt Portoviejo gelegenen staatlichen Schule mit rund 900 Kindern. „Wir haben schon ein Waschbecken am Eingang installiert,  jetzt müssen wir noch die Beschilderung planen, dann können wir die Genehmigung zur Öffnung beantragen“, erklärt der Leiter einer kleinen Grundschule in den Bergen bei Quito. Zum Ende der Sommerferien in Ecuador schauen Lehrer und Eltern dem Schulbeginn mit Hoffnung und Skepsis entgegen. 

Während in Europa das Schuljahr trotz zum Teil steigender Inzidenzen vergleichsweise normal begonnen hat, sind weite Teile Lateinamerikas und der Karibik von der Rückkehr zur schulischen Normalität noch weit entfernt. Seit im März 2020 alle Schulen des Kontinents (mit Ausnahme Nicaraguas) geschlossen wurden, gab es zwar in einzelnen Ländern vorsichtige Versuche, unter strengen Auflagen wieder Präsenzunterricht zuzulassen. Im Durchschnitt jedoch versäumte ein Kind auf diesem Kontinent bis zum 30. Juni 2021 bereits 154 Schultage – mehr als in jeder anderen Weltregion. 

Fast fünfzig Prozent sind doppelt geimpft, aber die meisten Schulen öffnen nicht

Seitdem hat sich das Bild differenziert. Während das kleine Uruguay mit einer Impfquote von 72,% seine Schulen schnell wieder öffnete, ist in Peru (24%) und Venezuela (21,7%) bisher kein Datum für eine Rückkehr der Schulkinder in Sicht. In Ecuador hat die Ende Mai angetretene Regierung von Guillermo Lasso offiziell die Rückkehr zur Präsenzschule als Ziel bekanntgegeben und jenen Schulen, die bereits über ein genehmigtes Hygienekonzept verfügten, die Öffnung mit bis zu 30% ihrer Schülerzahl gestattet. Mittlerweile haben im Landesdurchschnitt fünfzig Prozent der Bevölkerung beide Impfungen gegen COVID erhalten; in der Hauptstadt Quito und der sie umgebenden Provinz Pichincha sind es fast achtzig Prozent. 

Tatsächlich hat jedoch zum 1. September, wenn im Hochland und im Amazonasgebiet das neue Schuljahr beginnt, nur rund ein Fünftel aller Schulen im Land eine Genehmigung zur Öffnung beantragt und erhalten. Bei vielen dieser Schulen handelt es sich um Zwergschulen in entlegenen ländlichen Gegenden, mit sehr geringen Schülerzahlen. So werden deshalb nur wenig mehr als 200.000 von rund viereinhalb Millionen ecuadorianischen Schulkindern ab September tatsächlich wieder Unterricht in einem Klassenraum haben. Kindergärten und Vorschulen bleiben weiterhin geschlossen.

Die Angst vor einer Ansteckung von Kindern ist übergroß

Dass die Rückkehr zur Präsenzschule in fast ganz Lateinamerika so schleppend vorangeht, liegt an mehreren Faktoren. Die hiesigen Eliten, denen die Regierungsmitglieder in der Regel angehören, konnten mit Homeoffice und Homeschooling gut leben: Ihre Kinder gehen auf gut ausgestattete Privatschulen, die zu Beginn der Pandemie schnell auf zuverlässigen, modernen und akademisch durchaus anspruchsvollen Online-Unterricht umstellten. Dass beispielsweise in Ecuador rund die Hälfte aller Kinder anderthalb Jahre lang überhaupt keinen Zugang zu digitalem Unterricht hatte, und die große Mehrheit der übrigen mehr schlecht als recht per WhatsApp betreut wurde, spielte in der Beurteilung der Krise durch die Eliten kaum eine Rolle. Viele dieser Familien sehen bis heute keinerlei Grund, weshalb ihre Kinder jemals wieder physisch eine Schule betreten sollten.

Dazu kommt, dass lateinamerikanische Eltern ihre Kinder, wenn die ökonomischen Verhältnisse dies erlauben, sehr behütet erziehen. Die Angst davor, dass dem Kind etwas geschehen könne, ist insbesondere in der Mittel- und Oberschicht unendlich. So halten sich hartnäckig auch in gebildeten Kreisen Gerüchte, denen zufolge neben den älteren Menschen besonders die Kinder durch Corona gefährdet und regelmäßig auf den Intensivstationen zu finden seien. Dass die Sterblichkeit in Ecuador inzwischen auf einem niedrigerem Niveau als dem vor Beginn der Pandemie angekommen ist, wird von den Medien kaum kommuniziert. 

Zahlreiche bürokratische Hürden verhindern Präsenzunterricht

Am Ende aber ist es vor allem die staatliche Bürokratie, die dazu führt, dass Millionen von Kindern in Lateinamerika der Aufstieg durch Bildung verwehrt bleiben wird: „Nächstes Jahr im Februar werden meine Kinder vielleicht wieder in die Schule gehen, hat uns die Schulleitung gestern gesagt“, berichtet Amalia, eine Mutter von zwei Kindern. Jede einzelne der 3.000 privaten und 14.000 staatlichen Schulen im Land muss einen Antrag auf Wiederöffnung stellen; jede dieser Schulen wird von Mitarbeitern des Schulministeriums persönlich geprüft; jedes Kind, das wieder in seine Schule möchte, muss dies einzeln beim Ministerium beantragen. Jede Schule ist verpflichtet,  parallel zum Präsenzunterricht eine virtuelle Variante anzubieten, solange sich nicht 90% der Eltern für eine Rückkehr ausgesprochen haben – so bestätigte es die ecuadorianische Schulministerin Maria Brown unlängst in einem Interview.

Das überfordert nicht nur die schlecht ausgestatteten staatlichen Institutionen: „Es ist ganz schön heftig mit dem hybriden Unterricht, denn da habe ich immer gleichzeitig 12 Kinder online und sechs Kinder präsent, und es ist eben Schule, und da passieren Sachen: Ein Kind ist hingefallen und bricht sich den Arm, ein anderes muss sich übergeben, und da müssen die, die zu Hause an den Bildschirmen sitzen, eben warten“, erzählt die Lehrerin einer privaten Grundschule. 

Eine Generation verliert die Hoffnung auf Aufstieg durch Bildung

Hunger und Gewalt haben im vergangenen Jahr in den ärmeren Haushalten Ecuadors messbar  zugenommen. In den vielen kleinen Küstenorten, wo es jetzt erstmal seit über einem Jahr wieder ein wenig Tourismus gibt, müssen die Eltern dringend arbeiten gehen, um überhaupt wieder Geld ins Haus zu bringen – dann passt die Neunjährige auf den vierjährigen Bruder auf, während die Mutter am Strand Eis verkauft. Es wird gefürchtet, dass bis zu 25% dieser Kinder nicht wieder in das Schulsystem zurückkehren werden. 

Das Kinderhilfswerk UNICEF fordert seit rund einem Jahr eine kontrollierte, aber zügige Öffnung der Schulen: „Wir können nicht warten, bis die Infektionsrate bei Null ist….Wir können nicht warten, bis alle Lehrer und Schüler geimpft sind…Wenn wir die Schulen geschlossen halten, nehmen wir unseren Kindern ihre Zukunft.”

