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Zwischen Pleite und Politik – ecuadorianische Musiker in der Pandemie

„Es ist so gut, wieder richtig Musik zu hören“, kommentiert der Pianist Andrés Torres das Konzert des amerikanischen Bratschisten Brett Deubner in der „Casa de la Música“ von Quito. Es ist ein Donnerstag Abend. 54 meist junge Musikliebhaber verteilen sich in dem 600 Zuhörer fassenden Raum, zwei Drittel der Sitze sind nach Flughafenmanier mit überdimensionalen Aufklebern „Hier bitte nicht Platz nehmen“ gekennzeichnet. Nach geltenden Corona-Regeln dürfen nur 30 Prozent der Plätze belegt werden. 54 mal acht Dollar Eintritt, das ergibt 432 Dollar Abendeinnahmen. „Wir müssen schließlich irgendwie wieder anfangen“, sagt Maria Laura Terán, die Geschäftsführerin des von einer privaten Stiftung unterhaltenen Hauses.

Im März 2020 wurde in Ecuador der Ausnahmezustand verhängt; das Direktorium der Casa de la Música, des wichtigsten Konzertsaals Quitos, entliess darauf zwei Drittel der Mitarbeiter. Nach gut acht Monaten des faktischen Stillstands unternahm man im Dezember einen ersten Versuch, Künstler und Publikum wieder von Angesicht zu Angesicht zusammenzubringen: Das Weihnachtskonzert der „Orquesta Sinfónica Nacional“ am 18. Dezember war ausverkauft. Aber schon am 21. Dezember schickte das nationale Notstandskomitee COE alle Staatsbediensteten wieder zurück in’s Home Office. Auch die Musiker des hauptstädtischen Sinfonieorchesters. Zurück in das seit März bekannte Elend: Üben zu Hause nach Dienstplan, unter genauer schriftlicher Dokumentierung der jeweils gesetzten Arbeitsziele, der dafür investierten Zeit, des konkreten Fortschritts. Aufnahme des Geübten zum Beweis, Einschicken an die Orchesterleitung. Und das bei reduzierter Stundenzahl und geringerem Gehalt, das oft mit Verspätung eintrifft.

Orchester und Musikschulen leiden gleichermaßen

An den Musikschulen des Landes sind die Verdienstmöglichkeiten zurzeit nicht besser: unterrichtet wird online – zu ermäßigtem Tarif bei anstrengenderer Arbeit, versteht sich. Aber immer mehr Eltern können sich auch den billigeren Online-Unterricht nicht leisten: das Verschwinden des Tourismus’, die zeitweise Schließung der Restaurants, und der Zwang zur Kurzarbeit bei den staatlichen Angestellten haben bei der Mittelklasse zu einem massiven Einkommenseinbruch geführt. Für Musik ist da kein Platz mehr, und auch die Musikbegeisterung vieler Kinder ist nach fast einem Jahr Onlineunterricht deutlich geschwunden. „Vor der Pandemie hatte ich an der Musikschule vierzehn Schüler, jetzt sind es gerade noch sechs“, erzählt eine Lehrerin. „Wenn ich nicht zwei feste Stellen hätte, wüsste ich überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte“, hört man von einem anderen Kollegen. 

Vier staatlich finanzierte Orchester gibt es in Ecuador: in der Hauptstadt Quito, dem pittoresken Cuenca, der Hafenstadt Guayaquil und in dem kleinen Loja. Alle mussten während der ersten Monate der Pandemie ihre Arbeit vor Ort einstellen. In Cuenca schuf Chefdirigent Michael Meissner, aus Deutschland über Mexico nach Ecuador gekommen, umgehend seinen eigenen digitalen Konzertsaal auf YouTube: Ein Konzert pro Woche stellte er ins Netz – Aufnahmen, die er oder die Musiker noch zu Hause hatten, denn die Proberäume und Büros durften ja nicht betreten werden. Auch das Orchester von Loja ist einmal wöchentlich im Internet präsent. Inzwischen wird dort und in Cuenca wieder live gespielt – allerdings ist der Eintritt zu den Konzerten wie früher kostenlos, und die Überweisungen seitens der Regierung in Quito dürften in diesem zweiten Corona-Jahr eher spärlich ausfallen.

Der Staat lebt von der Hand in den Mund

Denn der ecuadorianische Staat hat kein Geld mehr. Die staatliche Universidad Central in Quito entließ im vergangenen Oktober vorübergehend 700 Dozenten, darunter auch die Angehörigen der gerade im Aufbau befindlichen Musikfakultät. Überweist der Internationale Währungsfonds Ecuador eine Kredittranche, begleicht die Regierung ein paar Rechnungen, zahlt einige Gehälter, und dann ist die Kasse wieder leer. Dementsprechend hat man beispielsweise in Guayaquil bisher nicht einmal zwei Prozent des sonst üblichen Jahresbudgets für das dortige Orchester erhalten – das ist schon zum Sterben zu wenig, geschweige denn zum Leben.

Zu allem Überfluss verkündete unlängst auch der langjährige Chefdirigent der „Sinfónica Nacional“, der in Moskau ausgebildete Álvaro Manzano, in einem Interview mit dem Online Magazin „Mundo Diners“ seinen Rückzug vom Dirigentenpult. Zur großen Überraschung seiner Musiker, die von der Entscheidung über Facebook erfuhren. Der Übergang zu einer neuen Leitung dürfte sich hinziehen, denn bei allem Geldmangel ist die Besetzung des Leitungspostens in Quito auch eine politische Frage. Der für die Ausschreibung verantwortliche Kulturminister und Musiker Julio Bueno, seit dem 21. Januar im Amt, ist nicht nur wegen seiner engen persönlichen Beziehungen zum Staatspräsidenten hoch umstritten  Und auch seine Tage sind gezählt, denn am 7. Februar sind Wahlen in Ecuador. Es wird mit einem Sieg von Andrés Arauz, einem Parteigänger des früheren Präsidenten Correa gerechnet. Desselben Correa, der den staatlichen Orchestern verbot, für ihre Konzerte Eintritt zu nehmen. 

Ja, es ist gut, wieder Musik zu hören. Es fragt sich nur, wie lange es hier noch Musiker und Institutionen geben wird, die sich diese Musik leisten können. 

6. Februar 2021

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