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Leben und Gesellschaft

Mitten im Leben sind wir immer vom Tod umgeben

Zum ersten Mal hörte ich das Wort „Triage“ im Gespräch mit französischen Freunden in den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie benutzten es für etwas, das sie von uns Deutschen gelernt hatten: Mülltrennung. Das Bild der Container für unterschiedliche Wertstoffe bekomme ich nicht aus dem Kopf, und es verbindet sich auf merkwürdige Weise mit Eindrücken vom Leben und Sterben hier in Ecuador.

Vor wenigen Tagen starb in dem kleinen Städtchen Tumbaco bei Quito die siebenundzwanzigjährige Venezolanerin Vanessa. Sie starb umringt von Verwandten: Ihrer Mutter, ihrer Tante, ihrer Schwester, ihrer Nichte, zweien ihrer drei kleinen Kinder. Gemeinsam waren sie vor rund einem Jahr aus Venezuela über Kolumbien nach Ecuador gekommen. Der Vater der Kinder lebt noch in Kolumbien. Damals wusste die junge Frau schon, dass sie unter Gebärmutterhalskrebs litt.

Unser Hilfsverein deutschsprachiger Frauen, der „Damas Alemanas“, hörte vor einigen Wochen erstmals von Vanessa. Maria Eugenia, die Eigentümerin der kleinen Pizzeria „Weston“ in Tumbaco, hatte uns von ihr und ihrer Familie erzählt. „Maru“, wie man sie hier nennt, kennt scheinbar alle venezolanischen Flüchtlinge im Städtchen. Sie hatte um konkrete Hilfe gebeten: Hygieneartikel, Bettwäsche, ein wenig Essen. Aber sie hatte auch nicht zum ersten Mal von den Schwierigkeiten berichtet, denen Flüchtlinge hier in Ecuador oft ausgesetzt sind: Kein geregelter Status, keine reguläre Arbeit, kein Zugang zu Krankenversicherung oder staatlichen Hilfsleistungen.

In den letzten Tagen hatten sich die traurigen Nachrichten dann gehäuft: Morphium kann der Krebskranken nur im behandelnden Krankenhaus injiziert werden. Das aber liegt 20 km entfernt, die Kranke ist zu schwach für einen Transport im Taxi. Wenige Tage später: „Vanessa braucht sofort Sauerstoff“. Aber bei der Notrufnummer 911 heißt es lapidar, es gebe keinen Krankenwagen, um sie in die Klinik zu bringen. Endlich doch zu nächtlicher Stunde im Krankenhaus angekommen, ist die Auskunft: „Wir können hier nichts tun, nehmen Sie die Patientin wieder mit nach Hause“. Und schließlich die WhatsApp aus der Pizzeria: „Vanessa ist eben gestorben, kommen Sie bitte sofort, sonst nimmt die Polizei die Leiche mit zur Gerichtsmedizin“.

Die Finanzierung der Bestattung hatten wir mit der pragmatischen Maru Stunden vorher geklärt. Ich greife Tasche und Handy, fahre zur Pizzeria. Maria Eugenia wischt sich die Hände ab, stülpt sich den Motorradhelm über das Kopftuch, und führt mich mit dem Motorrad einige Straßen weiter. Vor dem Tor der Unterkunft, in der die Familie lebt, zwei Polizisten in neongelben Warnwesten – um sicherzustellen, dass bei der ausländischen Verstorbenen alles mit rechten Dingen zugeht. Ich versichere, dass das Bestattungsunternehmen informiert ist und für die Ausstellung des Totenscheins sorgen wird. Zur Sicherheit werden aber doch meine Pass- und Telefonnummer notiert. 

Im Innenhof Weihnachtsdekoration, Wäsche, Müll. Erst vor einem Monat ist die Familie hierhergezogen. Mehrere Türen führen zu einzeln vermieteten Zimmern. In dem ersten haben sich die Verwandten um die abgemagerte Tote versammelt, rund zehn weinende Menschen auf drei Betten, den einzigen Möbeln im fensterlosen Zimmer. Reingehen, draußenbleiben? Es ist in Corona-Zeiten noch schwerer als sonst, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Mutter und Schwester die Hand und nicht nur das Geld geben? Dem einjährigen jüngsten Sohn der Toten über den Kopf streichen? 

„Jetzt, wo Vanessa nicht mehr da ist, hat die Familie mehr Geld zur Verfügung, kann vielleicht vorankommen“, sagt Maru. Was ist ein Menschenleben wert? Und wer bestimmt diesen Wert? Wer Geld oder die richtige Staatsangehörigkeit hat,  bekommt Morphium, der andere nicht. Wer im richtigen Land geboren ist, hat Zugang zu Wasser, Strom und Bildung, wer in in einem anderen zur Welt kommt, nicht. Das eine Staatsoberhaupt fühlt sich seinen Bürgern verantwortlich, das andere treibt sie in Armut, Krieg und Flucht. Die Trennung in Wertvolle und weniger Wertvolle ist da, jeden Tag, überall auf der Welt. Nicht nur auf der Corona-Intensivstation.

18. Dezember 2020

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