Kategorien
Musik

Wagnertuben in Cuenca: Wie Bruckner in die Höhe kam

Cuenca, mit rund 400.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Ecuadors. Gelegen auf fast 2.600 Metern Höhe, selbstgewählter Altersruhesitz von 7.000 US-Bürgern, bekannt für seine Panamahüte und die Lederproduktion. Die Alte Kathedrale im von teilweise kolonialen Gebäuden geprägten Stadtzentrum ist gut gefüllt an diesem Sonntagmorgen. Es gibt etwas Neues zu hören, eine Premiere sozusagen. Vier Hornisten aus Deutschland spielen das “Andante“ aus einem Orgelbüchlein von Anton Bruckner, bearbeitet für vier Wagner-Tuben. Richard Wagner wünschte sich in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts für seinen „Ring des Nibelungen“ eine besondere Klangfarbe in den Blechbläsern, der Wagner-Verehrer Bruckner war davon begeistert. Die wie eiförmige Hörner anmutenden Instrumente sind bockig, wollen keine lange Linie oder wirklich saubere Intonation zulassen.

Der Dirigent Michael Meissner – von Regensburg über Mexico nach Cuenca

Wagner-Tuben in den Anden – das wirkt so unwahrscheinlich wie das Klavier auf einem Schwarzweiß-Foto im nahegelegenen Museum Pumapungo. Ich habe auf dem Bild nachgezählt: 20 Männer tragen das Instrument, vermutlich haben sie es von der Hafenstadt Guayaquil über die Berge nach Cuenca transportiert, irgendwann um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert; ein ebenso mit Menschenkraft befördertes Klavier aus Europa ist heute im früheren Wohnhaus des Cuencaner Dichters und Saloniers Remigio Crespo zu besichtigen.

In der Kathedrale beginnt nach dem Aufwärmen der Tuben das eigentliche Konzert. Michael Meissner, in München ausgebildeter Geiger und Dirigent, 1990 nach Mexico ausgewandert, seit drei Jahren Leiter des Sinfonieorchesters von Cuenca, dirigiert Bruckners Siebte Sinfonie. Auch dies ein Novum, ungehört in Ecuador. Das 1972 gegründete Ensemble mit fünfzig festangestellten Musikern spielte über Jahre vor allem populäre einheimische Musik, bis der Verwaltungsrat die Reißleine zog und gegen Widerstand einen Ausländer (Meissner hat immerhin die mexikanische Staatsbürgerschaft) zum Leiter des Orchesters berief. Und jetzt Bruckner, so richtig. Die Celli sind lange getriezt worden und spielen den Beginn des ersten Satzes wie aus einem Guss. Meissner dirigiert auswendig, greift manchmal entschieden ein, man sieht, wer von den Musikern mit ihm atmet. Aber das Stück fließt, und der entrückte Blick des Schlagzeugers beim Einsatz der Becken (angeblich hat Bruckner die Stelle auf Drängen von Arthur Nikisch neu und pompöser instrumentiert) im Andante beeindruckt nicht nur mich.

Alles begann auf den Süddeutschen Horntagen

Die Wagner-Tuben wären nicht in die Höhe gekommen ohne die Süddeutschen Horntage, die seit Langem ambitionierte Laienmusiker aus ganz Deutschland zusammenbringen. Bernd Sensenschmidt, Lehrer im Ruhestand und selbst passionierter Hornspieler, dessen Tochter seit 2008 in Ecuador lebt und hier ein Reisebüro leitet, war bereits vor zwei Jahren mit einer aus den Horntagen hervorgegangenen Blechbläser-Gruppe durch das Land gereist. Während eines Auftritts in Cuenca hatte er Michael Meissner kennengelernt. Der wiederum ist ein Mann der Projekte. In den vergangenen drei Jahren hat er die neun Sinfonien des ecuadorianischen Nationalkomponisten Luis Humberto Salgado (1903 – 1977), die bislang nur als Manuskripte existierten, für den Druck vorbereitet und auf CD aufgenommen; jetzt im Beethoven-Jahr führt er sie parallel zu den neun Sinfonien Beethovens mit seinem Orchester auf. Die Werke Bruckners sind eine andere von ihm gepflegte Großbaustelle.

