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Leben und Gesellschaft

Den Blick nach vorne – als Venezolanerin in Ecuador

„Die neue Pizzeria? Mit den venezolanischen Eigentümern? Weiter unten an der Straße, gegenüber der Bäckerei!“ María Eugenia Socas, die mit ihrem Mann und Sohn das winzige Pizzarestaurant „Weston“ führt, ist einen Monat nach der Eröffnung bereits in der Straße bekannt. Keine wirkliche Überraschung, denn Maru, wie alle sie hier nennen, ist eine Persönlichkeit, an die sich jeder erinnert. Als ich das Lokal betrete, braucht sie wenige Sekunden, um sich den Teig von den Händen zu streichen, ihren Sohn mit der Betreuung wartender Gäste zu betrauen und mich mit strahlenden Augen über der Maske zu begrüßen. Schon sitzen wir auf den abgewetzten Stühlen und tauschen Neuigkeiten aus.

Heute gekündigt, morgen am neuen Ort

Warum sie ihre alte Pizzeria und Wohnung gegenüber dem Hauptplatz des Städtchens Tumbaco aufgeben musste? Sie konnte als Folge des Lockdowns die Miete für das Restaurant nicht mehr bezahlen, und gleichzeitig kündigte ihr die Eigentümerin der von der Familie gemieteten Wohnung wegen Eigenbedarfs, „und da ist bis heute niemand eingezogen, wie kann man so blöd sein – jemandem kündigen, der regelmäßig Miete bezahlt? In diesen Zeiten? Aber so geht es jetzt vielen Venezolanern.“ 

Maria Eugenia, die in Venezuela als Eventmanagerin arbeitete, ist mit ihrem Mann, der dort eine Autowerkstatt besaß, und dem erwachsenen Sohn in der Karwoche 2017 in die Hauptstadt Ecuadors gekommen. Zu Zeiten, in denen man als venezolanischer Flüchtling hier zwar nicht gerne gesehen war, aber doch noch gewisse Möglichkeiten hatte, sich ein neues Leben aufzubauen. Binnen drei Jahren hatte sich ihre Pizzeria in Tumbaco bei Quito zu einer Institution entwickelt – auch wegen der Pizza, aber vor allem wegen des unermüdlichen Einsatzes ihrer Eigentümer für die Belange aller Venezolaner im Städtchen. Probleme bei der Regelung des Aufenthaltsstatus’? Unter den WhatApp-Kontakten von Maria Eugenia findet sich jemand, der mit Behördengängen und Formularen hilft, notfalls auch in Nachtschichten. Einem Flüchtling ist sein Motorrad gestohlen worden, und die Polizei glaubt ihm nicht? Maru begleitet ihn zur Polizei. Ein Luxusrestaurant im Nachbarort beschäftigt Venezolaner ohne Vertrag, Arbeitszeitbegrenzung und weit unterhalb des Mindestlohns? Gleich wird eine Facebook-Kampagne gestartet und notfalls ein Lokalpolitiker eingeschaltet. 

Venezolanische Flüchtlinge sind besonders hart vom Lockdown betroffen

Die Zeiten der Ausgangssperre in Ecuador von März bis August dieses Jahres haben die rund 500.000 Flüchtlinge aus Venezuela besonders hart getroffen. Viele von denen, die Arbeit hatten, waren im informellen Sektor beschäftigt. Aber Eis verkaufen an der Straße, Autos waschen, Taxidienste verrichten, das alles ging über Monate nicht. Ohne Registrierung als Flüchtling und ohne Geld sind Arztbesuche nicht möglich; und wo sich zwei Dutzend Familien einen einzigen Kochherd teilen, ist es mit den Hygienemaßnahmen nicht weit her. Auch jetzt nach dem Ende der Ausgangssperre, wo sich die Wirtschaftskrise mit aller Macht zeigt, sieht es nur wenig besser aus. Deshalb läuft seit Monaten auch Nahrungsmittelhilfe für Bedürftige über die Pizzeria Weston – wer Maru unterstützen will, spendet ihr Geld, das sie dann über ihre Bekannten in preiswertes Obst und Gemüse vom Großmarkt umsetzt, in Tüten verpackt und gegen Unterschrift und Foto an diejenigen verteilt, bei denen die Not gerade besonders groß ist. „Aber wer mir ein Selfie schickt, auf dem er gerade mit seinem Kumpel Bier trinkt, muss gar nicht erst kommen – wenn er Geld für ein Bier hat, braucht er kein Essen!“

Nicht rückwärts blicken, weitermachen, ist die Devise von Maria Eugenia. „Uns geht es prima“, lacht sie, während sie die Hände in die Hüften stemmt. Drei Tage hatte sie im August Zeit, um ihr altes Lokal zu räumen, nachdem sie die dortige Vermieterin zuvor vergeblich um eine Senkung der Miete gebeten hatte. Seit Juli dürfen Lokale in Quito wieder Essen servieren, aber nur 30% ihrer Plätze besetzen. Fast unmöglich, damit genug zum Überleben zu  erwirtschaften. „Heute haben wir hier die erste Miete bezahlt. 400 Dollar statt 800 am alten Ort. Und schau, der Raum ist besser als vorher, mehr Fenster, die überdachte luftige Terrasse, mehr Laufkundschaft“. Zurzeit wohnt die dreiköpfige Familie in einem einzigen Zimmer hinter dem Restaurant. Aber die ersten Kunden stehen oft schon um sechs Uhr morgens vor der Tür, „und wenn alles gutgeht bis Dezember, suchen wir uns etwas Größeres zum Wohnen!“ 

18. September 2020

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