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Leben und Gesellschaft

Angst vor Corona und vor der Zukunft – Wahltag in Ecuador

Die Menschenschlange ist unendlich. Sie windet sich um zwei Blocks herum, die Straße hinauf, auf der anderen Seite wieder  herunter und endet schließlich am Eingang der Schule „Benjamin Carrión“ im Stadtteil „Comité del Pueblo“ (Volkskomitee) im Norden von Quito. Um sieben Uhr haben die Wahllokale geöffnet; der nationale Wahlrat hat empfohlen, dass alle Ecuadorianer, deren Ausweisnummer auf eine gerade Zahl endet, bis zwölf Uhr wählen, all die mit einer ungeraden Endziffer dann am Nachmittag. Aber aus Angst, nicht rechtzeitig zum Wahllokal zu gelangen, das um Punkt 17.00 schließen muss, sind viele Wähler früh aufgestanden.

Und nun stehen sie seit zwei Stunden in der Schlange, teils ergeben in ihr Schicksal, teils laut schimpfend: „Wo sehen Sie hier irgendeinen Abstand, es ist eine Schande!“, beschwert sich eine junge Frau. „Hört zu, wir sind von der Stadtverwaltung: Falls Ihr nach der Wahl Symptome spürt, kommt in das Stadion von Calderón, dort führen wir gratis PCR-Tests durch“, rufen zwei in Arztkittel gekleidete Männer in die Menge. „Dies hier ist unmöglich“, fügen sie, zu mir gewandt, hinzu. Die überforderte Wahlleiterin in der Schule möchte am liebsten gar keine Wahlbeobachter in ihren Räumen haben und kann auf Nachfrage nicht sagen, wie viele Wahlpflichtige hier registriert sind. 

Zwischen Wahlpflicht und Angst vor Corona

In einem anderen Wahllokal sollen heute 14.000 Bürger ihre Stimme abgeben. Das bedeutet 1.400  Personen pro Stunde, verteilt auf diverse Wahlräume und Stimmkabinen. In Ecuador besteht Wahlpflicht; wer nicht abstimmt, muss eine Reihe von Behördengängen erledigen und 39,40 US-$ Strafe zahlen, ein Zehntel des Mindestlohns, um das begehrte Papier zu erhalten, das ihm Pflichterfüllung bescheinigt. Wer das Wahllokal verlässt, strebt häufig gleich zu einem der zahlreichen Stände mit Laminiermaschinen, um den ergatterten Schein für die nächste Zeit sicher einzuschweißen: Keine Kontoeröffnung, kein Autoverkauf ohne Wahlbestätigung. Auch wer seinen eigenen Kugelschreiber vergessen hat – neben Maske, Alkohol und Ausweis unabdingbares Requisit in diesen Zeiten – wird in einem der vielen kleinen Schreibwarenläden für 35 Cent fündig. 

Seit Donnerstag Abend ist Wahlwerbung verboten; dennoch hängt direkt neben dem Eingang zur Abendschule Benjamin Carrión noch ein Foto des Kandidaten Arauz; und damit der Wähler gleich weiß, wer die Kampagne von Arauz orchestriert, steht es in dicken Lettern dort: „Correa Liste 1“. Rafael Correa, diktatorischer Staatspräsident bis 2017, wegen Korruption rechtskräftig verurteilt, zur Zeit im Exil in Belgien. In den WhatsApp-Gruppen der reichen Oberschicht kursieren bereits am Nachmittag des Wahltags selbst gedrehte Filme, die dokumentieren sollen, dass in einzelnen Wahllokalen älteren Mitbürgern im Voraus zugunsten von Arauz ausgefüllte Stimmzettel ausgehändigt werden. 

Was kümmern mich die Chats meiner Nachbarn

Ecuador ist ein zutiefst gespaltenes Land, in dem der eine Teil der Gesellschaft nicht weiß, was der andere denkt, und dies auch gar nicht wissen will. Die Unternehmer, Anwälte und Ärzte in den grünen und großen Siedlungen am Rande von Guayaquil und Quito diskutieren bei einem Glas Wein auf der überdachten Terrasse, wohin man am besten emigrieren sollte, und wie man an einen europäischen Pass gelangt, sollte Arauz gewinnen. Die zahlreichen Kleinunternehmer und Ladenbesitzer der unteren Mittelschicht haben ganz andere Sorgen: „Ich verkaufe am Tag Waren im Wert von 40 bis 50 $. Das Gesetz verlangt, dass ich darauf sofort 2% Steuer zahle, nicht auf den Gewinn, sondern auf alle Einnahmen! Die sind verrückt, ich muss Strom, Wasser, Miete bezahlen – was soll ich essen?“, flucht ein Mann, der vor einem anderen Wahllokal auf seine dort wählende Mutter wartet. Und erklärt dem im Sand spielenden Sohn einer Mitwartenden: „Wir sind hier, um einen guten Präsidenten zu wählen. Einen der an das Volk denkt!“. 

7. Februar 2021

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