Sensenschmidt, nach seiner Pensionierung mit Zeit und viel Unternehmungsgeist ausgestattet, fing sofort Feuer und sagte zu, die vier für die Siebte benötigten Wagner-Tuben zu organisieren, samt den dafür notwendigen Musikern. Binnen kurzem hatte er eine Truppe unternehmungslustiger Gleichgesinnter zusammen, dazu als Coach einen früheren Solohornisten des WDR-Funkhausorchesters Köln. Ebenso einen Posaunisten und einen Kontrabassisten, die sich auf eine selbstfinanzierte dreiwöchige Reise durch Ecuador inklusive einer Probenwoche mit unbekanntem Ausgang einließen, unter Mitnahme von Partnern und Freunden.

Für das Jahr 2021 ist Bruckners Neunte geplant

Jetzt, nach zwei gut besuchten Konzerten, große Zufriedenheit – das Land, die Leute, die Atmosphäre, das Gefühl, etwas beigetragen zu haben. Schon wird von einigen der Musiker für April 2021 dieTeilnahme an Bruckners Neunter geplant, ebenso wie die Aufführung des Hornkonzerts von Luis Humberto Salgado. Für den Dirigenten Meissner und seinen Assistenten geht es unmittelbarer weiter: nach dem Konzert ist vor dem Konzert. In sechs Tagen stehen Beethovens zweite Sinfonie, das zweite Klavierkonzert und die zweite Sinfonie von Salgado auf dem Programm. Werbung vor Ort über WhatsApp und Facebook, auch die US-amerikanischen Rentner müssen erreicht werden. Am Sitz des Orchesters in der früheren Jesuitenschule Colegio Borja – bröckelnder Putz, zerbrochene Fenster – hängt ein Plakat, Februar bis Juli 2020. Das erste Februarkonzert fehlt, die Konzerte ab März sind noch nicht drauf. Die Verwaltungsangestellte kam mit dem Haus, Öffentlichkeitsarbeit ist nicht ihr Ausbildungsfach. Meissner zuckt mit den Schultern, man kann nicht alles selbst machen.

Jedes Jahr spielt er mit seinem Orchester und dessen Untergruppierungen im Durchschnitt drei Konzerte pro Woche. Das Publikum bezahlt keinen Eintritt, eine Vorgabe des früheren Staatspräsidenten Correa, die das Leben des Dirigenten nicht leichter macht. Vier professionelle Sinfonieorchester gibt es in Ecuador, und keines kann überleben ohne Geld aus der Hauptstadt. Meissner ist dennoch zufrieden. In Deutschland war er Konzertmeister des Regensburger Philharmonischen Orchesters mit sicherer Stelle. In Mexico arbeitete er erst als Konzertmeister des Philharmonischen Orchesters von Mexico City, dann als freier Musiker mit eigenem Streichquartett, leitete ein Kammerorchester, gründete mehrere Festivals. Hier in Cuenca ist er mittlerweile eine feste Größe, kann Ideen nachgehen, Neues versuchen – und wenn die mit deutschen Mitteln finanzierten chinesischen Wagnertuben schon vor dem ersten Konzert reparaturbedürftig werden, hilft die in dreißig Jahren erworbene Latino-Haltung: Irgendwie wird es schon gehen. Zum Stimmen kann er seine Musiker notfalls auch auf die Straße schicken – die Ampeln von Cuenca singen „Kuckuck“ in A. Es gibt auch verstimmte Exemplare, aber sich darum zu scheren wäre doch irgendwie unnötig.  

27.01.2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.