31. August 2021

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Leben und Gesellschaft

Gläubige und Wohltäterin: Maria Augusta Urrutia

Wer war Maria Augusta Urrutia? Ein Porträt von ihr gibt es in ihrem kolonialen Haus in der Altstadt Quitos. Unauffällig hängt es ein einer Ecke des Salons, der „sala principal“. Nonne, oder Braut? Beides ist denkbar, der Maler Victor Mideros (1888 – 1967) lässt es in diesem Gemälde der Siebzehnjährigen offen. Links davon befindet sich das größere Bild von Maria Augustas Mann Alfredo, der zum Zeitpunkt der Heirat bereits 45 Jahre alt war, gegenüber diejenigen ihrer Eltern. 

Mehr Aufschluss über die Person der Hausherrin gibt das Arbeitszimmer.  Der Ort, an dem Maria Augusta Urrutia ihre zahlreichen Besitzungen, wohltätigen Stiftungen, Bildungseinrichtungen, Studentenheime verwaltete. Ein Raum, der wie das Büro eines Fabrikbesitzers vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts anmutet: Auf dem zentral in der Mitte platzierten imposanten Schreibtisch Telefon, Globus und Sanduhr, daneben Schreibmaschine und Kasse. Die gebildete und energische Hausherrin traf, beraten von Buchhalter und Sekretär, alle Entscheidungen selbst, auch die finanziellen. Aber sie wusste um ihre Grenzen. Gegenüber dem Schreibtisch an der Wand hängt, immer im Blick, ein ebenfalls von Victor Mideros gemalter Christus mit dem Titel „Yo soy“ – „Ich bin“. 

Das Stadthaus eines gebildeten und weitgereisten Paares

Maria Augusta Urrutia wurde 1901 als Tochter gebildeter und vermögender Eltern geboren; ihr  Vater Julio Urrutia gründete 1897 das erste Elektrizitätswerk Quitos. Einen großen Teil ihrer Jugend und Ausbildung verbrachte Maria Augusta in Frankreich, wo sie den aus Kolumbien stammenden Alfredo Escudero Eguigurén kennenlernte, den sie im Jahr 1921 heiratete. Mit ihm bezog sie das Stadthaus in der Calle Garcia Moreno, in dem sie bis zu ihrem Tode lebte. 

Italien in Quito: Das in den Zwanziger Jahren eingerichtete Badezimmer

Der Reichtum und der europäisch beeinflusste Geschmack des Paares zeigen sich in der Einrichtung des Hauses, die bis in die Details weitgehend erhalten ist. Spektakulär ist das vollständig originale Bad aus den Zwanziger Jahren mit seinen italienischen Glasfenstern; beeindruckend die Kombination von Antiquitäten und Skulpturen der Schule von Quito mit Teppichen, die von inkaischen Mustern inspiriert sind. So zeitgebunden die Räume eingerichtet waren, hatte das Ehepaar offenbar auch einen Blick für das kulturelle Erbe Lateinamerikas und Ecuadors.

Die Ehe blieb kinderlos. Bereits 1931 starb Alfredo Escudero und hinterließ seiner jungen Witwe unter anderem unermesslichen Grundbesitz mit zahlreichen Haciendas rund um Quito. Schon zu Lebzeiten ihres Mannes hatte sich die junge Frau vor allem der Verwaltung der familieneigenen Ländereien gewidmet. Nunmehr fasste sie den Entschluss, ihr Vermögen zugunsten von Bedürftigen und zum Nutzen der Stadt Quito einzusetzen. Ihrem Wunsch, in ein Kloster einzutreten, hatten die Eltern widersprochen, die ihre einzige Tochter gerne weiter um sich haben wollten.

Essen, Bildung und ein Dach über dem Kopf: Grundlagen für ein Leben in Würde

Bereits im Jahr 1932 eröffnete Maria Augusta einen Mittagstisch für Bedürftige, wo sie täglich zunächst dreißig, später bis zu hundert Kinder willkommen hieß. Die damals aus Deutschland angeschaffte Küche, in der die Mahlzeiten zubereitet wurden, ist heute noch im Wohnhaus zu besichtigen. Ein anderer Aspekt, der der Mäzenin am Herzen lag, war die Schul- und Universitätsbildung von Kindern und Jugendlichen aus den ländlichen Gegenden Ecuadors. In dem von ihr initiierten Wohnheim „Hogar Javier“ fanden in fünfzig Zimmern Studenten der staatlichen Universität zumeist kostenlos eine Unterkunft. Bis in die Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein stifte Maria Augusta immer wieder Teile ihres immensen Landbesitzes, damit dort Schulen oder andere Bildungseinrichtungen errichtet werden konnten.

Gründung der Stiftung “Mariana de Jesús”

Im Jahr 1939 gründete sie die Stiftung „Mariana de Jesús“, die bis heute Bestand hat, und der die Stadt Quito unter anderem ihre Wasserversorgung und das Gelände des großen Stadtparks „La Carolina“ verdankt, Mit der Benennung ihrer Stiftung stellte sich Maria Augusta Urrutia bewusst in die Tradition der ecuadorianischen Nationalheiligen Mariana de Jesus de Paredes (1618 – 1645), ebenfalls einer jungen Frau aus gutem Hause, deren Lebenslauf dem ihrem in manchem glich.

Wie in so vielen Familien der ecuadorianischen Elite bis heute, spielte der katholische Glaube eine zentrale Rolle im Leben der Stiftungsgründerin. Sage und schreibe 89 Gemälde des vor allem zu christlichen Themen arbeitenden Victor Mederos schmücken ihr Haus. Schon früh hatte sie sich mit den Lehren des Ignacio von Loyola beschäftigt; einer Skulptur des Mitbegründers des Jesuitenordens gebührte ein Ehrenplatz neben dem Bett in ihrem Schlafzimmer. Ebenso wie Mariana de Jesús wählte auch Maria Augusta Urrutia sich einen Jesuitenpater (Eduardo Vásquez) als geistlichen Begleiter.

Die Mäzenin starb hochbetagt im Jahr 1987; zehn Jahre später wurde ihr Haus in ein der Öffentlichkeit zugängliches Museum in der Verwaltung der von ihr gegründeten Stiftung umgewandelt. Ihr Grab befindet sich, ebenso wie das der Stiftungspatronin Mariana de Jesús, in der prächtigen barocken Jesuitenkirche „Compañia de Jesús“, nur wenige Schritte entfernt von dem Haus, in dem sie ihr ganzes erwachsenes Leben verbracht hatte.

Casa Museo Maria Augusta Urrutia, Calle Garcia Moreno 760, Tel. 00593 – 2 – 258 01 03, Direktorin Victoria Mora. Besuch nur mit Führung auf Spanisch oder Englisch ca. 1 Stunde.

