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Christkindfiguren und geflügelte Schweine – der Pfarrer und Künstler Tito Heredia

Tito Heredia würde im Publikum nicht auffallen, wenn in einem europäischen Opernhaus Benjamin Brittens „Tod in Venedig“ gegeben wird: Schwarze Brille, beigefarbene Leinenhose, das hellblaue Hemd hängt lässig darüber, Schiebermütze.  Seit acht Jahren ist er Pfarrer der Gemeinde von San Marcos im historischen Zentrum Quitos. Und er ist Künstler, war es schon immer. „Ich wollte die Kunst eigentlich zum Beruf machen. Und dann wurde es doch Theologie. Aber nachdem ich die ersten harten Jahre des Studiums hinter mir hatte, habe ich parallel begonnen, auch Kunst zu studieren.“ Dabei ist es geblieben. „Durch meine Kunst habe ich regelmäßig meine Pfarrgemeinden mitfinanziert. Hier, diese Figur des Jesuskindes („Niño Jesús“) ist seit dreißig Jahren einer meiner Verkaufsschlager. Der jetzige Erzbischof von Quito bestellt zu Weihnachten immer einige davon für seine Kontakte, sogar dem Papst hat er eine geschenkt!“. 

Pfarrer mit einem Faible für Kunst und Geschichte

Im Pfarrhaus hat der Geistliche nicht nur sein Atelier, sondern auch einen eigenen Verkaufsraum eingerichtet. Ihn faszinieren vor allem traditionelle Druck- und Gießtechniken. Für seine Arbeiten benutzt er alte Stempel, selbst gefertigte hölzerne Druckstöcke oder traditionelle ländliche Gussformen aus Ton. Ganz besonderes gern verwendet er auch dekorative Elemente aus Zinnblech, die er nach eigenen Entwürfen in Mexiko herstellen lässt. Damit dekoriert er unter anderem die hölzernen Kreuze, die eines seiner Markenzeichen sind. Sie leuchten in bunten Farben, lila, rosa, grün und rot.  Konventionell ist wenig an Heredia Werken. Eine Serie von Holzschnitten widmet sich den traditionellen Teufelsdarstellungen in unterschiedlichen Regionen Ecuadors. Die tönernen Schweine, die er mithilfe einer aus der Kleinstadt Pujilí stammenden Gussform anfertigt, tragen entgegen der Tradition goldene Engelsflügel. „Ein Käufer hatte mich darum, gebeten, und Sie wissen, Sterbenden und Kunden erfüllt man jeden Wunsch…“

Die Calle Junín, Straße von Künstlern und Intellektuellen

Das Pfarrhaus von San Marcos wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts errichtet, um die Zeit der Unabhängigkeit Ecuadors im Jahr 1822. Die Calle Junín, an deren Ende Haus und Kirche liegen, war bis in die Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts eine Wohngegend des wohlhabenden Bürgertums. In den folgenden Jahrzehnten jedoch zogen sich die großbürgerlichen Familien immer mehr aus dem zunehmend als gefährlich geltenden Zentrum Quitos zurück und bauten sich großzügigere Einzelhäuser in den rasch wachsenden Vororten der Stadt. Die historischen Wohnhäuser in der Straße verfielen, bis zu Beginn des neuen Jahrtausends Intellektuelle wie der Sprachforscher Matthias Abram und der frühere Dirigent des nationalen Sinfonieorchesters, Álvaro Manzano, die Calle Junín für sich entdeckten. Dennoch wurden die Bewohner des Viertels im Durchschnitt immer älter, und viele von ihnen überlebten die ersten Monate der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 nicht. „So viele meiner älteren Gemeindemitglieder sind damals gestorben, als es noch keine Impfung gab, es war dramatisch!“, erzählt Tito Heredia, „Mindestens sechs Häuser in der Nachbarschaft stehen jetzt deshalb leer.“

Kunst und Theologie gehen Hand in Hand: Tito Heredia in seinem Atelier

Als Heredia vor acht Jahren sein denkmalgeschütztes Pfarrhaus bezog, war es in einem erbärmlichen Zustand. Mithilfe der städtischen Denkmalschutzbehörde konnte der kunsthistorisch interessierte Pfarrer binnen dreier Jahre die notwendigen Mittel für die Restaurierung beschaffen. Die Arbeiten beaufsichtigte er persönlich und legte selbst Hand an, wo notwendig. Das Haus ist heute ein Schmuckstück. Die hölzernen Fußböden sind nur in Teilen original erhalten, wohl aber die von der Zeit gezeichnete Treppe zum oberen Stockwerk. Von den langen Fluren zweigen die Räume ab wie Klosterzellen. Das Esszimmer ist mit eindrucksvollen Gemälden ausgestattet, unter anderem mit einer für Quito typischen Darstellung des Heiligen Joseph mit dem Jesuskind. Natürlich kam eine solche Einrichtung nicht mit dem Haus: Tito Heredia ist ein fanatischer Sammler. Selbst in der Küche finden sich in jedem Winkel religiöse Kunstwerke unterschiedlicher Provenienz, direkt neben Haushaltsutensilien und einer Schale mit schrumpligen Mandarinen.

Für Kunsthistoriker gibt in San Marcos noch einiges zu entdecken

Auf einem Stuhl neben der Tür liegt das letzte Buch der US-amerikanischen Kunsthistorikern Susan Webster: „Lettered Artists and the Languages of Empire: Painters and the Profession in Early Colonial Quito“. „Susan ist eine gute Freundin, und dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, es liefert so viele interessante Fakten! Hier in Ecuador versteht man unter Geschichte ja eigentlich immer nur eine Sammlung von Legenden und Traditionen, es gibt kaum wissenschaftlichen Werke wie dieses, auch nicht zur Kunstgeschichte!“ Auch in der um 1680 errichteten Pfarrkirche San Marcos gibt es für kunsthistorisch Interessierte einiges zu entdecken: Dort findet sich zum Beispiel ein weiterer Joseph in Lebensgröße, mit silberner Krone. Der Altar ist, verglichen mit anderen in der Stadt, dagegen recht schlicht gehalten. Auffallend sind die zwei auf Zinnblech gemalten knienden Engel, präraffaelitisch angehaucht, die ihn zieren. Hinter dem Hochaltar befindet sich ein nicht sichtbarer Vorgängeraltar, der mangels Geld schlicht auf die Wand gemalt worden war. Auch an den übrigen Wänden verstecken sich unter mehreren Farbschichten Bemalungen aus früheren Zeiten, die freizulegen eine Aufgabe für die Zukunft bleibt. 

Jährlich am Karsamstag organisiert der Geistliche in seiner Gemeinde die kleine, aber feine „Prozession der Einsamkeit Mariens“ („Procesión de la Soledad de Maria“): Nach sorgfältig geplanter Choreographie ziehen auffällig geschmackvoll gekleidete Folkloregruppen mit den Gemeindemitgliedern durch die Straßen, weit weg vom lärmenden Trubel der bekannteren Karfreitags-Prozession. Wie lebt es sich mit diesem permanenten ästhetischen Anspruch, zwischen Kunst und Theologie? „Ach wissen Sie, ich gelte ja in Kirchenkreisen so ein bisschen als Verrückter. So lange man mich in Ruhe meine Arbeit machen lässt, bin ich zufrieden.“ Tito Heredia winkt zum Abschied von der Türschwelle, sichert die Haustür zusätzlich mit einer soliden Eisenstange, und verschwindet im Innern seines Refugiums. 

Pfarrkirche und Gemeindehaus San Marcos, Plaza de San Marcos, Ecke Javier Gutierrez/Junín. Der Verkaufsraum ist zu folgenden Zeiten geöffnet: Dienstag bis Freitag von 9 bis 12 und 15 – 17 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten ist Pfarrer Tito Heredia per WhatsApp unter 00593 98 535 8069 zu erreichen.

8. Juli 2022

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Leben und Gesellschaft

“Unser Motto ist die Tat” – der Hilfsverein der “Damas Alemanas”

Patricia und Joselyn kichern und sind bester Laune. Die beiden Dreizehnjährigen haben von ihrer Schulleiterin die Erlaubnis bekommen, für eine Stunde die Schule zu schwänzen. Denn die „Damas Alemanas“ sind heute da mit der monatlichen Essenskiste. Obst, Gemüse, Milch, Hülsenfrüchte, Eier. Über zwanzig Kilo, die können nur mit dem Geländewagen bis zu dem an einem steilen Hang gelegenen Häuschen transportiert werden, in dem Patricia mit ihrer neunköpfigen Familie wohnt. Und die „Damas“ kennen den Weg noch nicht. Also setzt sich Patricia hinten ins Auto, und Joselyn gleich mit, denn sie lebt mit Mutter, Großmutter und zwei kleinen Geschwistern nur etwas weiter unten am Berg.

Die „Damas Alemanas“ sind ein kleiner Hilfsverein von rund fünfzig deutschsprachigen Frauen in Ecuadors Hauptstadt Quito, die sich vor allem die Unterstützung von besonders benachteiligten Kindern und Familien zum Ziel gesetzt haben. Ehrenamtliche Hilfsorganisationen von Deutschen haben in Lateinamerika eine lange Tradition: Die „Deutsche Wohltätigkeitsgesellschaft“  in Argentinien beispielsweise blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück; auch in Bolivien gibt es seit langem die „Deutschen Freiwilligen“, die in vielfältiger Weise das dortige staatliche Kinderkrankenhaus unterstützen. In Ecuador sind es die „Deutschen Damen“.

