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Leben und Gesellschaft

Kirche, Kinder, Küche – live

Zachäus der Zöllner heißt eigentlich Philip, ist neun Jahre alt und noch klein. Mangels Maulbeerbaum steht er auf einer Leiter, um den großen Jesus besser zu sehen. Das Volk schreit „Jesus kommt“ und „Halleluja“, die Kinder des Zöllners zupfen ihrer Mutter an der imaginären Schürze, und die Gemeinde schmunzelt. Endlich wieder Gottesdienst in der Gemeinschaft, mit Großeltern, kleinen Geschwistern, und ja: sogar mit den Hunden. Auf einer Finca in der „Mitte der Welt“, in „Mitad del Mundo“ nördlich der ecuadorianischen Hauptstadt Quito.

Seit im März 2020 alle Kirchen des Landes schlossen, hat sich die deutsche evangelische Gemeinde in Ecuador fast nur noch online getroffen. Im überschaubaren Kreis derer, die auch nach anderthalb Jahren noch die Geduld für den kühlen, flachen Bildschirm hatten. Zwar boten die Zoom- Gottesdienste neue Möglichkeiten: Auf einmal konnten Gemeindemitglieder aus der Hafenstadt Guayaquil und aus Quito gemeinsam eine Predigt hören und Fürbitten halten. Aber das Gemeindeleben fiel der virtuellen Barriere weitgehend zum Opfer; Kinder und Jugendliche kamen auf dem Bildschirm gerade noch einmal zu Heiligabend vor. 

Einen Monat nach der Ankunft des Pfarrers kam der Lockdown

Und nun steht Pfarrer Walter Baßler vor dem improvisierten, von einem Wellblechdach geschützten Altar und teilt das Abendmahl aus, an Erwachsene und Kinder. Die Hunde schauen zu. Wenn man so will, ist Baßler ein Corona-Opfer. Am 01. Februar 2020 landete er mit seiner Frau Susanne in Quito, um dort für einige Monate als von der EKD geschickter „Ruhestandspfarrer“ in der deutschen Gemeinde auszuhelfen. Die 1957 gegründete „Evangelisch- lutherische Kirche deutscher Sprache“ (IELE) hatte da schon lange keinen regulären entsandten Geistlichen mehr; die vierzehntäglich stattfindenden Gottesdienste wurden mit viel Engagement von zu Prädikanten fortgebildeten Gemeindemitgliedern gehalten. 

Dabei verfügt die deutsche Gemeinde über ein eigenes Grundstück, mit der 1958 erbauten Kirche, Pfarrhaus, den ein paar Jahre später errichteten Gemeinderäumen und einem großem Garten. Das großzügige Gelände steht auch der ecuadorianischen lutherischen Gemeinde und den amerikanischen Anglikanern für ihre Gottesdienste zur Verfügung. Das Ehepaar Baßler sollte Haus und Garten gut kennenlernen, denn einen Monat nach ihrer Ankunft kam Corona, und damit der strenge Lockdown. Nur noch zum Einkaufen von Lebensmitteln durfte das Haus verlassen werden. Flüge nach Europa gab es über Monate nicht mehr. 

Walter Baßler in Aktion © Christoph Hirtz

Gemeindeaufbau über Zoom und Handy

Aber das Pfarrerehepaar ließ sich nicht entmutigen. Beschloss, erst einmal in Quito zu bleiben. Knüpfte über Handy und Computer Kontakte. Hackte tagelang Holz, nachdem ein großer Baum im Pfarrgarten umgestürzt war. Organisierte, sobald das wieder möglich war, die technische Ausstattung für die Zoom-Gottesdienste. Und begann, unterstützt von der EKD, mit dem seit langem erhofften Wiederaufbau der Kirche „an Leib und Seele“. Nicht nur wurden umfangreiche Renovierungsarbeiten an Pfarrhaus und -garten durchgeführt, auch in Kirchenvorstand und Gemeindeleitung gab es mit der Zeit zahlreiche neue Gesichter. 

„Wir wollen jetzt einmal im Monate einen Gottesdienst im Freien für die ganze Familie anbieten“, kündigt Jens Kläne, der neue Verwaltungschef der Gemeinde an. „Es gibt noch einige bürokratische Hemmnisse, die uns daran hindern, den eigentlichen Kirchenraum wieder zu nutzen“, erklärt Anke Naumann, die Vorsitzende des Kirchenvorstandes. „Aber wir finden schon eine Lösung; wir haben ja den Pfarrgarten, in dem wir Gottesdienst feiern können, und auch über Weihnachten haben wir uns bereits Gedanken gemacht.“ 

Gottesdienst im Freien: In Quito zum Glück immer eine Option

Dabei erwähnt sie nicht, dass natürlich auch das Geld immer knapp ist in einer Gemeinde, die von den Spenden ihrer Mitglieder leben muss, und von den Kollekten, die anderthalb Jahre lang faktisch ausblieben. Freiluftgottesdienst – in Quito und Umgebung fast an jedem Sonntagvormittag eine Option, denn der tägliche heftige Regenguss ereilt die Stadt meist erst am Nachmittag. Und so toben die Scharen blonder Kinder, die eben noch nach Regieanweisung in der Predigt Jesus zugejubelt haben, jetzt wild durch den Garten. Die Bratwürste brutzeln auf dem Grill, und irgendwo hat einer der Jünger zur Gitarre gegriffen. Die Tischgesellschaft singt entspannt mit. Wir wissen jetzt, was uns gefehlt hat im letzten Jahr. 

27. Oktober 2021

4 Antworten auf „Kirche, Kinder, Küche – live“

Herzlichsten Dank Frau Schauer. Ein wirklich treffender und erbauender Bericht. Er würdigt nicht nur die Person des Pfarrers Walter Bassler und seiner Gattin Susanne sondern auch die herausragende Arbeit des neuen Kirchenvorstandes. Weiter so.

Auch ich bin tief beeindruckt vom Engagement des Pfarrerehepaares, des Einsatzes der Kirchenältesten und des Kirchenvorstandes, der Begeisterungsfähigkeit der Gemeindemitglieder und der Kinder!
Danke für diesen lebendigen und eindrucksvollen Bericht!
Mit den besten Wünschen für weiterhin viel Kraft, Freude, Phantasie und Einsatzbereitschaft Aller und den Segen dessen aus dem wir leben!
Heidi Wickersheim

Wir waren virtuell dabei und fanden den Gottesdienst sehr schön. Für uns, als ehemaliges Pastorenehepaar, von 1970 bis1976 waren wir in Quito, war es ein ganz besonderes Erlebnis. Vielen Dank. Dietind-ines Levin-Rama und Friedrich-Wilhelm Levin.

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