10. Juni 2021

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Leben und Gesellschaft

Regierungslose, schreckliche Zeit: Warten auf Guillermo Lasso

Am 24. Mai wird Guillermo Lasso als Präsident Ecuadors in sein Amt eingeführt. Damit, so hoffen es viele, enden die gut anderthalb Jahre, in denen die scheidende Regierung von Lenin Moreno sich immer weiter in Korruption und Bedeutungslosigkeit verlor. Seit dem 21. Mai ist auch der zur Pandemie-Bekämpfung verhängte Ausnahmezustand beendet, und in der Bevölkerung macht sich angesichts eines langen Wochenendes ohne nennenswerte Restriktionen Karnevalsstimmung breit. Die Autos sind für den Wochenendausflug gepackt, Restaurants und Innenstädte voll von Menschen, aus den Gärten der Vorstädte schallt Musik.

Der neuen Regierungsmannschaft allerdings dürfte kaum nach Party zumute sein, denn die vor ihr liegenden Aufgaben sind riesig: Die staatlichen Kassen sind leer, das Land ächzt unter der dritten Corona-Welle, der Impfprozess läuft wegen Mangels an Impfstoff und Desorganisation schleppend. Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger haben rapide zugenommen; Bildungschancen sind als Folge der seit März 2020 andauernden Schulschließungen verschwunden.

Die Neuerfindung des Guillermo Lasso

Der erfolgreiche Selfmadebanker Lasso, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammt und nie eine Universität besuchen konnte, hat sich in den vergangen Monaten in Demut geübt und um die Unterstützung von Frauen, Indigenen, sozial Schwächeren geworben. Mit 52,4 Prozent konnte er sich im zweiten Wahlgang im April gegen seinen Herausforderer Andrés Arauz, eine Marionette des diktatorischen Ex-Präsidenten Rafael Correa, durchsetzen. Er  tritt mit einem motivierten Experten-Kabinett und dem Versprechen an, mit vereinten Kräften dem von Wirtschafts- und Gesundheitskrise gebeutelten Land wieder auf die Beine zu helfen. Dabei will er den Kontakt zu allen Teilen der tief gespaltenen ecuadorianischen Gesellschaft  suchen: „Encontrémonos“ – „Sprechen wir miteinander“, ist seit den letzten Wochen des Wahlkampfes sein Motto. 

Das neue Kabinett trägt ungewohnt junge, professionelle und individuelle Züge. Die zukünftige Integrationsministerin Mae Montaño, Erziehungswissenschaftlerin und Ingenieurin aus der Küstenprovinz Esmeraldas, beantwortet die Frage nach ihrem Kindheitstraum nüchtern: Sie habe in der Regel davon geträumt, am nächsten Tag etwas zu essen zu bekommen. Dagegen stammt der designierte Finanzminister Simon Cueva aus einer traditionsreichen Familie von Politikern und Akademikern, hat in Frankreich studiert und verfügt aus seiner früheren Tätigkeit über gute Beziehungen zum Internationalen Währungsfonds, wichtig für das verschuldete Ecuador. Die Gesundheitsministerin Ximena Garzón ist Spezialistin in Öffentlichem Gesundheitswesen und Epidemiologie; Außenminister Mauricio Montalvo ist ein erfahrener Karrierediplomat, der zuletzt als Botschafter in Australien diente.

Regierung und Parlament: Feuer und Wasser

Auf zahlreichen Videos auf YouTube und TikTok präsentiert sich die Regierungsmannschaft als modernes und visionäres Team, beseelt von dem Gedanken, Ecuador mit Offenheit und neuen Ideen aus der Krise zu bringen. Doch dieser Optimismus dürfte bald auf eine harte Probe gestellt werden. Denn die Zusammensetzung des ebenfalls neu gewählten Parlaments spricht eine andere Sprache: In der von linken Kräften dominierten „Asamblea Nacional“ bilden die Anhänger der vom früheren Präsidenten Correa aus dem belgischen Exil ferngesteuerten UNES mit 49 Abgeordneten den größten Block. Zweitstärkste Kraft ist die Indigenenbewegung Pachakutik, die mit Guadalupe Llori die erste indigene Parlamentspräsidentin Ecuadors stellt. 

Lassos eigene Partei CREO verfügt nur über eine Handvoll Sitze im Parlament, ist also zum Regieren auf immer neue Konstellationen angewiesen, um die erforderliche Mehrheit von 70 der 137 Abgeordnetenstimmen zu erreichen. Bei der Wahl der Parlamentspräsidentin gelang dies durch einen Ad-Hoc-Zusammenschluss von CREO, Pachakutik und der Demokratischen Linken.  Gleichzeit kam es zum Bruch mit dem ehemaligen Wahlkampfpartner PSC, deren Abgeordneten nun jedes Mittel recht ist, um dem neuen Präsidenten Steine in den Weg zu legen. So konnte CREO anders als erwartet nicht den Vorsitz im wichtigen Wirtschaftsausschuss übernehmen. Dies wird die Ausgestaltung und Durchsetzung der von Lasso angekündigten Steuerreform im Parlament problematisch machen.

Lasso: für Ecuador – mit Gottes Hilfe

Bisher ist Lasso der Kritik seiner Gegner mit Humor begegnet. Ein bei TikTok vor wenigen Tagen veröffentlichtes Filmchen zeigt einen gutgelaunten Präsidenten in spe in Hemd, Jeans und den bereits emblematischen roten Turnschuhen; seine Hände umfassen ein Herz in den ecuadorianischen Nationalfarben: „Mir geht es um Ecuador, nicht um politische Ränkeschmiede“.  Während die Legislative um die Besetzung ihrer Ausschüsse rang, stellte ein entspannter Lasso der Öffentlichkeit seine Ministerriege vor.

Zur Amtseinführung am 24. Mai werden unter anderem der spanische König sowie Regierungschef Felipe Gonzalez, eine hochrangige Delegation aus den Vereinigten Staaten und diverse lateinamerikanische Staatschefs erwartet. Anders als bei früheren Präsidenten werden die Feierlichkeiten auf Wunsch des Opus-Dei-Mitglieds Lasso mit einer Messe in der Kathedrale beginnen. Und dann geht es an die Arbeit: Achtzig Dekrete sind bereits für den ersten Tag des neuen Kabinetts angekündigt. Die Sehnsucht des Landes nach einem Ende der de facto regierungslosen „schrecklichen“ Zeit ist groß. Aber ob die neue Regierung diese Sehnsucht wird befriedigen können, ist mehr als ungewiss.

22. Mai 2021

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Für Dich soll’s rote Rosen regnen – Muttertag in der App

Ein erster virtueller Blumenstrauß beim Aufwachen: „Feliz Día de la Madre!“ WhatsApp ist zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden. Oder nein: Es ist das Leben. Brot oder indisches Essen bestellen, Friseurtermin reservieren, die Katze in der Tierklinik anmelden – längst Gewohnheit. Im Archiv des Außenministeriums nachfragen, ob die gesuchte Akte zu einer in den Sechziger Jahren ins Ausland emigrierten Wissenschaftlerin gefunden wurde – nur über den direkten Kontakt zum Handy der Archivarin. Vor einigen Monaten wollte ich für unsere lokale Hilfsorganisation einen Termin mit einer Kirchengemeinde im Süden Quitos vereinbaren und erhielt binnen kurzem eine WhatsApp-Nachricht des Erzbischofs persönlich: Ob ich bitte rasch einmal anrufen könne?