Solch ein Name scheint aus der Zeit gefallen. Aber in den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren es in Quito eben die „Damen der besseren Gesellschaft“, die sich zunächst informell zusammenschlossen:  die Ehefrauen des Leiters der Deutschen Schule und des deutschen Botschafters, die Frau des aus Deutschland eingewanderten Firmenbesitzers. In dem vom Großgrundbesitz weniger Familien und Besitzlosigkeit fast aller übrigen geprägten Ecuador, drei Jahre vor der Landreform von 1964, wollten sie vor allem die Not der Kinder lindern helfen. 1978 wurde, auf Initiative der aus dem nationalsozialistischen Deutschland über Italien nach Ecuador emigrierten Ärztin Ilse Grossmann, aus dem losen Grüppchen ein eingetragener Verein. Die Damen unterstützten das erste SOS-Kinderdorf in Ecuador bei der Renovierung eines Hauses, halfen in entlegenen Bergdörfern und an der Küste mit Schulmaterial und Uniformen, kümmerten sich um Kinder mit angeborenen Behinderungen.

Ohne Geld keine Hilfe

Wer helfen will, braucht neben gutem Willen und engagierten Mitgliedern zunächst eines: Geld. Großes Vermögen war in der kleinen deutschen Gemeinschaft aus Emigranten und vorübergehend im Land lebenden Familien jedoch kaum vorhanden. Mit dem zu Ende der Sechziger Jahre einsetzenden Erdöl-Boom aber eröffneten immer mehr deutsche Unternehmen Vertretungen in Quito, die – zuweilen nach intensivem Klinkenputzen – bereit waren, die Projekte der Damas Alemanas zu unterstützen. Und natürlich wurden die Frauen auch den Erwartungen gerecht, welche die ecuadorianische Oberschicht an sie stellte:  Sie backten „diese wunderbaren deutschen Kuchen“ und verkauften sie, insbesondere bei dem jährlichen Weihnachtsbasar, der über die Jahre zu einer festen Institution in Quito und zu einer Haupteinnahmequelle des Vereins wurde. Aber auch Konzerte und sogar ein immer im Mai organisierter Ball waren nicht nur Attraktionen für die bürgerliche Gesellschaft von Quito, sondern eben auch „fundraising events“.

Was die Damen mit dem verdienten Geld taten, wurde in der Öffentlichkeit lange nur am Rande wahrgenommen. „Wir hatten so einen Kaffeeklatschruf“, erinnert sich eines der aktiven Mitglieder, „dabei bin ich vor zwanzig Jahren vor allem beigetreten, um mich hier sozial zu engagieren.“ Die Frauen arbeiteten diesem Ruf entgegen, schufen spezialisierte Arbeitsgruppen für Medizin, Schulwesen, Veranstaltungen, modernisierten ihre Arbeitsabläufe. „Unser Motto ist die Tat“, zitierte eine Broschüre zum dreißigjährigen formellen Bestehen im Jahr 2008 die langjährige Präsidentin des Vereins Beatriz Schlenker. 

Heute entscheidet nicht Herkunft, sondern das Engagement über die Mitgliedschaft

Beatriz Schlenker, aus Kolumbien stammend, hat ihr Herz an den Verein verloren. 1980 kam sie mit ihrem Mann, einem deutsch-schweizerischen Biologen, nach Ecuador, wurde aber erst zwanzig Jahre später Mitglied. „Ich wollte da eigentlich gar nicht mitmachen, ich hatte mit den Kindern und mit der Arbeit – auf ihrem Grundstück leitete sie lange eine Rettungsstation für Wildtiere – genug zu tun.” Im Jahr 2001 stieß sie dann doch zu den deutschen Frauen. In Vielem steht sie für eine Generation, die eine neue Epoche bei den Damas einleitete. Zunehmend waren unter den damals fast neunzig Mitgliedern damals nicht mehr nur Deutsche, sondern auch Frauen aus anderen Ländern, die über persönliche Bindungen, Arbeit oder Sprache eine Beziehung zu Deutschland hatten. Immer mehr von ihnen standen selbst im Beruf, brachten neue Erfahrungen und Kontakte mit – aber weniger Zeit. Dennoch fanden sich Mitglieder, die wöchentlich für bedürftige Kinder in einer Kirchengemeinde kochten; die in einer Zwergschule nahe dem Wallfahrtsort El Quinche regelmäßig Musikunterricht erteilten, oder immer wieder persönliche Gespräche mit Familien führten, die um finanzielle Unterstützung bei der Behandlung ihrer schwerkranken Kinder gebeten hatten.

In Portoviejo an der Küste beginnt in diesen Tagen das neue Schuljahr. Hefte und Stifte hätten diese drei Geschwister ohne die Damas Alemanas nicht. ©Cristhian Almeida

Mit jeder Generation ändern sich die Frauen, gibt es andere Erwartungen, werden neue Formen der Kommunikation erprobt. Aber die wirtschaftliche Lage breiter Bevölkerungsschichten ist über die Jahre weitgehend unverändert geblieben. Schon nach dem schweren Erdbeben von 2016 sammelte der Verein Erfahrung mit Nothilfe, half schnell und unbürokratisch zahlreichen Erdbebenopfern mit Lebensmittel- und Kleiderspenden. Mit der Corona-Pandemie erreichte diese Form der Arbeit im Frühjahr 2020 eine neue Dimension. Unzählige im informellen Sektor Beschäftigte verloren binnen Wochen ihre Arbeit, mit der Schließung der Schulen über zwei Jahre fiel auch die oft so notwendige Schulspeisung für bedürftige Kinder aus. Dank intensiver Werbung um Spenden in Deutschland verdreifachten sich binnen kürzester Zeit Budget und Projekte der Damas, und so zogen einige der Frauen vorübergehend fast wöchentlich aus, um Lebensmittelkisten zu packen und für deren Verteilung zu sorgen.

Und immer wieder: Der Hunger im Land als größtes Bildungshemmnis

Mittlerweile ist die Pandemie vorbei, aber die Not keineswegs. „Das größte Bildungshemmnis in unserem Land ist der Hunger“, so die Einschätzung vieler im Bildungssektor Beschäftigter. Und deshalb sind die Damas heute im Flecken „El Carmen“, wo Joselyn und Patricia leben. Die Venezolanerin María Jaimes ist als neues Mitglied zum ersten Mal mit dabei, packt Nahrungsmittel in kleinere Kisten um, schleppt sie durch den Matsch den Berg hinauf. Der Geruch ist gewöhnungsbedürftig, am Hang gegenüber schlachten Nachbarn gerade eine Kuh. Aber die beiden Schülerinnen auf Freigang sind hochzuzufrieden, schieben die Kiste zwischen die kaputten Möbel im Schlafzimmer und schließen die Tür vor der Nase der hungrigen Hunde. Und dann geht es zurück, den langen, holprigen Weg bergab bis zur Schule. „Ich weiß nicht, wie sie das machen, aber die beiden Mädchen sind morgens immer pünktlich“, sagt Klassenlehrer Alexander Panchi.

Erst kommt das Essen, dann die Bücher. Viele Schulkinder in Ecuador sind unter- und fehlernährt.

Warum sie sich bei den „Deutschen Damen“ engagiert, frage ich Sandra Biebeler, Schriftführerin des Vereins und Lehrerin an der Deutschen Schule, die mit Mann und zwei kleinen Kindern seit vier Jahren in Ecuador lebt. „Ich habe schon in Deutschland ehrenamtlich gearbeitet. Als wir nach Quito kamen, war mir klar, dass ich in diesem Land nicht nur nehmen kann, sondern auch geben will. Und die Damas sind einerseits Hilfsorganisation, aber sie sind auch Netzwerk – nie hätte ich neben meiner Arbeit sonst in so kurzer Zeit so viele interessante Frauen kennengelernt!“

Die Mitgliedschaft von Männern allerdings ist bisher nicht vorgesehen in den Statuten, über deren Einhaltung das “Ministerium für wirtschaftliche und gesellschaftliche Inklusion“ (MIES) wie bei allen Nichtregierungsorganisationen im Land penibel wacht. Diese Reform anzustoßen und umzusetzen wird wohl die Aufgabe der nächsten Generation von „Damas Alemanas“ sein.

26. Mai 2022

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Leben und Gesellschaft

Das dringende Bedürfnis, immer wieder Neues zu schaffen – Paula Barragán

In unzähligen Kurven windet sich die schmale „Avenida de los Conquistadores“, die „Straße der Eroberer“, vom Tal hinauf nach Quito. Über Schlaglöcher und lose Pflastersteine, gesäumt von Kolonien der „schwarzäugigen Susanne“ mit ihren strahlend orangenen Blüten. Vorhängen gleich bedecken sie am Straßenrand jede Mauer und jeden Laternenpfahl. Leuchtend orange ist auch das Haus der Künstlerin Paula Barragán; wie ein flach am Felsen klebender Turm ist es schon von weit unten zu sehen. Steht man direkt davor, verschwindet es aus dem Blickfeld. „Hierher, das Auto könnt ihr gegenüber stehen lassen!“. Paula Barragán winkt, und strahlt ebenfalls.

