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„Diese jungen Leute sind die musikalische Zukunft Ecuadors“

Ein koloniales Haus in Quitos historischer Altstadt. Nach spanischer Tradition gebaut um einen offenen Innenhof, der von überdachten Galerien auf drei Stockwerken umrahmt wird. Die Eingangstür zu der vom samstäglichen Treiben belebten Calle Montúfar steht offen. Alleine, zu zweit, zu dritt kommen die Besucher herein. Mit Maske selbstverständlich. Nehmen auf den mit Abstand auf den Galerien aufgestellten Stühlen und Bänken Platz. Erwarten das Abschlusskonzert der Kurse für fortgeschrittene Schüler und Musikstudenten, die der Schweizer Dirigent Emmanuel Siffert und der ecuadorianische Pianist  Andrés Torres in den vergangenen zwei Wochen, der Pandemie zum Trotz, auf die Beine gestellt haben. So wie in den Jahren zuvor. 

Es ist eine der Merkwürdigkeiten dieser Zeit, dass hierzulande alles, was nicht ausdrücklich verboten (Schule) oder eingeschränkt (Autofahren) wurde, irgendwie doch erlaubt ist. Man darf nur nicht den falschen Leuten die falschen Fragen stellen. Und muss für sich die richtigen Antworten geben. Frische Luft? Ja. Fühle ich mich in dieser Gruppe von Menschen wohl? Ja. Also setzen wir uns auf eine der harten Holzbänke, blicken nach unten und harren der Dinge. Emmanuel Siffert begrüßt die etwa fünfzig Anwesenden und erinnert an die mehr als zehn Jahre, die er gemeinsam mit dem jüngeren Andrés Torres in der Förderung des musikalischen Nachwuchses aktiv ist: „Wir wollen ein Zeichen setzen, dass wir weitermachen, auch und gerade jetzt.“ Siffert,  Jahrgang 1967, war von 2007 – 2009 Chefdirigent des nationalen Sinfonieorchesters Ecuadors. Zur Zeit leitet er in Argentinien das Symphonische Orchester von San Juan.

Lernen kann man immer – was zählt ist die Musik

Unter den heute Auftretenden sind einige bereits Bekannte aus den Kursen des letzten Jahres. Die Bandbreite ist groß: Die erst vierzehnjährige Chinesin Jiedan Ding, vor einem Jahr nach Ecuador gekommen, spielt Mozarts Klavierfantasie d-moll KV 397 und setzt sich dabei erfolgreich gegen das schwachbrüstige Keyboard und telefonierende Zuhörer durch. Die erfahrene Mezzosopranistin Andrea Condor, vor wenigen Monaten noch in Guayaquil als „Carmen“ zu hören, präsentiert mit warmem Ton und Nuancenreichtum die Arie der Dalila „Mon Coeur s’ouvre à ta voix“ von Camille Saint-Säens. Dazwischen Trompete, Posaune, Kontrabass, und die junge Violinstudentin Maria Veintimilla aus der Küstenstadt Esmeraldas, die  beim ersten Satz des Bruch-Konzerts eine beeindruckende Bühnenpräsenz zeigt. Andrés Torres begleitet routiniert und lässt sich weder vom rutschenden und klappernden Keyboardpedal, noch durch hupende Motorräder oder die allmählich einbrechende Dunkelheit aus der Ruhe bringen. 

Seit 2015 besteht das Projekt „Fest & Arts“, in dessen Rahmen Siffert und Torres diese jährlichen „Meisterklassen“ für angehende Profimusiker anbieten. Ziel der beiden Musiker war und ist es, einen Raum der Begegnung für unterschiedliche Künstler und Kunstformen im Herzen Quitos zu schaffen. Die hohen Unterrichtsräume sind mit unzähligen Werken ecuadorianischer Maler geschmückt; ein neben uns sitzender professioneller Puppenspieler, Ehemann einer Musikerin, berichtet begeistert von Theateraufführungen, die er hier in Vor-Corona-Zeiten besucht hat. Es braucht nicht viel Phantasie, um  sich das wohl zu Beginn des 19. Jahrhunderts erbaute Haus mit seinen zahlreichen vom Innenhof abgehenden Räumen, den eleganten Holzsäulen und seinem maroden Charme als Gesamtbühne vorzustellen. 

Strahlend und düster in der Pandemie: Quitos Zentrum

Im Anschluss an das Konzert geht es auf die Dachterrasse, wo neben Glühwein und Häppchen vor allem ein spektakulärer Blick auf die schon jetzt hochzufriedenen Besucher wartet: Vom „Panecillo“, dem brötchenförmigen Hügel mit der überdimensionierten Marienstatue, über sämtliche erleuchteten Kirchen der Altstadt ist fast alles zu sehen, was Quito an Attraktionen zu bieten hat. Das Glitzern und Funkeln in der Nacht tröstet darüber hinweg, dass das als UNESCO-Kulturerbe registrierte Zentrum tagsüber zu einer Stätte der Ödnis geworden ist: Die Pandemie hat zahlreiche der kleinen Geschäfte und Restaurants in den Ruin getrieben, die ausländischen Touristen bleiben seit einem Jahr aus.  

Um so wichtiger ist es in den Augen der Konzertorganisatoren, weiterhin Zeichen zu setzen. „Diese jungen Leute sind die musikalische Zukunft Ecuadors“, sind die Worte, mit denen Andrés Torres den Abend beschließt. Emmanuel Siffert wird in der kommenden Woche im kleinen Loja das dortige Sinfonieorchester dirigieren: auf dem Programm steht unter anderem die dritte Symphonie von Antonín Dvorák. Ein im kolonialen Cuenca vorgesehenes Konzert wurde kurzfristig abgesagt. Aber ausruhen, resignieren – das kommt für Beide nicht in Frage. 

20.02.2021

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