Am heutigen Muttertag gibt das Smartphone gar keine Ruhe. In allen Chatgruppen strömen sie herein, die Bouquets, Gedichte, Grußkarten und Glückwünsche. Der Reitstall gratuliert ebenso wie die Schule, die Gemeinde, die Kollegen, die Nachbarn. Gewiss, auch am Tag des Lehrers und dem des Kindes ist viel Bewegung auf dem Handy, aber der Tag der Mutter, das ist in Ecuador eine Ikone. Ein Tag, der alle angeht, der die Herzen höher schlagen und die Familien zusammenkommen lässt. Der in normalen Jahren den Einzelhandel glücklich macht und die Restaurants zum Bersten füllt. 

Ohne Mariachi kein Muttertag, auch nicht in der Pandemie

Nicht so in diesen Tagen, in denen am Wochenende in sechzehn Provinzen des Landes strenge Ausgangssperre herrscht. Muttertagstechnisch ein Desaster. Keine Besuche bei der Familie, es sei denn, man hat  schon am Freitag Abend Mutter, Ehemann, Kinder und Cousins samt den benötigten Lebensmitteln und Alkoholika in den Pick-up gepackt und ist auf die Hacienda gefahren. Geplante Rückkehr in die Stadt am Montagmorgen. Aber halt, ein Zugeständnis gibt es, vom nationalen Notstandskomitee in letzter Minute gewährt: Die traditionell zum Muttertag angeheuerten Sängergruppen der „Mariachi“ dürfen auch in diesem Jahr den Müttern zu Ehren ihre Ständchen bringen, solange sie auf der Straße bleiben und nicht länger als dreißig Minuten vor dem Haus verweilen. Ein Besuch auf der zentralen Website, eine Nachricht an die dort genannte Nummer, und schon ist der musikalische Gruß an die Mutter in Auftrag gegeben.

Blumen darf man ebenfalls per App nach Hause ordern, ausnahmsweise an diesem Sonntag. Und das Restaurant um die Ecke liefert, irgendwie, wir sprechen mal nicht darüber. Die Nummer der Eigentümerin, wo war die noch…? Die Tageszeitung macht reich bebildert auf mit „Fünf Mütter, fünf Leben“, und kündigt zur Feier des Tages eine vierseitige Sonderbeilage an. Direkt darunter, als wäre es Werbung für lokales Kunsthandwerk, ein nur unwesentlich kleinerer Text: „Spezialisten für Särge und Urnen haben in der Pandemie besonders viel Arbeit“. Diese dumme Realität, die einem immer nur für eine halbe Seite die Feiertagslaune gönnt.

Das größte Geschenk an die Mutter: die Impfung

In Kenntnis dieser Realität versuchten sich manche Ecuadorianer an einem den Umständen angemessenen Geschenk für die Mutter: dem Ergattern einer COVID-Impfung. Die staatliche Sozialversicherung IESS hatte vor wenigen Tagen angekündigt, dass nunmehr alle Bürger über 65 Jahre einen Termin in den sogenannten Impfzentren  reservieren könnten. Da das mit dem Reservieren online oder per Telefon aber oft nicht so recht klappen will, nahmen viele Söhne und Töchter die Dinge entschlossen selbst in die Hand: „Ich werde am Samstag mit meiner Mutter losgehen und schauen, dass sie die Impfung bekommt, egal wie“, verkündete eine Bekannte vor wenigen Tagen. Am 4. Mai sind angeblich 100.000 Dosen Biontech am Flughafen in Quito angekommen, also neues Spiel, neues Glück. Und irgendjemand sagte doch etwas von einer halben Million Dosen Sinovac? Aktuelle Info liefert der Chat mit Freunden und Bekannten.

Wer nicht stundenlang in Sonne und strömendem Regen anstehen will und über das nötige Kleingeld verfügt, wählt die bequeme Variante: Den Flug in die USA. Eine vollkommen rationale Entscheidung: Da die Kosten einer hiesigen Krankenhausbehandlung trotz Versicherung schnell in die Zehntausende von Dollar gehen, scheint ein Flug nach Miami oder Atlanta auch ökonomisch die sinnvollste Lösung. Die Partygespräche (nein, natürlich keine Parties, nur Treffen im Garten unter strengster Einhaltung der Abstandsregeln) dieser Tage sind voll davon: „Wir sind dann einfach von Ort zu Ort gefahren, um zu gucken, wo wir drankommen. Die Kinder in der einen Stadt, mein Mann und ich im Nachbarort. Das war schon Arbeit, und es dauerte lange, aber schließlich hat es geklappt.“

Ein Leben ohne WhatsApp? Nicht denkbar in Ecuador

Koordinierung des familiären Impftermins über die interne WhatsApp-Gruppe, selbstverständlich. Mal so eben so zu einem anderen Anbieter wechseln? Gar ganz darauf verzichten? „Ohne Sinn“, würde unser Siebzehnjähriger dazu sagen. Datenschutz ist eine amüsante Idee in einem Land, in dem man nur die zehnstellige Personalausweisnummer eines Bekannten googeln muss, um beinahe alles über dessen Leben zu erfahren. In einer Zeit, in der man alle Regierungsbeamten im Homeoffice ausschließlich über die grüne App erreicht. Welcher befreundeten Mutter wollte ich noch Blumen schicken? Nie war es einfacher als heute.

Sonntag, 09. Mai 2021

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Mein Haus oder mein Grab

Der Chat unserer gutbürgerlichen Wohnsiedlung am Rande von Quito ist ein von den Nachbarinnen kontinuierlich genutztes Forum, um nach vermissten Haustieren zu fahnden, vor neuen Schlaglöchern zu warnen, die Predigt des Lieblingspfarrers zu teilen oder die vom Neffen vermarkteten Erdbeeren anzubieten. Seit zwei Wochen hat sich der Tonfall dort geändert. Wie legt man seine zwei Schutzmasken beim Verlassen des Hauses korrekt übereinander an? Wieviel Ivermectin sollte ich wann einnehmen? Zusätzlich zum hier weiter beliebten Chlordioxid? Gekrönt von der geradezu schon klassischen illustrierten Aufforderung:  „Du hast die Wahl: „encerrado“ (eingeschlossen) oder „enterrado“ (begraben), in immer neuen Varianten. 

Seit dem 23. April ist die Wahl eigentlich keine mehr: Absolute Ausgangssperre jeweils von Freitag 20.00 Uhr bis zum Montag 5.00 Uhr hat das Nationale Notstandskomitee COE angeordnet. Angesichts langer Wartelisten in den staatlichen Krankenhäusern und einer Übersterblichkeit, die sich allmählich der 100% – Marke im Vergleich zu den Vorjahren nähert. Während immer noch keine Tests zu erschwinglichen Preisen vorhanden sind, und der im Ausland bestellte Impfstoff weiterhin nur tröpfelt. Noch nicht zwei Millionen Impfdosen sind bisher ins Land gekommen, nur 1,2% der Bevölkerung sind vollständig geimpft.

Alternativlos?

An diesem ersten Wochenende zwischen Gemüsegarten, Gesellschaftsspielen und gemeinschaftlichem Fernsehen kommen Erinnerungen an die drei Monate des vergangenen Jahres auf, in denen das Verlassen des Hauses nur einmal in der Woche erlaubt war. Nicht einmal das Ausführen des Hundes ist ein genehmigter Grund, auf die Straße zu gehen. Kein Auto zu hören. Keine Musik aus den Gärten. Nur die Tischtennis spielenden Nachbarn in der Garage. Ob das wirklich nur die Kernfamilie ist…?