80 steinerne Stufen führen von der Straße hinauf zum Eingang des Ateliers; die Künstlerin ist im Nu oben angelangt. Drei Frauen teilen sich die Arbeitsräume des schmalen Gebäudes.  Dolores Salgado hat sich auf die Darstellung von Pflanzen vor allem für biologische Fachliteratur spezialisiert; Maria Pérez bietet unter dem Dache des schmalen Hauses Kurse für kunstinteressierte Kinder und Jugendliche an. Dazwischen liegt das Reich von Paula Barragán. Ihre farbenfrohen Collagen und Drucke bedecken die Wände; auf dem Boden stehen hölzerne Druckstöcke; getrocknete Pflanzen, Samenkapseln, Zweige füllen eine Schale auf dem altarähnlichen Tisch.

“Ich hatte Angst, von meiner Kunst nicht leben zu können”

Die 1963 in Quito geborene Tochter eines Ecuadorianers und einer Neuseeländerin studierte Grafikdesign in Paris, New York und San Francisco. „Ich komme aus einem kunstbegeisterten Haushalt. Und als mein älterer Bruder einen Studienplatz am Pratt Institute bekommen hatte, fragte meine Mutter kurzentschlossen dort an, ob man nicht auch die kleine Schwester annehmen könne. Ich habe allen Ernstes nie eine Mappe eingereicht oder ein Vorstellungsgespräch absolviert!”

Gerne hätte sie sich für Freie Kunst eingeschrieben, “aber davon kann man meist nicht leben. Mit dem Grafikstudium konnte ich nach dem Abschluss erst einmal in dem Büro meines Bruders Juan Lorenzo meinen Lebensunterhalt verdienen“, erklärt sie rückblickend ihre Studienwahl. Privat arbeitete sie in ihren ersten Berufsjahren vor allem an sehr eigenwilligen Radierungen. Rostrot, braun, schwarz sind die vorherrschenden Farben in diesen frühen, kleinformatigen Drucken, die manchmal wie eine Reminiszenz an präkolumbianische Keramik wirken. Vieles bleibt abstrakt, nur angedeutet; unregelmäßige geometrische Formen scheinen direkt der Natur entnommen und gewinnen dann auf dem Papier ein Eigenleben. „Meine Arbeiten erregten Interesse, waren irgendwie besonders, so dass ich allmählich immer mehr in Ecuador und dann auch in den USA ausstellen konnte.“ 

Aber das ständige Hantieren mit der ätzenden Salpetersäure erschien Paula Barragán gesundheitlich bedenklich Sie begann, nach anderen Ausdrucksformen zu suchen. In dieser Zeit entdeckte sie für sich den Siebdruck als eine ihrer bevorzugten Arbeitsweisen; gleichzeitig entstanden Ölbilder und großformatige Zeichnungen. Ihre Darstellungen wandeln sich vom Abstrakten zum Fantasievoll-Konkreten. Formen, Tiere und Menschen erscheinen als Teile einer größeren Kosmovision, werden aber auch aus dem Kontext herausgelöst, abstrahiert, verändert, perpetuiert. An die Stelle der eher erdverbundenen Farbtöne aus den frühen Jahren treten die leuchtenden Farben der tropischen Pflanzenwelt und des ecuadorianischen Dschungels.

Mosca Armani / Armani – Mücke ©Paula Barragán Miller 2013
Kombination traditioneller Drucktechniken mit digitalen Bearbeitungsmöglichkeiten

Bereits im Jahr 1986 hatte die Künstlerin bei einem Plakatwettbewerb ihren ersten Computer gewonnen. Immer mehr suchte sie in den folgenden Jahren nach Möglichkeiten, klassische Drucktechniken und digitale Bearbeitungsformen miteinander zu kombinieren. Grundlage der „Armani-Mücke“ von 2013 ist eine Zeichnung mit Tinte auf Papier, die fotografiert und digital bearbeitet wurde. Der anschließende Druck diente wiederum als Basis für eine darauf ausgeführte Collage. Paula Barragán fasziniert die zusätzliche Flexibilität, die ihr das digitale Arbeiten ermöglicht. Die physische Basis eines Druckes bleibt dieselbe, aber der Grund, auf dem gedruckt wird, seine stoffliche Vorbereitung, die Form der Weiterverarbeitung, manuell oder digital, und die jeweilige Farbwahl ermöglichen eine unendliche Vielfalt an Variationen. Der Drang, immer wieder Neues zu entdecken ist es, der sie antreibt.

¿Y de quién es la culpa?/ Wer trägt die Schuld? ©Paula Barragán Miller 2020

Besonders geht es ihr dabei um das Hinterfragen der menschlichen Rolle in dieser Welt: „Meine Zeichnungen loten das Wesen des Menschen aus, auch sein Gefühl der Ohnmacht. Wenn man uns Angst macht, verspritzen wir Tinte, wie ein Kalmar. Im Grunde sind wir darin den Tieren sehr ähnlich. Ich verspritze meine Tinte auf Papier.“ Aber der Mensch lebt nicht für sich alleine, er ist eingebunden in Natur und Gesellschaft. „Wer trägt die Schuld?“ von 2020 steht für die Fragen, die sich die von der Pandemie geplagte Menschheit stellt: „Wer trägt die Verantwortung für diese Seuche? Bilden wir uns nur ein, selbst schuldig zu sein? Ist es die Gesellschaft insgesamt, der die Bewahrung der Umwelt nichts bedeutet? Oder ist diese Pandemie einfach ein banaler Akt der Natur selbst, die vor uns bestand, weiter bestehen wird, und in der wir Menschen kaum eine Rolle spielen?“

Kunst umgibt uns überall, findet Eingang in den Alltag

Kunst und Alltagsprodukt ergänzen sich in ihrer Arbeit. Früh begann Paula Barragán, Kinderbücher zu illustrieren, mehrere davon wurden international preisgekrönt. Einige ihrer Zeichnungen dienen als Grundlage für Teppiche, die als wertvolle Einzelstücke in einer Werkstatt in Ambato geknüpft werden und zuweilen an die Werke der ungarisch-jüdisch-ecuadorianischen Künstlerin Olga Fisch erinnern. Nestlé produzierte im Jahr 2012 eine Schachtel mit Weihnachtspralinen auf der Basis ecuadorianischen Kakaos; das Design stammte von Paula Barragán. Und auch auf einigen Verpackungen der ecuadorianischen Schokoladenmarke Pacari finden sich ihre stilisierten Früchte. Wer Paula Barragáns Drucke einmal gesehen hat, wird sie überall entdecken. Ihre nächste Ausstellung eröffnet am 21. Mai 2022 in Quito.

15. April 2022

Die nächste Ausstellung von Paula Barragán: 

“Que el Pichincha decora. Memoria, geografía y afectos”

Centro Cultural Metropolitano, Quito, 21. Mai bis 4. September 2022

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Leben und Gesellschaft

Junge Mütter ohne Ausweg – Kinderschwangerschaften in Ecuador

Schwester Sonia Cevallos wirkt wie die Queen auf Urlaub: kurzer Haarschnitt, Faltenrock, warme Jacke über der weißen Bluse, „sensible shoes“. Schwester Sonia ist die Leiterin des Heimes für minderjährige Mütter „María de Bethlehem“ in Conocoto am Rande von Quito. Resolut öffnet sie das braune Blechtor. „Kaiser, aus dem Weg!“ Kaiser, der Haus- und Hofhund, ist nun allerdings kein Corgie, sondern eher bescheidener Herkunft; schwerfällig trottet er davon. „Kommen Sie herein, die Mädchen warten schon!“

Die elf Bewohnerinnen des Heimes sitzen ordentlich in zwei Reihen sie auf grünen und weißen Plastikstühlen im sonst leeren Aufenthaltsraum. Zwischen 14 und 18 Jahren sind die jungen Mütter alt, das älteste ihrer Kinder ist fünf. Ein siebzehnjähriges Mädchen im leuchtend blauen Pullover nennt auf Nachfrage einsilbig ihren Namen: „Samira“. „Und Dein Sohn?“ „Fabián.“ Ihr Blick erinnert an den des Panthers in Rainer Maria Rilkes Gedicht: So müde geworden, dass er nichts mehr hält. Schon viele Male haben sie diese Situation erlebt: Fremde Menschen kommen für eine Stunde zu einem Besuch und möchten sich in dieser kurzen Zeit ein Bild von Heim und Bewohnerinnen machen. 

Die Täter sind meistens Familienangehörige oder Nachbarn

Dabei haben diese oft noch nicht genug Zeit gehabt, mit ihrem eigenen Leben zu Rande zu kommen. Die jungen Mädchen stammen aus ganz Ecuador. Sie sind in der Regel hier, weil sie Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Die Täter: oft die eigenen Väter oder Onkel, immer Männer aus der unmittelbaren Umgebung. Die Schicksale der Teenagermütter sind individuell, und gleichen sich dennoch auf eine traurige Weise: Immer geht es um Armut, fehlende Familienstrukturen, Vernachlässigung, mangelnde Bildung. Dennoch hatten diese elf Mädchen Glück. Irgendjemand hat die jeweiligen Täter angezeigt, Sozialarbeiter und Gerichte haben dafür gesorgt, dass sie in diesem Heim erst einmal Schutz für sich und ihre Kinder gefunden haben.

