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Leben und Gesellschaft

Mein Haus oder mein Grab

Der Chat unserer gutbürgerlichen Wohnsiedlung am Rande von Quito ist ein von den Nachbarinnen kontinuierlich genutztes Forum, um nach vermissten Haustieren zu fahnden, vor neuen Schlaglöchern zu warnen, die Predigt des Lieblingspfarrers zu teilen oder die vom Neffen vermarkteten Erdbeeren anzubieten. Seit zwei Wochen hat sich der Tonfall dort geändert. Wie legt man seine zwei Schutzmasken beim Verlassen des Hauses korrekt übereinander an? Wieviel Ivermectin sollte ich wann einnehmen? Zusätzlich zum hier weiter beliebten Chlordioxid? Gekrönt von der geradezu schon klassischen illustrierten Aufforderung:  „Du hast die Wahl: „encerrado“ (eingeschlossen) oder „enterrado“ (begraben), in immer neuen Varianten. 

Seit dem 23. April ist die Wahl eigentlich keine mehr: Absolute Ausgangssperre jeweils von Freitag 20.00 Uhr bis zum Montag 5.00 Uhr hat das Nationale Notstandskomitee COE angeordnet. Angesichts langer Wartelisten in den staatlichen Krankenhäusern und einer Übersterblichkeit, die sich allmählich der 100% – Marke im Vergleich zu den Vorjahren nähert. Während immer noch keine Tests zu erschwinglichen Preisen vorhanden sind, und der im Ausland bestellte Impfstoff weiterhin nur tröpfelt. Noch nicht zwei Millionen Impfdosen sind bisher ins Land gekommen, nur 1,2% der Bevölkerung sind vollständig geimpft.

Alternativlos?

An diesem ersten Wochenende zwischen Gemüsegarten, Gesellschaftsspielen und gemeinschaftlichem Fernsehen kommen Erinnerungen an die drei Monate des vergangenen Jahres auf, in denen das Verlassen des Hauses nur einmal in der Woche erlaubt war. Nicht einmal das Ausführen des Hundes ist ein genehmigter Grund, auf die Straße zu gehen. Kein Auto zu hören. Keine Musik aus den Gärten. Nur die Tischtennis spielenden Nachbarn in der Garage. Ob das wirklich nur die Kernfamilie ist…?

Familientreffen als Hauptinfektionsherde

Denn die übliche COVID-Erzählung in Ecuador geht so: „Meine Tante ist letzte Woche am Virus gestorben. Aber meine Mutter hatte es auch, und meine Geschwister, und dann natürlich der Kleine; der Schwiegervater hat es glücklicherweise gut überstanden“. Wie hieß es doch damals in dem Eltern-Chat der Klasse eines meiner Kinder, als die Schulen bereits monatelang geschlossen waren: „In diesem Jahr haben wir gelernt, was wirklich zählt: Familie und Gesundheit“. Nur, dass das eine in Ecuador nicht gemeinsam mit dem anderen zu haben ist. Der neue wochenendliche Lockdown wurde  vor allem verhängt, um die großen Familientreffen und Parties zu verhindern.

Die Seuche hat nun auch die Wohlhabenden mit Macht erreicht. Familien, die mit vier Generationen gemeinsam auf einem riesigen Grundstück leben, sich aber beim sonntäglichen Mittagessen so selbstverständlich nahekommen, wie man es unter Verwandten eben tut. Familien, die die Urgroßmutter mit Symptomen erst nach sieben Tagen in ein Krankenhaus bringen, und sie anschließend wieder in ihre Wohnung holen, um ihr einen würdigen Tod zu bereiten. Familien, die ihre Teenager-Kinder mit Cousins und Freunden abends entspannt feiern lassen, um ihnen die Sozialkontakte zu ermöglichen, die sie für wichtiger und sicherer als Schulunterricht in einem kotrollierten Ambiente halten.  Familien, die aber notfalls auch noch einen Platz im privaten Krankenhaus ergattern oder zum Impfen in die USA fliegen können.

Noch schnell das Notwendigste für die drei Tage zu Hause besorgen

Freitag Abend 18.00: Das Zentrum des Städtchens Cumbayá ist voll von Einkäufern. Noch schnell Öl, Zucker und Kochbananen besorgen, Hundefutter, Getränke. An den Bushaltestellen Trauben von Menschen, Plastiktüten in der Hand. Die Busse nach wie vor gerne mit geschlossenen Fenstern. Vor mir ein offener Lastwagen mit weißen Sauerstoffflaschen, großen und kleinen. Die Listen, wo notfalls Nachschub erhältlich ist, zirkulieren bereits im Netz, Indien lässt grüßen. Die Zahl der bettelnden venezolanischen Flüchtlingsfamilien an der Kreuzung scheint größer als je zuvor – wovon werden sie in den kommenden Tagen leben?

Auch nach einem Jahr Pandemie ist es fast unmöglich, auf offiziellem Wege an verwertbare Daten zu Infizierten und Verstorbenen zu gelangen. Aber es ist zu vermuten, dass die Mehrheit der Corona-Kranken Ecuadors nach wie vor zu Hause stirbt, ohne je einen Test gemacht oder einen Arzt gesehen zu haben. Keine Überraschung, da vor den Toren der großen staatlichen Krankenhäuser dieser Tage oft mehr als 100 Patienten warten. Offiziell wird die Zahl der getesteten und vermuteten Corona-Toten seit Beginn der Pandemie mit etwa 18.000 angegeben; aber allein für das Jahr 2020 verzeichnete das statistische Amt mehr als 40.000 zusätzliche Todesfälle im Vergleich zu 2019. Sterben tun in Ecuador vor allem diejenigen, die keinen Arbeitsvertrag, keine Gesundheitsversorgung, wenig zu essen und keine Lobby haben. Aber eben nicht nur sie.

Nicht einzudämmen: Heimliche Tauffeiern und Geburtstagsfeste

Die Bilanz des ersten Wochenendes zu Hause in den trockenen Zahlen des Notstandskomitees: fast 1500 heimliche Feste aufgelöst, 117 Personen festgenommen, 7% weniger Menschenansammlungen. Und in der jetzt beginnenden Woche, die den auf Freitag vorgezogenen Maifeiertag einschließt, sollten alle Bürger bereits ab Donnerstag Abend in den Häusern bleiben. Aber halt, schon macht die Regierung eine Rolle rückwärts und verkündet für den Feiertag freie Fahrt für freie Bürger. Nur bis acht Uhr Abends, dann schließen sich bis zum Montag wieder die Haustüren, so lange niemand hinschaut. 

Die Leser der vor allem im weißen, bürgerlichen Milieu beliebten Tageszeitung „El Comercio“, zeigen sich in einer Online-Umfrage dementsprechend skeptisch, was die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen angeht.  „Nur im gemeinsamen Gebet werden wir geheilt“, sagt der Nachbarinnenchat. Und durch Händewaschen dreimal am Tag, ja, natürlich.

26. April 2021

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