Familientreffen als Hauptinfektionsherde

Denn die übliche COVID-Erzählung in Ecuador geht so: „Meine Tante ist letzte Woche am Virus gestorben. Aber meine Mutter hatte es auch, und meine Geschwister, und dann natürlich der Kleine; der Schwiegervater hat es glücklicherweise gut überstanden“. Wie hieß es doch damals in dem Eltern-Chat der Klasse eines meiner Kinder, als die Schulen bereits monatelang geschlossen waren: „In diesem Jahr haben wir gelernt, was wirklich zählt: Familie und Gesundheit“. Nur, dass das eine in Ecuador nicht gemeinsam mit dem anderen zu haben ist. Der neue wochenendliche Lockdown wurde  vor allem verhängt, um die großen Familientreffen und Parties zu verhindern.

Die Seuche hat nun auch die Wohlhabenden mit Macht erreicht. Familien, die mit vier Generationen gemeinsam auf einem riesigen Grundstück leben, sich aber beim sonntäglichen Mittagessen so selbstverständlich nahekommen, wie man es unter Verwandten eben tut. Familien, die die Urgroßmutter mit Symptomen erst nach sieben Tagen in ein Krankenhaus bringen, und sie anschließend wieder in ihre Wohnung holen, um ihr einen würdigen Tod zu bereiten. Familien, die ihre Teenager-Kinder mit Cousins und Freunden abends entspannt feiern lassen, um ihnen die Sozialkontakte zu ermöglichen, die sie für wichtiger und sicherer als Schulunterricht in einem kotrollierten Ambiente halten.  Familien, die aber notfalls auch noch einen Platz im privaten Krankenhaus ergattern oder zum Impfen in die USA fliegen können.

Noch schnell das Notwendigste für die drei Tage zu Hause besorgen

Freitag Abend 18.00: Das Zentrum des Städtchens Cumbayá ist voll von Einkäufern. Noch schnell Öl, Zucker und Kochbananen besorgen, Hundefutter, Getränke. An den Bushaltestellen Trauben von Menschen, Plastiktüten in der Hand. Die Busse nach wie vor gerne mit geschlossenen Fenstern. Vor mir ein offener Lastwagen mit weißen Sauerstoffflaschen, großen und kleinen. Die Listen, wo notfalls Nachschub erhältlich ist, zirkulieren bereits im Netz, Indien lässt grüßen. Die Zahl der bettelnden venezolanischen Flüchtlingsfamilien an der Kreuzung scheint größer als je zuvor – wovon werden sie in den kommenden Tagen leben?

Auch nach einem Jahr Pandemie ist es fast unmöglich, auf offiziellem Wege an verwertbare Daten zu Infizierten und Verstorbenen zu gelangen. Aber es ist zu vermuten, dass die Mehrheit der Corona-Kranken Ecuadors nach wie vor zu Hause stirbt, ohne je einen Test gemacht oder einen Arzt gesehen zu haben. Keine Überraschung, da vor den Toren der großen staatlichen Krankenhäuser dieser Tage oft mehr als 100 Patienten warten. Offiziell wird die Zahl der getesteten und vermuteten Corona-Toten seit Beginn der Pandemie mit etwa 18.000 angegeben; aber allein für das Jahr 2020 verzeichnete das statistische Amt mehr als 40.000 zusätzliche Todesfälle im Vergleich zu 2019. Sterben tun in Ecuador vor allem diejenigen, die keinen Arbeitsvertrag, keine Gesundheitsversorgung, wenig zu essen und keine Lobby haben. Aber eben nicht nur sie.

Nicht einzudämmen: Heimliche Tauffeiern und Geburtstagsfeste

Die Bilanz des ersten Wochenendes zu Hause in den trockenen Zahlen des Notstandskomitees: fast 1500 heimliche Feste aufgelöst, 117 Personen festgenommen, 7% weniger Menschenansammlungen. Und in der jetzt beginnenden Woche, die den auf Freitag vorgezogenen Maifeiertag einschließt, sollten alle Bürger bereits ab Donnerstag Abend in den Häusern bleiben. Aber halt, schon macht die Regierung eine Rolle rückwärts und verkündet für den Feiertag freie Fahrt für freie Bürger. Nur bis acht Uhr Abends, dann schließen sich bis zum Montag wieder die Haustüren, so lange niemand hinschaut. 

Die Leser der vor allem im weißen, bürgerlichen Milieu beliebten Tageszeitung „El Comercio“, zeigen sich in einer Online-Umfrage dementsprechend skeptisch, was die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen angeht.  „Nur im gemeinsamen Gebet werden wir geheilt“, sagt der Nachbarinnenchat. Und durch Händewaschen dreimal am Tag, ja, natürlich.

26. April 2021

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Ausnahmen vom Ausnahmezustand

Sieben Uhr abends am Karsamstag, Im überdachten Hinterhof eines typischen alten Stadthauses in Cuenca, der drittgrößten Stadt Ecuadors, spielt Musik. Auf der Bühne des Restaurants ein singender Gitarrist und ein Saxophonspieler, die die zumeist jungen Gäste mit eigenen Arrangements erfreuen. Es wird geklatscht und gelacht, gut gegessen und der ein oder andere Cocktail genossen. Zwar stehen die wenigen Tische mit Abstand, tragen die Kellner Maske, sind ohnehin nicht allzuviele Menschen da, aber dennoch: Ein unwirkliches Ambiente. Je weiter der Zeiger der Uhr vorrückt, desto mehr. Während wir vorsichtig berechnen, ob die Zeit bis zur Sperrstunde um acht Uhr noch für einen Nachtisch reicht, beruhigt uns der Kellner: „Keine Eile, wir machen dann nur die Türen nach draußen zu. Die Taxis fahren eh auch noch später.“

In der Nacht zu Karfreitag beschloss die Regierung von Präsident Lenin Moreno, nicht nur alle Strände und Nationalparks über die Feiertage zu schließen, sondern mit unmittelbarer Wirkung in acht Provinzen des Landes wieder den Ausnahmezustand zu verhängen: Sperrstunde ab 20.00 Uhr, Autofahren nur an jedem zweiten Tag je nach Kennzeichen, Weiterführung des verpflichtenden Home Office für alle Staatsbediensteten, Fortsetzung der seit März 2020 bestehenden Schulschließungen. Treffen mit Personen außerhalb der Familie seien verboten, ebenso wie der Verkauf von Alkohol am Abend und an den Wochenenden. Das Militär werde die Einhaltung der Maßnahmen überwachen, deren Dauer noch ungewiss sei.

Als die Ecuadorianer am Karfreitag Morgen aufwachten, rieben sie sich verwundert die Augen, und wandten sich wieder ihrem Tagesgeschäft zu. Nach der gängigen Devise, dass in diesem Land nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird.  Auf den Landstraßen waren an diesem Feiertag tatsächlich nur wenige Fahrzeuge unterwegs, aber deren Kennzeichen endeten auf alle nur denkbaren Ziffern. Bis zum Abend erreichten das gegenüber der Regierung und ihren Verlautbarungen weitgehend gleichgültig gewordene Volk immer neue Versionen der Empfehlungen des nationalen Notstandskomitees und des begleitenden Präsidentendekrets.