In Ecuador ist eine Abtreibung nach Vergewaltigung bis heute strafbar. Ausnahmen gelten allein bei einer geistigen Behinderung der Frau. Gleichzeitig ist die Zahl minderjähriger Mütter die zweithöchste in ganz Lateinamerika. In der Altersgruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen kommt es jährlich zu rund 3000 ungewollten Schwangerschaften, davon 80% als Folge von Vergewaltigungen, meist im engsten Familienkreis. In Ecuador bringen täglich acht Mädchen unter vierzehn Jahren ein Kind zur Welt.

Das Heim der “Schwestern vom Guten Hirten” – Schutzraum und Begrenzung zugleich…

In dem Heim, das von den „Schwestern vom guten Hirten“ geführt wird, müssen sich die Mütter an ein strenges Regime gewöhnen. Der Tag ist durchstrukturiert zwischen Mahlzeiten, Gebeten, Therapien für Mütter und Kinder. Und dem Schulunterricht, der seit zwei Jahren, seit Beginn der Corona-Pandemie, virtuell stattfindet. Im besseren Fall heißt das Online-Unterricht; in der Regel aber sind es Aufgaben, die von den Schulen per WhatsApp geschickt werden. Am 14. März dieses Jahres haben die staatlichen Schulen Ecuadors zwar endlich wieder ihre Pforten geöffnet. Aber da die Mädchen durch das Erziehungsministerium nach wie vor in den Schulen ihrer jeweiligen Heimatorte eingeschrieben sind, lernen sie weiter online. Verlassen dürfen sie das Heimgelände ohnehin nicht. „Das gestattet die Staatsanwaltschaft nicht. Die Gefahr, dass die Vergewaltiger ihre Opfer aufspüren oder die Mädchen in schlechte Gesellschaft geraten, wäre zu groß“, sagt die Heimleiterin.

Zum Glück steht nach einem Rundgang über das Gelände als nächstes „Zwischenmahlzeit“ auf dem Tagesprogramm. Bei einem Stück Kuchen und einem Getränk beginnen einige der jungen Mütter dann doch zu sprechen, klagen auch einmal vorsichtig über Monotonie und mangelnde Privatsphäre.  „Ich möchte Jura studieren, oder Model werden“, sagt Samira, das Mädchen im blauen Pullover. Auf einmal sind ihre Augen nicht mehr müde, sondern interessiert, wach. „Beides vielleicht?“, schlage ich vor. Sie lächelt. In der Küche spielt eine Mitbewohnerin mit ihrer Tochter. Das kleine Mädchen lacht, läuft und springt durch den Raum: „Die Kleine war gehbehindert und musste lange Krankengymnastik machen, jetzt ist sie fast völlig gesund“, erzählt die betreuende Sozialarbeiterin. 

… aber nur bis Ende April

Die Tage dieses Heimes sind jedoch gezählt. Im Dezember 2021 wurde Sonia Cevallos als Leiterin eingesetzt. Einen Monat später erfuhr sie, dass sie das Haus würde schließen müssen. „Das Grundstück, auf dem unsere Gebäude stehen, wurde von den Jesuiten gestiftet. Fünf Schwestern unseres Ordens leben im Moment hier. Für die Gehälter der verschiedenen Therapeuten und für unsere laufenden Kosten ist aber ausschließlich der Staat zuständig.”  Und um Ecuadors Staatsfinanzen ist es schlecht bestellt. Die Gehaltszahlungen und die Überweisungen für Nahrungsmittel und Unterhalt trafen im vergangenen Jahr mit sechs Monaten Verspätung ein. „Außerdem verlangt der Staat jetzt weitreichende finanzielle Garantien von uns, notfalls sogar die Aufnahme einer Hypothek auf das Grundstück. So können wir auf Dauer nicht weiterarbeiten, und alleine kann der Orden den Unterhalt nicht bestreiten.“ 

Vielen anderen Institutionen geht es genauso. Auf einer Konferenz ecuadorianischer Nichtregierungsorganisationen im Februar 2022 wurde konstatiert, dass zahlreiche Projekte nicht überleben könnten, sollte die Regierung auf ihrer Forderung nach Finanzierungsgarantien beharren. Schwester Sonia muss nun für jedes ihrer Mädchen mit seinem Kind eine individuelle Lösung finden: Ein anderes Heim, die Unterbringung in einer Pflegefamilie oder notfalls bei Verwandten der jungen Mutter. Vor allem aber sollen die Mütter ihre (Online-) Schulausbildung beenden, vielleicht einmal selbst ihren Lebensunterhalt verdienen können. Ein frommer Wunsch, wenn Schulbesuch in Präsenz nicht vorgesehen ist, und in vielen Familien und Institutionen das Geld für Internet-Zugang und digitale Endgeräte fehlt. Für einige der Mädchen dürfte die Schließung des Heims das Ende ihrer ohnehin dürftigen Schulkarriere bedeuten. 

Sollen minderjährige Vergewaltigungsopfer abtreiben dürfen? Nicht nur die Regierung Lasso ist dagegen

Unterdessen debattiert das ecuadorianische Parlament über eine Lockerung des Abtreibungsverbots bei Vergewaltigungen von Minderjährigen. Das Verfassungsgericht hatte im vergangenen April ausdrücklich eine Neuregelung für diese Altersgruppe gefordert. Staatspräsident Lasso hat nun gegen das vom Parlament nach langen Debatten angenommene neue Gesetz ein umfassendes Veto eingelegt. Seinem Alternativentwurf zufolge wäre eine Beendigung der Schwangerschaft auch bei Minderjährigen nur innerhalb der ersten zwölf Wochen möglich. Die Vergewaltigung müsste durch die gesetzlichen Vertreter des Mädchens formell angezeigt oder durch einen behandelnden Arzt schriftlich bestätigt werden. An den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten vor allem auf dem Land gehen solche Forderungen jedoch gänzlich vorbei.

Sollte der Vorschlag Lassos Gesetz werden, blieben junge Schwangere und Mütter in Ecuador vorerst weiter Gefangene der Verhältnisse: Das Sozialministerium verweigert ihnen de facto den Schutzraum außerhalb ihrer Familien, den sie benötigen. Das Erziehungsministerium ermöglicht den Mädchen kaum die Bildung, die Voraussetzung dafür wäre, dass sie für ihr eigenes Leben Verantwortung übernehmen können. Und der Präsident möchte ihnen per Gesetz wieder ebendiese Verantwortung zuschieben. Der resignierte Kommentar von Schwester Sonia: „Man könnte und müsste so viel tun, aber der Staat macht es uns unmöglich.“

24. März 2022

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Leben und Gesellschaft

Alles verändert sich – Vera Kohn

„Kohn“ steht in schlichten Buchstaben über der Eingangstür des Hauses, das Vera Kohn seit 1952 gemeinsam mit ihrem Mann in Quito bewohnte. Der Architekt Karl Kohn hatte es für seine Familie gebaut und eingerichtet. Oder vielmehr: Er hatte die Räume so gestaltet, dass sie die aus Prag importierten Möbel gewissermaßen einrahmten und zur Geltung brachten. Jedes Detail war durchdacht und von einer für das Quito jener Zeit neuen Modernität. Die Möbel mit klaren Linien und schlichten Oberflächen; die schönen Fußböden aus Holz und farbigem Terrazzo vermitteln Einheit auch dort, wo man einen Raum verlässt und den anderen betritt.

Ein Gang außen um das Gebäude führt in eine andere Welt: Der große, luftige Kellerraum, mit einem schlichten gestreiften Teppich ausgelegt, war das Reich von Vera Kohn. Hier begründete sie gemeinsam mit dem Jesuitenpater Marco Vinicio Rueda das erste Zentrum für Zen-Meditation in Ecuador. „Ich sage immer, dass ich eine buddhistisch-christliche Jüdin bin“, beschreibt sie sich selbst in einem Interview des ecuadorianischen Fernsehens. 

Raum und Möblierung sind eins. Das Wohnzimmer der Villa Kohn in Quito

Zen-Lehrerin, promovierte Psychologin, Schauspielerin, Fotografin, Grande Dame: Vera Kohn ist noch heute eine Legende in Quito. Geboren 1912 im Prag der Habsburgermonarchie als Vera Schiller, wuchs sie im bildungsbürgerlichen deutsch-jüdischen Milieu ihrer Heimatstadt auf. Theater, Oper und Literatur gehörten zum Alltag, Franz Kafka und Max Brod waren nicht nur Namen sondern Teil ihres Lebensumfeldes. Im Jahr 1934 heiratete sie den damals bereits erfolgreichen Architekten Karl Kohn, bezog 1936 ein von ihm erbautes modernes Haus mit großem Garten.

Flucht aus Prag nach Ecuador

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in der Tschechoslowakei am 1. Oktober 1938 gab es für die Familie im Land keine Zukunft mehr; über London emigrierte Vera Kohn 1939 mit vielen Familienangehörigen ihres Mannes nach Ecuador, landete nach dreiwöchiger Schiffsreise zu nächtlicher Stunde vor Salinas, eine Szene, die sie in ihrem autobiographischen Buch „Terapia initiática“ von 2006 noch einmal in Erinnerung ruft: „Wohin? Wohin geht man in der völligen Dunkelheit? Eigentlich ist es egal.“ 

Vera zog es in die ecuadorianische Hauptstadt Quito. Dort hoffte sie, schauspielern zu können – eine Leidenschaft, der sie schon als Kind und junge Frau gefrönt hatte. Karl Kohn seinerseits erhielt rasch eine Anstellung als Dozent an der Academia de Bellas Artes, der Kunsthochschule der Stadt; auch als Architekt der bürgerlichen Elite Quitos war er bald ein gefragter Mann. Eines der bekanntesten von ihm gebauten Häuser gehörte den 1935 nach Ecuador emigrierten späteren Stiftern des Konzertsaals von Quito, dem Ehepaar Hans und Gisela Neustätter.

