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Leben und Gesellschaft

Nach sieben Wochen Quarantäne: Das erste Mal

Sieben Wochen lang habe ich ihn aufgeschoben, den Besuch im Supermarkt. So lange schon herrscht in Ecuador Ausgangssperre jeweils ab 14.00 Uhr. Außer Einkaufen und Arztbesuchen ist in der Zeit davor nichts erlaubt; einen Vormittag in der Woche darf mein Auto auf die Straße, mein Kennzeichen endet auf 0, das heißt: Freitag. Bisher reichte immer der ausgiebige Besuch im Gemüseladen um die Ecke, der notfalls auch Katzenfutter für unsere neuen Gartenbewohner hat, und ganz bestimmt Klopapier, das hier ein Luxusgut ist, also nie knapp wird. Und wo es morgens um viertel vor sieben sicher noch keine Schlangen gibt.

Heute standen auf der Liste Backschokolade, Currypulver und Salami – keine Chance im Lädchen. Strategische Überlegungen, dann die Entscheidung, kurz vor Toresschluss gegen zwölf Uhr in den Supermarkt im Nachbarort zu fahren (Berechnung: Die Angestellten müssen um 14.00 selbst zu Hause sein, also macht der Laden spätestens um 13.00 zu). Also Maske an, Handschuhe in die Tasche, und raus mit dem Auto, auf die menschenleere Straße. Das Schlagloch um die Ecke ist mit der Regenzeit noch größer geworden, der zur Warnung davorstehende Plastikkegel halb geschmolzen und in sich zusammengesunken. Nachdem ich einmal aus der Siedlung heraus bin, sehe ich viele Wagen, die eigentlich heute nicht dürfen, das System erodiert zusehends.

Einfach so in den Supermarkt – von wegen

Am Einkaufszentrum keine wartenden Autofahrer – die erste Hürde ist genommen. Der eigentliche Spaß beginnt einen Stock höher, vor der Tür zum Lebensmittelparadies: Anstellen auf den aufgemalten Farbpunkten. Ein Mitarbeiter fragt mich nach meinem Namen, notiert ihn. Nur den Vornamen, kein Telefon. Merkwürdig. Einen Schritt weiter: Fiebermessen. Mit den Schuhen durch die Alkoholwanne. Erinnerungen an den Flughafen: „Bitte einmal die Arme hoch“, aber anstatt des Metalldetektors eine Sprühpistole, ich frage lieber nicht, mit was ich hier gerade durchfeuchtet werde. Jetzt noch einmal Desinfektionsgel auf die Hände, und ich bin drin. Bekomme einen Wagen zugeteilt und laufe an der etwas abgegrasten Fleischtheke entlang. 

Sprechen beim Einkaufen nicht erwünscht

Wie immer, wenn ich dieser Tage einkaufe, treffe ich einen Bekannten – schließlich müssen wir alle innerhalb eines kleinen Zeitfensters das besorgen, was für die nächsten acht Tage benötigt wird. Aber die Freude darüber, aus zwei Meter Abstand mit einem Menschen aus Fleisch und Blut sprechen zu können, währt kurz.  „Keine Unterhaltungen bitte“, herrscht uns ein Mitarbeiter an – zu gefährlich. „Señorita, sie laufen in die falsche Richtung. Sehen Sie die Pfeile nicht?“. Hatte ich nicht gesehen, wieder Regelverstoß. Einkaufen kann ziemlich spaßfrei sein.  Auch an der Kasse: „Ihre Ausweisnummer bitte.“ Habe ich als Ausländerin nicht, aber die Kundenkarte rettet mich. Und dann doch ein fast komischer Moment, als sich vier Angestellte auf engstem Raum bemühen, meine Einkäufe in die mitgebrachten Stofftaschen zu füllen. Die Hoffnung auf ein Trinkgeld macht alles Bemühen um Distanzwahrung plötzlich zunichte. 

Die Heimfahrt ist fast Routine. Anstelle der früher überall wartenden Obst- und Gemüseverkäufer am Straßenrand stehen dort jetzt junge Männer, die anbieten, mein Auto zu desinfizieren. Den Zuschlag erhält erst der Wächter an der Einfahrt zur Siedlung – der wusste zwar auch früher schon nicht, mit was er da meine Reifen so sorgfältig abspritzt, aber Pflicht ist Pflicht. Seit meinem Aufbruch ist gerade einmal eine Stunde vergangen. Nächster Ausgang am nächsten Freitag.

08. Mai 2020

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