Ein Präsidentendekret und seine Umsetzung in der Wirklichkeit

Samstag Morgen gegen neun Uhr brechen wir in die Innenstadt von Cuenca auf, und der Spuk scheint vergessen.  In der Kathedrale am Hauptplatz beten die Gläubigen weit verstreut im riesigen Gebäude; davor haben die Verkäufer von Kerzen, Weihrauch und Kochbananenchips ihre üblichen Stände neben den Schuhputzern aufgebaut. Die Autos drängeln sich in den engen Straßen, das Geschäft auf dem Blumenmarkt floriert, und das in einer ehemaligen Entzugsanstalt untergebrachte städtische Museum für Moderne Kunst kann sich über Besuchermangel nicht beklagen. Auch dort die typischen, ineinander übergehenden Innenhöfe, offenen Durchgänge, luftigen Räume. Im gegenüberliegenden Kaffee entspannen junge Familien in der Sonne, studieren Studenten bei einem frischen Obstsaft, teilen Paare das Eis mit dem Hündchen auf dem Schoß.

Mittags sind wir bei einer befreundeten Familie im Garten zum Essen eingeladen. Wo man vorher noch schnell eine gute Flasche Wein bekommen könne, fragen wir die Empfangsdame im Hotel? Der von ihr empfohlene Supermarkt erweist sich als Fehlschlag: Gelbes Klebeband ziert das Weinregal, und die zur Bewachung abgestellte Verkäuferin erinnert uns an die „Ley seca“, das „Gesetz zum Trockenbleiben“, das heute doch gelte. Also Schokolade statt Wein mitbringen. Oder doch nicht? Es klopft an der Tür unseres Hotelzimmers: „Falls Sie eine Flasche brauchen, meine Schwester könnte Ihnen da helfen…“

Wo Tests und Impfungen unerreichbar sind, wird Corona in den Alltag integriert

Seit dem 17. März 2020 lebt Ecuador mit den Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona – und um sie herum. Mal mit, mal ohne Ausgangssperre. Mal mit, mal ohne Alkohol. Mit ständig wechselnden Regelungen zum Autofahren. Einige Museen sind geschlossen, andere geöffnet. Restaurants und Hotels dürfen 50% ihrer Plätze besetzen, aber das ist ein dehnbarer Begriff. Auf wenige Dinge kann man sich verlassen: Familien dürfen sich in jeder beliebigen Größe treffen unter Einschluss aller Cousins und der Urgroßeltern; die Regierung und ihre Beamten arbeiten von zu Hause über WhatsApp, und die Schulen bleiben geschlossen. Kostenlose Tests und Impfungen sind für den Großteil der Bevölkerung Ecuadors eine Fata Morgana: Seit Beginn dieses Jahres hat das Land 455.000 Impfdosen erhalten, von denen kaum 250.000 bisher ausgegeben wurden. Schnelltests? Außerhalb des Flughafens von Quito, wo jeder Einreisende verpflichtend getestet wird, ein unbekanntes Wort.

Es ist viertel vor acht an diesem Abend. Wir zahlen, treten auf die dunkle Straße. Am Bremsverhalten der Autofahrer ist leichte Nervosität zu erkennen. Polizei ist keine zu sehen. Wir laufen dennoch zügigen Schrittes Richtung Hotel. Durchqueren die Halle. Zimmertür zu, Maske ab.  Wenn uns Corona eines bisher gelehrt hat ist es, mit Widersprüchlichkeiten zu leben.

3. April 2021

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Leben und Gesellschaft

Einfach mit dem Kind zum Arzt gehen

Daniel Regalado ist ein Gummiball. Veranstaltungsorganisator, Koch, Schauspieler – und seit 2017 Vorsitzender der Vereinigung „Venezuela en Ecuador“. Als er vor elf Jahren aus Caracas nach Quito kam, war die Zahl der Venezolaner vor Ort überschaubar, ihr Verein klein. Aufgrund des nunmehr seit Jahren nicht abreißenden Flüchtlingsstroms aus Venezuela leben mittlerweile rund 435.000 venezolanische Staatsangehörige in Ecuador, davon geschätzte 28.000 in der Hauptstadt Quito. Viele von ihnen haben Kinder. An allen Straßenecken sieht man sie: Familien mit zwei und drei Geschwistern, Eis verkaufend, bettelnd, Schularbeiten machend, schlafend.

Binnen eines Jahr mit Corona ist der Anteil der Armen und Bitterarmen an der Bevölkerung Ecuadors wieder auf das Niveau von 2010 geklettert. Das statistische Amt konstatiert in seinem jüngsten Bericht, dass 32% der Bewohner zur Zeit von weniger als 2,80$ am Tag leben. Das ist etwa so viel, wie ein Liter Öl im Supermarkt kostet. Die allermeisten venezolanischen Flüchtlinge zählen zu den etwa 60% der Bevölkerung, die als „informales“ von der Hand in den Mund leben, ohne Arbeitsvertrag, ohne Krankenversicherung, oft ohne Papiere.

Das Ziel: Eine Arztpraxis für Flüchtlinge und Einheimische

Daniel Regalado hat einen Traum, der gerade Wirklichkeit wird: Mit mehreren befreundeten Ärzten will er eine Arztpraxis für Bedürftige aufbauen, mitten im Zentrum Quitos, im Sektor El Ejido. Einen Ort, wo Mütter mit ihren Kindern zu den Vorsorgeuntersuchungen kommen können; wo Menschen mit geringem oder keinen Einkommen die ärztliche Betreuung finden, die das staatliche Gesundheitssystem nicht leisten kann oder will. Dafür hat er sein ganzes Kontaktnetzwerk in Bewegung gesetzt und zwei gut gelegene Räume preisgünstig angemietet:  „Schauen Sie, die Möbel haben wir als Spende bekommen! Eine amerikanische Kirche hat uns die Farbe für die Wände gestiftet; und eine Textilfirma gibt uns die Kittel. Medikamente bekomme ich von befreundeten Ärzten und von verschiedenen Laboratorien. Noch zwei Wochen, dann sieht das hier alles wunderbar aus!“

In den zwei hellen Zimmern im zweiten Stock eines fast leerstehenden Hauses haben die Initiatoren sich heute getroffen: eine erfahrene Krankenschwester, ein Kinderärzteehepaar, vor drei Jahren als von der Regierung Verfolgte aus Venezuela geflohen: „Wovon wir geträumt haben, das bekommt jetzt eine Form, einen Ort.“ Dank ihrer Ausbildung und Arbeitserfahrung haben sie alle es geschafft, auf dem schwierigen ecuadorianischen Arbeitsmarkt eine Anstellung zu finden. Alle wollen sie nach ihrer Fluchterfahrung jetzt anderen helfen: „Wir haben bisher, auch aufgrund der Pandemie, Diagnosen oft per Telefon gestellt, wir machen Hausbesuche, bieten Beratungstage im Park an – aber es sind einfach zu viele Leute, die medizinische Hilfe brauchen“, sagt die Kinderchirurgin Ximena (Name geändert). 