Schauspielerin – oder doch nicht? Auf der Suche nach einem eigenen Leben

Karl Kohns Frau jedoch kümmerte sich zu ihrer Enttäuschung vor allem um Haus und Hof, um ihren Mann und die beiden Töchter Katya und Tanya. Nachdem sie in das neue Haus in der Calle Lizardo Garcia gezogen waren, „verbrachte ich ein Jahr damit, das Gebäude und seine Einrichtung anderen zu zeigen.“ Noch im Krieg allerdings hatte sie begonnen, in den „Deutschen Kammerspielen“ unter der Leitung des ebenfalls emigrierten Regisseurs Karl Löwenberg Theater zu spielen. In der Rolle der Christine in Arthur Schnitzlers „Liebelei“ machte sie 1944 erstmals auf sich aufmerksam – „immer nur Hauptrollen“ habe sie übernommen, konstatiert sie später in einem Dokumentarfilm von Bernd Hetzenauer. Schließlich verfolgte sie in New York tatsächlich eine professionelle Schauspielausbildung, nur um am Ende festzustellen, „dass ich eigentlich keine Schauspielerin bin“.

Es begann eine neue Phase der Dunkelheit auf der Suche nach dem Licht. 1957 reiste Vera Kohn für längere Zeit nach Europa, ohne klare Vorstellung dessen, was sie dort zu finden hoffte. Über einen Zufall erfuhr sie von dem Psychotherapeuten Karlfried Graf Dürckheim, der sich in einem kleinen Ort im Schwarzwald niedergelassen hatte; sie lernte ihn und seine Lebensgefährtin Maria Hippius kennen und verbrachte schließlich drei Jahre als Schülerin der beiden. Bereits im Vorkriegs-Prag und später erneut in Quito hatte Vera ein Psychologiestudium angefangen, es aber nie zu Ende geführt. 

Im dritten Anlauf dann doch ein Psychologiestudium

Die Begegnung mit Dürckheim, der lange in Japan gelebt und sich dort intensiv mit dem Zen-Buddhismus beschäftig hatte, stellte einen Wendepunkt im Leben der Suchenden dar. 1961 kehrte sie nach Quito zurück und begann dort erneut ein Studium der Psychologie, das sie dieses Mal mit der Promotion abschloss. In ihrem Haus und in dem von ihr Mitte der Siebziger Jahre gemeinsam mit Padre Marco Vinicio Rueda gegründeten „Centro de Desarrollo Integral“ (Zentrum für ganzheitliche Entwicklung) in Tumbaco bei Quito behandelte Vera von nun an junge und alte Patienten. Die Meditation spielte im Rahmen ihrer „Initiatischen Therapie“, deren Konzept sie von Dürckheim übernommen hatte, eine wichtige Rolle. 

Filmaufnahmen aus ihren letzten Lebensjahren zeigen die alte Dame einmal in ihrem alten Meditationskeller, einmal in den neuen Räumen des Zentrums – immer in sich ruhend, immer fokussiert. In den Interviews mit Vera Kohn faszinieren ihre Augen: klar, leuchtend, wach. Ein Enkel berichtet, er habe seine Großmutter in hohem Alter einmal spätabends auf dem Hometrainer radelnd gefunden, während sie portugiesische Fernsehnachrichten schaute.  Vera Kohn war an allem interessiert, was um sie herum vorging, und begann in hohem Alter noch, Portugiesisch zu lernen. In Filmaufnahmen sieht man sie an ihrem hundertsten Geburtstag im Jahr 2012 ausgelassen tanzen, im Kreis von Familienmitgliedern, Freunden und Weggefährten.

Dass sich alles verändert, ständig, gehörte für Vera Kohn zum Leben – nicht als Schicksal, sondern als Chance. Das Bild des Lichtes in der Dunkelheit, wie sie es schon am Strand von Salinas wahrnahm, ließ sie bis zuletzt nicht los: „Dieses Licht ist unglaublich, ist unbeschreiblich. Ein unendlich helles Licht.“ Vera Kohn starb am 29. Juni 2012. Ihr Haus sucht ohne sie noch nach einer Zukunft.

08. März 2022

Der Garten des „Centro de Desarollo Integral“ in Tumbaco ist manchen hier Lebenden auch als Ort eines samstäglichen Bio-Markts bekannt. Der Film von Eva Selig “An unknown country” kann bei YouTube angeschaut werden.

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Leben und Gesellschaft

Kerzen für Quito – La Vela Mágica

Kerzen hängen wie bunte Trauben tief von der Decke. Stehen dicht an dicht in klapprigen Vitrinen, liegen in abgepackten Bündeln in den Regalen, neben Erstkommunionsschärpen, Plastiktütchen mit geprägten Hostien und Flaschen von Messwein. „Dies ist ein Laden für Zwerge, für große Menschen ist hier kein Platz“, lacht Rosario Neira. Am Morgen um acht hat sie wie an jedem Tag die schweren Holztüren ihres Geschäfts aufgeschlossen, hier ein Regal beiseite geschoben, dort ein vergessenes Papier aufgelesen. Und schon stehen die ersten Kunden auf den Stufen, die zum Verkaufsraum der “Vela Mágica” hinabführen: „Ein Fünferpäckchen bitte!“. Die in Papier gewickelten weißen Haushaltskerzen gehen für etwas mehr als einen Dollar über den Tresen. 

Seit über dreißig Jahren verkauft Rosario („Rosenkranz“) Neira Kerzen in diesem um das Jahr 1800 erbauten kolonialen Haus unweit des Klosters Santo Domingo in Quito. Nicht mehr als 15 Quadratmeter misst das dunkle Lädchen mit dem abgewetzten Fußboden. „Ich habe früher bei einer Behörde gearbeitet, aber dort bekam ich immer nur befristete Arbeitsverträge. Und als mich mein Mann verließ, musste ich ich plötzlich für meine Eltern und meine beiden Kinder sorgen. So habe ich angefangen, Kerzen zu verkaufen; erst später habe ich begonnen, sie auch herzustellen.“ 

Die praktizierende Katholikin ist im ersten Stock dieses Eckhauses geboren und aufgewachsen und kennt deshalb zahlreiche Anekdoten zu seiner Geschichte. Als die Bewohner des Umlandes von Quito noch in die Stadt zu reiten pflegten, befand sich in diesem Gebäude eine „Centavería“,  Unterstand für Esel und Maultiere. Dort konnten die Vierbeiner ausruhen, bis ihre Besitzer mitsamt ihren Einkäufen den Heimweg antraten. Während des Viertage-Krieges zwischen Liberalen und Konservativen im August 1932 war das Zentrum von Quito ein unruhiger Ort; unmittelbar gegenüber dem heutigen Kerzengeschäft befand sich eine Kaserne. Ihr Vater habe deshalb immer behauptet, dass ihn nur die dicken Außenmauern des Hauses dagegen geschützt hätten, während der Unruhen versehentlich von einer Kugel getroffen zu werden, erzählt die Geschäftsfrau.

Die großen Kerzen werden von Hand gezogen und verziert

In dem verwinkelten Lagerraum hinter dem Laden werden die Kerzen heute noch von Hand gezogen. Die an einem kronleuchterförmigen Ring befestigten langen Dochte werden immer wieder in einen großen Bottich mit geschmolzenem Paraffin getaucht, Schicht für Schicht. In einem anderen Gefäß wird Paraffin eingefärbt, um daraus Ornamente zu gießen, mit denen die fertigen weißen Kerzen später dekoriert werden. Knapp eine Stunde braucht ein geübter Kerzenzieher, um eine der mit ausladenden bunten Blättern und Blüten verzierten Prozessionskerzen, das Markenzeichen der „Vela Mágica“, herzustellen.

Vom Docht zur Kerze: Produktion auf engstem Raum

Diese Kerzen mit dem bunten Blumenschmuck dienen heute vor allem als Dekoration in vielen Kirchen Quitos. Früher wurden sie zahlreich bei unterschiedlichen Prozessionen im Laufe des Kirchenjahres verwendet, insbesondere in der Passions- und Osterzeit. Die schlichteren schweren Altarkerzen, die oft mit dem einem Bild des Jesuskindes oder der Jungfrau Maria verziert sind, werden vor allem auf Bestellung der Kirchengemeinden und Klöster angefertigt. Mit einigen Schulen der Stadt gibt es Vereinbarungen zur klassenweisen Belieferung mit Erstkommunionskerzen im Mai; für die einzelnen Gläubigen hält Rosario Neira Opferlichter in allen Farben bereit. 

Unter der Corona-Pandemie haben auch die Kerzenhersteller zu leiden

Ihre beiden Kinder und vier Festangestellte helfen bei Produktion und Verkauf. Mit der Corona-Pandemie und den gestiegenen internationalen Transportkosten ist allerdings die wirtschaftliche Lage auch für die Kerzenhersteller schwieriger geworden. Für eine Tonne Paraffin zahlt die Kleinunternehmerin mittlerweile stolze 2400 US-Dollar anstelle der früheren 1600 aus Vor-Pandemiezeiten. Dies ist auch ein aktuelles Thema der Organisation lateinamerikanischer Kerzenproduzenten ALAFAVE, deren Mitglied Rosario Neira ist, wie sie mit großem Stolz erläutert.

Zum Glück sind sie und ihr Geschäft bekannt in Quito: Wenn zur jährlichen Eröffnung der „Fiestas de Quito“, des Gründungstages der Stadt, Anfang Dezember in der Kirche „La Merced“ ein feierliches Te Deum zelebriert wird, schmücken die Kerzen von Rosario Neira den Altar. Und bei der Amtseinführung des Staatspräsidenten Guillermo Lasso im Mai 2021 lieferte „La Vela Mágica“ an den Präsidentenpalast: „Große weiße Kerzen mit je einem umlaufenden goldenen Faden“. Sie sollen für die Bitte des dem Opus Dei verbundenen Präsidenten um Klarsichtigkeit (claridad) und Fülle (vielleicht auch nur eine gefüllte Staatskasse?) stehen. „Ich bin eine sehr gläubige Frau. Es verschafft mir eine große Befriedigung, zu wissen, dass meine Kerzen auf den Altären der Stadt stehen und so das Licht Jesu in die Welt bringen.“

La Vela Mágica, Ecke Jesús Pereira / Flores unterhalb der Plaza Santo Domingo in Quito, Tel. 02-2580556 und 099 0417 927

12. Januar 2022

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Leben und Gesellschaft Textos en español

El Guggenheim de Coca

A las 8 de la mañana, en el centro de la pequeña ciudad de Coca en el Oriente ecuatoriano. Del techo del Hotel Auca, antes frecuentado por empleados petroleros, gotea agua sucia. Desde la tienda D’Gisell, que se encuentra al frente, y donde se venden vestidos baratos, ya salen sonidos de Milonga a todo volumen, e inundan la polvorienta calle. Unos metros más adelante, un vendedor de zapatos instala su mesa improvisada, mientras saca la mascarilla de su bolsillo. Coca es caliente, bulliciosa y fea. Nació con la urgencia del boom petrolero al comienzo de los años 70 del siglo pasado. Actualmente es una inevitable parada para los turistas en su camino a la biodiversidad de la selva. 

A pesar de esto, si uno va caminando por el malecón se puede descubrir un Coca muy diferente: El “Museo Arqueológico y Centro Cultural de Orellana” (MACCO), que desde su inauguración en 2016 se convirtió en un centro de cultura y encuentro. Quien se aproxima a esta ciudad por cualquiera de los ríos que la abrazan, el Napo, Coca y Putumayo, no puede perder de vista la elegante construcción de madera, metal y hormigón. El MACCO alberga cerca de 300 bellas urnas funerarias y utensilios de primera necesidad del pueblo de los Omaguas. Esta población vivía, hasta la colonización de Ecuador por los españoles en el siglo XVI, en la región de los ríos Coca, Napo y Amazonas. Sin embargo, sus mayores asentamientos siempre han estado en Perú y Brasil.

Francesco Orellana, el primer Europeo que se econtró con el pueblo Omagua en su viaje hacia el Amazonas

Frente al museo se encuentra la estatua de Francisco de Orellana (1511-1546) quien, en 1541, en su búsqueda del legendario “El Dorado”, también llamado el “País de la Canela”, fue el primer europeo que se encontró con el pueblo Omagua durante su viaje por los ríos Coca y Napo hasta el delta del Amazonas. Su segunda expedición a la Amazonía, fue la última, nunca volvió. Los fanáticos de “Indiana Jones” deben recordar como, en una de sus aventuras, el protagonista llega a la cuenca del Amazonas y a una ficticia tumba de Orellana. La ciudad del Coca, cuyos orígenes fueron una casa de la Misión Capuchina fundada en 1958, hoy en día oficialmente se llama “Puerto Francisco de Orellana”.

Un cronista del siglo XVIII relata el primer encuentro de los hombres de Orellana con los Omaguas en el río Napo, y resalta el alto nivel cultural de este pueblo: La población era “muy limpia y amable”, los hombres llevaban adornos de oro en el pecho y las mujeres aretes de oro, al igual que narigueras y adornos en los labios. Esta gente vivía en casas y eran excelentes navegantes. Otros viajeros describen sus frentes aplastadas por la manipulación de los huesos de la cabeza en su juventud, esto lo hacían para buscar verse como la “cara de la luna” que era su modelo ideal. 

Una variedad impresionante de urnas funerarias

El pueblo cultivaba un culto especial a los muertos. Los finados primero fueron enterrados hasta descomponerse, proceso que, con el calor y la humedad de la selva, era bastante rápido. Luego se sacaban los huesos, se los limpiaba y se les guardaba en una urna funeraria de forma humana. Y después de un tiempo determinado, nuevamente se enterraba. En las vitrinas del MACCO se pueden apreciar los detalles de estas urnas tan bien labradas. El cuerpo y las extremidades forman un recipiente y la cabeza con su cara de luna se coloca en la parte superior, como si fuera una tapa. El hábitat de los Omaguas está presente en los diseños de los recipientes que son de diferentes tamaños.  Los detalles tan coloridos de las olas y las líneas sinuosas evocan el paisaje del río. 

Urna típica de los Omaguas en forma de cuerpo femenino

Poco después de la llegada de los españoles, desapareció la mayoría de este pueblo que estaba asentado en la desembocadura del río Coca al Napo. El antropólogo Udo Oberem, de Bonn, Alemania, conjeturó en 1967 qué en la región del actual Ecuador, todavía había subgrupos de Omaguas, que durante los siglos han ido migrando más hacia el sur y este hasta desaparecer. Actualmente en Brasil y Perú todavía quedan individuos aislados. Los últimos Omaguas que habitaron Ecuador, a principios del siglo XX, se encontraban cerca del río Tiputíni, otro afluente del Napo. En el segundo piso del MACCO, actualmente se pueden observar dos urnas más sencillas que solo fueron descubiertas hace pocos años.

En 1999, en una exposición en Quito ya se pudo ver una parte importante de la colección. Por primera vez un público más amplio reconoció que en el “Oriente” también existe una historia cultural propia que valía la pena documentar. Ya en 1975 los monjes Capuchinos, en la isla de Lunchi, construyeron un pequeño centro de investigación junto a un museo. Esta pequeña muestra fue la base del “Guggenheim de Coca”, un sueño cultivado por muchos años por el Capuchino Miguel Ángel Cabodevilla y también por el coleccionista y curador de la exposición, Iván Cruz.

“El MACCO es símbolo de la valoración de la cultura indígena, y de la autoestima indígena”

Pero el nuevo museo debía ser mucho mas: “El MACCO es símbolo de la valoración de la cultura indígena y de la autoestima indígena, se ha hecho símbolo de la ciudad”, dice Milagros Aguirre, periodista y cofundadora del museo quien vivió durante 12 años en Coca. “El museo cambió fundamentalmente a la ciudad. Cuando llegué acá, era una ciudad de trabajadores petroleros, nada más. No había ni un lugar para pasear, ni siquiera para comerse un helado. Mucha gente nos decía que éramos locos de querer traer ‘cultura’ acá”. 

Hoy, la sala de convenciones del museo es utilizada continuamente ya sea para conferencias o como sala de cine. En la sala de exposiciones temporales se exponen las obras de los artistas locales. También se invita a participar a la población en concursos de dibujos y textos. Y la pequeña biblioteca ubicada en el primer piso es un gran logro. Un gran número de estudiantes escolares utilizan el espacio para hacer sus tareas sin ser distraídos por sus hermanos pequeños y, en los casi dos años del cierre de escuelas y colegios por la pandemia, para usar el internet y poder hacer sus trabajos online. “Tuvimos que poner más mesas en el pasillo, tan grande fue la demanda”, dice Milagros Aguirre.

En la noche, los 45.000 habitantes del Coca ya no se pasean solamente en el malecón. En 2013 los arquitectos del MACCO construyeron también una plaza central que fue tan bien acogida por la población, y parece que siempre hubiera estado ahí. En Coca, sigue haciendo calor, los restaurantes de comida rápida no invitan a quedarse, y el árbol de navidad, adornado con baratijas, ya perdió el color debido al fuerte sol. Pero de pronto, el lugar no tiene una sola cara, si no muchas.   (Traducción del alemán: Marcela García)

07.01.2022

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Leben und Gesellschaft

Pragmatismus gegen den Mangel: Rückkehr in die Schule

Früh am Samstagmorgen in Checa, in der staatlichen Schule „Tres de Diciembre“.  Ein Dutzend Eltern in Gummistiefeln hackt vor einem Klassenraum die Grasnarbe auf. Es mögen etwa 25 Quadratmeter Boden sein, die heute umgegraben werden. Schulleiterin Rocio Hidalgo ist seit sieben Uhr vor Ort. „Wir müssen diesen Klassenraum vergrößern, sonst reicht der Platz nicht – nicht jetzt nach der Pandemie, wo immer mehr Kinder in die Schule zurückkommen.“ Eine zweite Gruppe ist mit dem Schneiden des Rasens beschäftigt, die laut lärmenden Rasenmäher haben wiederum andere Eltern für den Tag zur Verfügung gestellt.