Die staatlichen Gesundheitszentren sind überlastet

Die einfachen staatlichen Gesundheitszentren können diese Hilfe nicht anbieten: Sie sind mit den vielen Corona-Infizierten unter der ärmeren Bevölkerung beschäftigt, nehmen oft seit langem keine anderen Patienten mehr an. Selbst wo Raum wäre, bleiben die Kranken aus Angst vor einer Ansteckung im Sprechzimmer oder in der Klinik aus. Aufgrund der Wirtschaftskrise sind selbst die Standard-Impfstoffe oft nicht erhältlich. Damit ist „Vorsorge“ oder „Früherkennung“ für viele Menschen, die sich den Besuch in einer privaten Praxis nicht leisten können, zu einem Fremdwort geworden. 

Ab Mitte März soll das neue Zentrum solchen Familien eine Alternative bieten: Wenige Dollar nur müssen für eine normale Untersuchung bezahlt werden, ein wenig mehr für die Überweisung an einen der Spezialisten im Netzwerk. Wer nicht zahlen kann, wird umsonst behandelt. Woher weiß man, ob jemand Geld hat? „Ach, wir kennen hier alle. Und wir haben schon so viel gesehen – man merkt das einfach, ob jemand lügt.“ Ganz wichtig ist es allen Anwesenden, dass nicht unterschieden wird zwischen Venezolanern und Ecuadorianern. „Wir erleben täglich Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Aber wir wohnen hier, wir bleiben hier, wir müssen dem Land auch etwas zurückgeben“, sagt Daniel Regalado, der gute Kontakte zum Ombudsmann der Regierung pflegt.

Nach der Gesundheit kommt die Bildung

Sein nächster Wunsch: „Ein Pilotprojekt, um unsere Flüchtlingskinder besser in das hiesige Schulwesen zu integrieren; Nachhilfestunden für Bedürftige und Traumatisierte, in enger Zusammenarbeit mit Psychologen und Ärzten.” Nur 13.643 venezolanische Kinder im Schulalter sind im Schuljahr 2020/2021 in hiesigen Institutionen eingeschrieben.  „Wir wollen keine Venezolaner mehr“, kann man auf der Mauer einer Schule in Quito lesen. Aber heute sitzen neben den Ärzten eine Grundschullehrerin und ein Englischlehrer, die bereits an einem Plan arbeiten. Die schon jetzt Eltern beraten bei allen Schulproblemen. „Solche Leute habe ich in allen Stadtteilen, in allen großen Städten Ecuadors.“ Wer Daniel Regalado kennt, zweifelt nicht daran, dass er auch dieses neue Projekt in kürzester Zeit Realität werden lassen wird.

3. März 2021

Ab dem 14. April 2021 nimmt die Arztpraxis Anmeldungen entgegen. Das Formular finden Interessierte hier.

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Leben und Gesellschaft

Angst vor Corona und vor der Zukunft – Wahltag in Ecuador

Die Menschenschlange ist unendlich. Sie windet sich um zwei Blocks herum, die Straße hinauf, auf der anderen Seite wieder  herunter und endet schließlich am Eingang der Schule „Benjamin Carrión“ im Stadtteil „Comité del Pueblo“ (Volkskomitee) im Norden von Quito. Um sieben Uhr haben die Wahllokale geöffnet; der nationale Wahlrat hat empfohlen, dass alle Ecuadorianer, deren Ausweisnummer auf eine gerade Zahl endet, bis zwölf Uhr wählen, all die mit einer ungeraden Endziffer dann am Nachmittag. Aber aus Angst, nicht rechtzeitig zum Wahllokal zu gelangen, das um Punkt 17.00 schließen muss, sind viele Wähler früh aufgestanden.

Und nun stehen sie seit zwei Stunden in der Schlange, teils ergeben in ihr Schicksal, teils laut schimpfend: „Wo sehen Sie hier irgendeinen Abstand, es ist eine Schande!“, beschwert sich eine junge Frau. „Hört zu, wir sind von der Stadtverwaltung: Falls Ihr nach der Wahl Symptome spürt, kommt in das Stadion von Calderón, dort führen wir gratis PCR-Tests durch“, rufen zwei in Arztkittel gekleidete Männer in die Menge. „Dies hier ist unmöglich“, fügen sie, zu mir gewandt, hinzu. Die überforderte Wahlleiterin in der Schule möchte am liebsten gar keine Wahlbeobachter in ihren Räumen haben und kann auf Nachfrage nicht sagen, wie viele Wahlpflichtige hier registriert sind. 

Zwischen Wahlpflicht und Angst vor Corona

In einem anderen Wahllokal sollen heute 14.000 Bürger ihre Stimme abgeben. Das bedeutet 1.400  Personen pro Stunde, verteilt auf diverse Wahlräume und Stimmkabinen. In Ecuador besteht Wahlpflicht; wer nicht abstimmt, muss eine Reihe von Behördengängen erledigen und 39,40 US-$ Strafe zahlen, ein Zehntel des Mindestlohns, um das begehrte Papier zu erhalten, das ihm Pflichterfüllung bescheinigt. Wer das Wahllokal verlässt, strebt häufig gleich zu einem der zahlreichen Stände mit Laminiermaschinen, um den ergatterten Schein für die nächste Zeit sicher einzuschweißen: Keine Kontoeröffnung, kein Autoverkauf ohne Wahlbestätigung. Auch wer seinen eigenen Kugelschreiber vergessen hat – neben Maske, Alkohol und Ausweis unabdingbares Requisit in diesen Zeiten – wird in einem der vielen kleinen Schreibwarenläden für 35 Cent fündig. 

Seit Donnerstag Abend ist Wahlwerbung verboten; dennoch hängt direkt neben dem Eingang zur Abendschule Benjamin Carrión noch ein Foto des Kandidaten Arauz; und damit der Wähler gleich weiß, wer die Kampagne von Arauz orchestriert, steht es in dicken Lettern dort: „Correa Liste 1“. Rafael Correa, diktatorischer Staatspräsident bis 2017, wegen Korruption rechtskräftig verurteilt, zur Zeit im Exil in Belgien. In den WhatsApp-Gruppen der reichen Oberschicht kursieren bereits am Nachmittag des Wahltags selbst gedrehte Filme, die dokumentieren sollen, dass in einzelnen Wahllokalen älteren Mitbürgern im Voraus zugunsten von Arauz ausgefüllte Stimmzettel ausgehändigt werden. 

Was kümmern mich die Chats meiner Nachbarn

Ecuador ist ein zutiefst gespaltenes Land, in dem der eine Teil der Gesellschaft nicht weiß, was der andere denkt, und dies auch gar nicht wissen will. Die Unternehmer, Anwälte und Ärzte in den grünen und großen Siedlungen am Rande von Guayaquil und Quito diskutieren bei einem Glas Wein auf der überdachten Terrasse, wohin man am besten emigrieren sollte, und wie man an einen europäischen Pass gelangt, sollte Arauz gewinnen. Die zahlreichen Kleinunternehmer und Ladenbesitzer der unteren Mittelschicht haben ganz andere Sorgen: „Ich verkaufe am Tag Waren im Wert von 40 bis 50 $. Das Gesetz verlangt, dass ich darauf sofort 2% Steuer zahle, nicht auf den Gewinn, sondern auf alle Einnahmen! Die sind verrückt, ich muss Strom, Wasser, Miete bezahlen – was soll ich essen?“, flucht ein Mann, der vor einem anderen Wahllokal auf seine dort wählende Mutter wartet. Und erklärt dem im Sand spielenden Sohn einer Mitwartenden: „Wir sind hier, um einen guten Präsidenten zu wählen. Einen der an das Volk denkt!“. 