Rund 1600 Schüler sind eingeschrieben an dieser Schule, die Kindergarten, Grundschule und Sekundarstufe umfasst. „Unsere Schule ist attraktiv, weil wir auch ein Fachabitur in den Bereichen Hotelwesen und Unterhaltungselektronik anbieten. Da kommen die Jugendlichen teilweise von weit her, in jeder Klasse sind rund vierzig Schüler.“ Das Schulgelände ist groß und grau, der Putz bröckelt an vielen Stellen, die sauberen Toiletten wirken rustikal. Für den Unterhalt gab es in den anderthalb Jahren, die die Schule wegen Corona geschlossen war, vom Staat kein Geld. Die jetzt vorgeschriebenen zusätzlichen Waschbecken auf dem Schulhof, die das regelmäßige Händewaschen ermöglichen sollen, wurden von der Schulleiterin durch das Sammeln von Altpapier und Plastikflaschen finanziert.

Wer keinen Internetzugang hat, kehrt schneller in die Schule zurück

Checa liegt nur eine Dreiviertelstunde von der ecuadorianischen Hauptstadt Quito entfernt in einer schon ländlichen Gegend. Es gibt den üblichen begrünten Platz im Ortszentrum, eine Hauptstraße, kleine Läden, und hinter einem rostigen Tor die riesige Schule. Über 60% aller Schüler hier gelten nach ecuadorianischen Maßstäben als arm. Etwa die Hälfte aller Familien verfügt über keinen Zugang zum Internet. In der Pandemie, als der Unterricht ausschließlich digital erfolgen konnte und Hausaufgaben per WhatsApp verteilt und zurückgeschickt wurden, ein großes Problem. Deshalb besuchen die Kinder dieser besonders armen Familien bereits zu 90% wieder den Präsenzunterricht. Bei den Familien mit Internetzugang über Handy oder Computer ist es etwas mehr als die Hälfte, Tendenz steigend.

Die Klassen 10-12 der Fachoberschule sind die einzigen, die bereits wieder täglich in die Schule kommen dürfen. Alle anderen erhalten nur dreimal wöchentlich Unterricht – wenn es die Eltern denn erlauben. Denn nach den staatlichen Vorgaben darf niemand darf zum physischen Schulbesuch gezwungen werden. Die Angst vor Ansteckung ist noch immer weit verbreitet. Dabei sind in der Provinz Pichincha, in der Checa liegt, rund 83% der Über-Zwölfjährigen geimpft. In dieser Woche erhalten alle Schüler zwischen fünf und zwölf Jahren ebenfalls ihre zweite Impfung – klassenweise und im Zweifelsfall ohne Ausnahme. Ab dem Februar 2022 hat das Schulministerium die vollständige Rückkehr aller Kinder in den Unterricht vorgesehen.

Groß ist die wirtschaftliche Not. Zwar ist der Schulbesuch formal gesehen kostenlos, ist die Pflicht zum Tragen der Schuluniform zurzeit ausgesetzt, sollen in diesem Jahr möglichst keine neuen Schulbücher angeschafft werden. Aber bereits der Transport von den oft weit entfernt liegenden Dörfern und die angemessene Ernährung der Schulkinder kostet Geld, über das viele Familien in der Wirtschaftskrise nicht mehr verfügen. Die sogenannten Schulspeisung erreicht sie in diesen Zeiten nur tröpfelnd: Alle zwei bis drei Monate gibt es ein paar Pakete mit Keksen, gesüßter Milch und zuckerhaltigen Säften, die allenfalls als Snack durchgehen können.

Wer nicht isst, kann auch nicht lernen

Sechs Familien mit kleinen Schulkindern warten deshalb an diesem Morgen geduldig auf dem Schulhof. Die „Damas Alemanas“, ein ehrenamtlicher Hilfsverein aus Quito, haben die Übergabe einer monatlichen Lebensmittelspende angekündigt. Schwere Kartons mit Reis, Hülsenfrüchten, Kartoffeln, Tomaten und Obst werden ausgepackt. „Eure Kinder erhalten diese Unterstützung, damit sie genug und gesund essen. Eure Verpflichtung als Eltern ist es, dafür zu sorgen, dass die Kinder regelmäßig in die Schule kommen und so gut lernen, wie sie es eben können!, erklärt Rocio Hidalgo der schweigend lauschenden Gruppe. 

Die Geschichten der Familien sind so eindrücklich wie vielfältig. Die Mutter des achtjährigen Paolo (Namen geändert) weint, als sie die Essenskiste entgegennimmt; sie hat mehrere Kinder, ist alleinerziehend und ohne Arbeit. Die sechsjährige Adriana kommt mit ihrem Großvater – der Vater ist in der Nacht davor bei einem Messerangriff schwer verletzt worden. Miguel lebt mit seinen sieben Geschwistern in einem baufälligen Häuschen am Dorfrand.

Die Familien brauchen die Schule, die Schule die Familien

Schulen wie die „Unidad Educativa Tres de Diciembre“ sind für die Kinder und ihre Familien Lernort und Sozialzentrum zugleich. Durch den Präsenzunterricht erhält der Tag für die Schüler wieder eine Struktur; die Klassenlehrer andererseits wissen genau, welche ihrer Schützlinge besondere Nöte haben. Auch die Schule braucht die Eltern: Malen, mauern, mähen, Altpapier verkaufen – die Liste der Aufgaben ließe sich lange fortschreiben. Ohne eine aktive Schulleitung aber läuft nichts: „Wir waren die erste Schule im Bezirk, die wieder Präsenzunterricht angeboten hat. Man muss diese Dinge wollen und seine Pläne selbst umsetzen. Auf den Staat können wir hier nicht warten.“ 

14. Dezember 2021

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Leben und Gesellschaft

Kirche, Kinder, Küche – live

Zachäus der Zöllner heißt eigentlich Philip, ist neun Jahre alt und noch klein. Mangels Maulbeerbaum steht er auf einer Leiter, um den großen Jesus besser zu sehen. Das Volk schreit „Jesus kommt“ und „Halleluja“, die Kinder des Zöllners zupfen ihrer Mutter an der imaginären Schürze, und die Gemeinde schmunzelt. Endlich wieder Gottesdienst in der Gemeinschaft, mit Großeltern, kleinen Geschwistern, und ja: sogar mit den Hunden. Auf einer Finca in der „Mitte der Welt“, in „Mitad del Mundo“ nördlich der ecuadorianischen Hauptstadt Quito.

Seit im März 2020 alle Kirchen des Landes schlossen, hat sich die deutsche evangelische Gemeinde in Ecuador fast nur noch online getroffen. Im überschaubaren Kreis derer, die auch nach anderthalb Jahren noch die Geduld für den kühlen, flachen Bildschirm hatten. Zwar boten die Zoom- Gottesdienste neue Möglichkeiten: Auf einmal konnten Gemeindemitglieder aus der Hafenstadt Guayaquil und aus Quito gemeinsam eine Predigt hören und Fürbitten halten. Aber das Gemeindeleben fiel der virtuellen Barriere weitgehend zum Opfer; Kinder und Jugendliche kamen auf dem Bildschirm gerade noch einmal zu Heiligabend vor. 

Einen Monat nach der Ankunft des Pfarrers kam der Lockdown

Und nun steht Pfarrer Walter Baßler vor dem improvisierten, von einem Wellblechdach geschützten Altar und teilt das Abendmahl aus, an Erwachsene und Kinder. Die Hunde schauen zu. Wenn man so will, ist Baßler ein Corona-Opfer. Am 01. Februar 2020 landete er mit seiner Frau Susanne in Quito, um dort für einige Monate als von der EKD geschickter „Ruhestandspfarrer“ in der deutschen Gemeinde auszuhelfen. Die 1957 gegründete „Evangelisch- lutherische Kirche deutscher Sprache“ (IELE) hatte da schon lange keinen regulären entsandten Geistlichen mehr; die vierzehntäglich stattfindenden Gottesdienste wurden mit viel Engagement von zu Prädikanten fortgebildeten Gemeindemitgliedern gehalten. 

Dabei verfügt die deutsche Gemeinde über ein eigenes Grundstück, mit der 1958 erbauten Kirche, Pfarrhaus, den ein paar Jahre später errichteten Gemeinderäumen und einem großem Garten. Das großzügige Gelände steht auch der ecuadorianischen lutherischen Gemeinde und den amerikanischen Anglikanern für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Das Ehepaar Baßler sollte Haus und Garten gut kennenlernen, denn einen Monat nach ihrer Ankunft kam Corona, und damit der strenge Lockdown. Nur noch zum Einkaufen von Lebensmitteln durfte das Haus verlassen werden. Flüge nach Europa gab es über Monate nicht mehr. 

Walter Baßler in Aktion © Christoph Hirtz

Gemeindeaufbau über Zoom und Handy

Aber das Pfarrerehepaar ließ sich nicht entmutigen. Beschloss, erst einmal in Quito zu bleiben. Knüpfte über Handy und Computer Kontakte. Hackte tagelang Holz, nachdem ein großer Baum im Pfarrgarten umgestürzt war. Organisierte, sobald das wieder möglich war, die technische Ausstattung für die Zoom-Gottesdienste. Und begann, unterstützt von der EKD, mit dem seit langem erhofften Wiederaufbau der Kirche „an Leib und Seele“. Nicht nur wurden umfangreiche Renovierungsarbeiten an Pfarrhaus und -garten durchgeführt, auch in Kirchenvorstand und Gemeindeleitung gab es mit der Zeit zahlreiche neue Gesichter. 