7. Februar 2021

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Leben und Gesellschaft

„Diese Schule gehört nicht mir, sie gehört den Kindern“

Elisa ist fünfzehn Jahre alt. Mit ihren sechs Geschwistern und dem verwitweten Vater lebt sie sie auf der Straße: In einigen Autowracks, die am Straßenrand liegen, unter über Ziegelmauern gebreiteten Planen, auf dem noch unbebauten Grundstück daneben. Die Mutter ist vor sieben Jahren wohl an einem Hirntumor verstorben, der Vater arbeitet als Tagelöhner, teilt aber den Tagelohn nicht unbedingt mit seinen Kindern. 

„Als Elisa zu uns kam, war sie beinahe wie ein wildes Tier – sie schaute niemanden an, sie sprach nicht, niemals ließ sie sich berühren“. Mónica Váca, die Leiterin der nach Johann Heinrich Pestalozzi benannten Grundschule in Otavalo im Norden Ecuadors umarmt das Mädchen dennoch. „Wo ist dein Bruder Fabian?“ Fabian musste mit dem Vater in die zwei Stunden entfernte Hauptstadt Quito – offenbar hatte er einen kleineren Unfall, aber das Krankenhaus in Otavalo nimmt zur Zeit nur Corona-Patienten an. „Können wir Deinen Vater anrufen, braucht er Hilfe?“ Nein, eine Telefonnummer hat sie nicht. Der ältere Bruder schaut in sein Handy, aber auch er weiß nicht, wie man den Vater erreichen kann.

Kein Ort für Homeschooling: Wo Elisa und Fabian wohnen.

Schulleiterin Mónica Vaca: Ich wollte eine inklusive Schule

Solche Szenen gehören zum Alltag von Mónica Vaca. Selbst aus Otavalo gebürtig, kam die Lehrerin und Psychologin mit praktischer Erfahrung in der Montessori-Pädagogik vor 26 Jahren in ihre Heimatstadt zurück. Nach mehreren Jahren sozialer und pädagogischer Arbeit in Quito hatte sie sich in den Kopf gesetzt, eine inklusive Schule zu gründen. Einrichtungen für Kinder mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen gab es damals in der Stadt nicht, und die Behörden erklärten sie schlichtweg für verrückt. Das Gebäude mietet sie von der Stadt; ein Gehalt bezieht sie nicht – die Schulleiterin lebt von ihrer Tätigkeit als Psychologin für private Patienten.

Mit zwölf Kindern und unendlich viel Eigeninitiative begann sie damals. Die Zahl der Kinder wuchs über die Jahre stetig, der eigene Beitrag, den die Leiterin und ihre Lehrkräfte leisteten ebenso. Sie sammelten bei Verwandten und Bekannten Möbel, strichen mit Hilfe der Eltern die Wände, richteten sogar eine kleine Bibliothek ein. „Vor drei Jahren hatten wir 93 Kinder, davon 43 mit Behinderungen“. Dann öffnete in Otavalo eine staatliche Schule für behinderte Kinder, und viele Eltern, die 30 Dollar Schulgeld im Monat ohnehin nur mit Mühe aufbringen konnten, wechselten mit ihren Kindern an die staatliche Einrichtung. „Aber das ist nicht dasselbe, dort werden die Kinder nur aufbewahrt, bei uns lernen sie, um später selbständig leben und arbeiten zu können.“

Fast unmöglich: Schule in der Pandemie

Jetzt sind es noch 32 Kinder. Aber seit März 2020 sind alle Schulen geschlossen in Ecuador. Fast alle Eltern sind mittlerweile arbeitslos. Mónica Vaca ist allein mit ihrer Tochter und einer weiteren Lehrerin. Sie versuchen, was menschenmöglich ist: Elisa und Fabian kommen drei- bis viermal in der Woche in ihren Klassenraum. Nur zwei kleine Pulte stehen dort, versehen mit ihren Namen, dazwischen ein gelbes Stühlchen für die Lehrerin. Andere Kinder werden von den Lehrerinnen zu Hause besucht, die ihnen den Stoff erklären. Wieder andere wohnen zu weit, bis zu zweieinhalb Stunden entfernt. Wenige sind über Internet zu erreichen: „Die meisten haben keinen Anschluss; fünf Dollar bezahlen sie wöchentlich, um beim Nachbarn ab und zu über WhatsApp unsere Arbeitsanleitungen herunterzuladen“. Ein informeller Tarif, der in Ecuador seit Beginn der Schulschließungen landesweit gilt, ob in den Bergen oder an der Küste.

Ein geschützter Raum für Kinder mit besonderen Bedürfnissen

Der achtjährige Dylan ist klein und dünn für sein Alter. Als er vor wenigen Jahren in die staatliche Schule kam, konnte er nicht sprechen, lernte nicht zu lesen, konnte nicht schreiben. wurde gehänselt. In der Pestalozzi-Schule und dem angegliederten Maria-Montessori-Zentrum hat er einen geschützten Raum gefunden, Sprechen, Lesen und Schreiben gelernt. „In den staatlichen Schulen gehen manche Eltern so weit, dass sie dem Lehrer Geld anbieten, wenn er Kinder wie Dylan nur irgendwie los wird“, berichtet Patricia, Mónicas Tochter. „Wenn immer wir von solchen Fällen hören, versuchen wir, sie bei uns unterzubringen“. Für viele dieser Kinder wird die Schule ihr Lebensmittelpunkt, ein Ort, an dem sie sich uneingeschränkt wohl fühlen. Die Lehrerin erzählt von zwei krebskranken Geschwistern, die darum baten, in ihrer Schuluniform, in der Schule sterben zu dürfen.

Der ecuadorianische Staat leistet keine Hilfe, auch nicht bei der Finanzierung der Schulspeisung, für viele Kinder die einzige Mahlzeit des Tages. Eine Abordnung von Lehrkräften an die Schule wurde zwar mehrfach seitens der Regierung versprochen – Wirklichkeit wurde sie nie. Zuweilen bittet die Leiterin bei Vereinen und Nichtregierungsorganisationen um Stipendien für die allerärmsten ihrer Kinder. Elisa, Fabian und Dylan werden zur Zeit von den Damas Alemanas aus Quito unterstützt. Aber am Ende sind es doch immer wieder die Lehrer selbst und ihre Familien, die den eigenen Gemüsegarten plündern, Schreibmaterial besorgen und die Toiletten reparieren. „Wir geben den Kindern ein neues Leben“, sagt Mónica Vaca dazu. So einfach ist das.

21. Januar 2021

aktuell zum Thema: “Fernab des Fernunterrichts”, FAZ.net vom 21.01.2021