„Wir wollen jetzt einmal im Monate einen Gottesdienst im Freien für die ganze Familie anbieten“, kündigt Jens Kläne, der neue Verwaltungschef der Gemeinde an. „Es gibt noch einige bürokratische Hemmnisse, die uns daran hindern, den eigentlichen Kirchenraum wieder zu nutzen“, erklärt Anke Naumann, die Vorsitzende des Kirchenvorstandes. „Aber wir finden schon eine Lösung; wir haben ja den Pfarrgarten, in dem wir Gottesdienst feiern können, und auch über Weihnachten haben wir uns bereits Gedanken gemacht.“ 

Gottesdienst im Freien: In Quito zum Glück immer eine Option

Dabei erwähnt sie nicht, dass natürlich auch das Geld immer knapp ist in einer Gemeinde, die von den Spenden ihrer Mitglieder leben muss, und von den Kollekten, die anderthalb Jahre lang faktisch ausblieben. Freiluftgottesdienst – in Quito und Umgebung fast an jedem Sonntagvormittag eine Option, denn der tägliche heftige Regenguss ereilt die Stadt meist erst am Nachmittag. Und so toben die Scharen blonder Kinder, die eben noch nach Regieanweisung in der Predigt Jesus zugejubelt haben, jetzt wild durch den Garten. Die Bratwürste brutzeln auf dem Grill, und irgendwo hat einer der Jünger zur Gitarre gegriffen. Die Tischgesellschaft singt entspannt mit. Wir wissen jetzt, was uns gefehlt hat im letzten Jahr. 

27. Oktober 2021

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Leben und Gesellschaft

Neues Schuljahr in Ecuador: Kaum Schule, keine Zukunft

„Wir beginnen mit dem Unterricht im September 100% digital; sobald wie möglich wollen wir diejenigen Schüler, die keinen Zugang zum Internet haben, in die Schule holen. Aber solange wir hier kein fließendes Wasser haben, geben uns die Behörden nicht die Erlaubnis“, erzählt der Lehrer einer unweit der Stadt Portoviejo gelegenen staatlichen Schule mit rund 900 Kindern. „Wir haben schon ein Waschbecken am Eingang installiert,  jetzt müssen wir noch die Beschilderung planen, dann können wir die Genehmigung zur Öffnung beantragen“, erklärt der Leiter einer kleinen Grundschule in den Bergen bei Quito. Zum Ende der Sommerferien in Ecuador schauen Lehrer und Eltern dem Schulbeginn mit Hoffnung und Skepsis entgegen. 

Während in Europa das Schuljahr trotz zum Teil steigender Inzidenzen vergleichsweise normal begonnen hat, sind weite Teile Lateinamerikas und der Karibik von der Rückkehr zur schulischen Normalität noch weit entfernt. Seit im März 2020 alle Schulen des Kontinents (mit Ausnahme Nicaraguas) geschlossen wurden, gab es zwar in einzelnen Ländern vorsichtige Versuche, unter strengen Auflagen wieder Präsenzunterricht zuzulassen. Im Durchschnitt jedoch versäumte ein Kind auf diesem Kontinent bis zum 30. Juni 2021 bereits 154 Schultage – mehr als in jeder anderen Weltregion. 

Fast fünfzig Prozent sind doppelt geimpft, aber die meisten Schulen öffnen nicht

Seitdem hat sich das Bild differenziert. Während das kleine Uruguay mit einer Impfquote von 72,% seine Schulen schnell wieder öffnete, ist in Peru (24%) und Venezuela (21,7%) bisher kein Datum für eine Rückkehr der Schulkinder in Sicht. In Ecuador hat die Ende Mai angetretene Regierung von Guillermo Lasso offiziell die Rückkehr zur Präsenzschule als Ziel bekanntgegeben und jenen Schulen, die bereits über ein genehmigtes Hygienekonzept verfügten, die Öffnung mit bis zu 30% ihrer Schülerzahl gestattet. Mittlerweile haben im Landesdurchschnitt fünfzig Prozent der Bevölkerung beide Impfungen gegen COVID erhalten; in der Hauptstadt Quito und der sie umgebenden Provinz Pichincha sind es fast achtzig Prozent. 

Tatsächlich hat jedoch zum 1. September, wenn im Hochland und im Amazonasgebiet das neue Schuljahr beginnt, nur rund ein Fünftel aller Schulen im Land eine Genehmigung zur Öffnung beantragt und erhalten. Bei vielen dieser Schulen handelt es sich um Zwergschulen in entlegenen ländlichen Gegenden, mit sehr geringen Schülerzahlen. So werden deshalb nur wenig mehr als 200.000 von rund viereinhalb Millionen ecuadorianischen Schulkindern ab September tatsächlich wieder Unterricht in einem Klassenraum haben. Kindergärten und Vorschulen bleiben weiterhin geschlossen.

Die Angst vor einer Ansteckung von Kindern ist übergroß

Dass die Rückkehr zur Präsenzschule in fast ganz Lateinamerika so schleppend vorangeht, liegt an mehreren Faktoren. Die hiesigen Eliten, denen die Regierungsmitglieder in der Regel angehören, konnten mit Homeoffice und Homeschooling gut leben: Ihre Kinder gehen auf gut ausgestattete Privatschulen, die zu Beginn der Pandemie schnell auf zuverlässigen, modernen und akademisch durchaus anspruchsvollen Online-Unterricht umstellten. Dass beispielsweise in Ecuador rund die Hälfte aller Kinder anderthalb Jahre lang überhaupt keinen Zugang zu digitalem Unterricht hatte, und die große Mehrheit der übrigen mehr schlecht als recht per WhatsApp betreut wurde, spielte in der Beurteilung der Krise durch die Eliten kaum eine Rolle. Viele dieser Familien sehen bis heute keinerlei Grund, weshalb ihre Kinder jemals wieder physisch eine Schule betreten sollten.

Dazu kommt, dass lateinamerikanische Eltern ihre Kinder, wenn die ökonomischen Verhältnisse dies erlauben, sehr behütet erziehen. Die Angst davor, dass dem Kind etwas geschehen könne, ist insbesondere in der Mittel- und Oberschicht unendlich. So halten sich hartnäckig auch in gebildeten Kreisen Gerüchte, denen zufolge neben den älteren Menschen besonders die Kinder durch Corona gefährdet und regelmäßig auf den Intensivstationen zu finden seien. Dass die Sterblichkeit in Ecuador inzwischen auf einem niedrigerem Niveau als dem vor Beginn der Pandemie angekommen ist, wird von den Medien kaum kommuniziert. 

Zahlreiche bürokratische Hürden verhindern Präsenzunterricht

Am Ende aber ist es vor allem die staatliche Bürokratie, die dazu führt, dass Millionen von Kindern in Lateinamerika der Aufstieg durch Bildung verwehrt bleiben wird: „Nächstes Jahr im Februar werden meine Kinder vielleicht wieder in die Schule gehen, hat uns die Schulleitung gestern gesagt“, berichtet Amalia, eine Mutter von zwei Kindern. Jede einzelne der 3.000 privaten und 14.000 staatlichen Schulen im Land muss einen Antrag auf Wiederöffnung stellen; jede dieser Schulen wird von Mitarbeitern des Schulministeriums persönlich geprüft; jedes Kind, das wieder in seine Schule möchte, muss dies einzeln beim Ministerium beantragen. Jede Schule ist verpflichtet,  parallel zum Präsenzunterricht eine virtuelle Variante anzubieten, solange sich nicht 90% der Eltern für eine Rückkehr ausgesprochen haben – so bestätigte es die ecuadorianische Schulministerin Maria Brown unlängst in einem Interview.

Das überfordert nicht nur die schlecht ausgestatteten staatlichen Institutionen: „Es ist ganz schön heftig mit dem hybriden Unterricht, denn da habe ich immer gleichzeitig 12 Kinder online und sechs Kinder präsent, und es ist eben Schule, und da passieren Sachen: Ein Kind ist hingefallen und bricht sich den Arm, ein anderes muss sich übergeben, und da müssen die, die zu Hause an den Bildschirmen sitzen, eben warten“, erzählt die Lehrerin einer privaten Grundschule. 

Eine Generation verliert die Hoffnung auf Aufstieg durch Bildung

Hunger und Gewalt haben im vergangenen Jahr in den ärmeren Haushalten Ecuadors messbar  zugenommen. In den vielen kleinen Küstenorten, wo es jetzt erstmal seit über einem Jahr wieder ein wenig Tourismus gibt, müssen die Eltern dringend arbeiten gehen, um überhaupt wieder Geld ins Haus zu bringen – dann passt die Neunjährige auf den vierjährigen Bruder auf, während die Mutter am Strand Eis verkauft. Es wird gefürchtet, dass bis zu 25% dieser Kinder nicht wieder in das Schulsystem zurückkehren werden. 

Das Kinderhilfswerk UNICEF fordert seit rund einem Jahr eine kontrollierte, aber zügige Öffnung der Schulen: „Wir können nicht warten, bis die Infektionsrate bei Null ist….Wir können nicht warten, bis alle Lehrer und Schüler geimpft sind…Wenn wir die Schulen geschlossen halten, nehmen wir unseren Kindern ihre Zukunft.”

31. August 2021

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