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Musik

Ecuadors neun Sinfonien

Dass Ludwig van Beethoven neun Sinfonien geschrieben hat, ist hinlänglich bekannt. Auch an Bruckner, Schubert oder Mahler mag so mancher sich erinnern. Aber Luis Humberto Salgado? Ein weitgehender musikalischer Autodidakt aus dem ecuadorianischen Cayambe, der in seinem Leben nicht aus seinem Heimatland hinauskam, zwar zweimal Direktor des nationalen Konservatoriums  war, aber von seiner Kunst kaum leben konnte? Der neben seinen Sinfonien acht Solokonzerte, vier Opern, Ballette, Kammermusik sowie zahlreiche Klavierwerke und Lieder schrieb – aber die meisten dieser Kompositionen niemals in einem Konzert hörte?

Der deutsch-mexikanische Dirigent Michael Meissner hat sich seit vier Jahren intensiv mit dem Schaffen Luis Humberto Salgados (1903-1977) beschäftigt und dessen neun Sinfonien nun in einer Aufnahme mit dem Sinfonieorchester von Cuenca bei dem niederländischen Label Brilliant Classics herausgebracht. Eine Mammutleistung, denn als Meissner 2017 sein Amt als Chefdirigent des staatlichen Orchesters in Cuenca antrat, schlummerten die handschriftlichen Partituren der Sinfonien vergessen im Nationalarchiv Ecuadors. 

Über mehrere Jahrzehnte lagen die neun Sinfonien im Archiv

Es galt also zuerst einmal, diese Dokumente abzufotografieren, zu digitalisieren, teilweise auch zu rekonstruieren: Von der ersten, der 1949 abgeschlossenen „Andensinfonie“, fehlte das Finale des letzten Satzes; die Fünfte „Neoromantische“ existierte nur noch als Klavierfassung fast ohne Angaben zur späteren Instrumentierung, so dass die verschollene Orchesterpartitur von Meissner neu erstellt werden musste. Im September 2019 wurden alle neun Sinfonien im Teatro Pumapungo in Cuenca aufgenommen. Erst in diesem Sommer konnte schließlich das Set mit drei CDs herausgebracht werden. Zum ersten Mal sind damit diese in Ecuador einzigartigen Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Folkloristische Themen gehen eine Verbindung mit klassischer Form ein

Wer die ländlichen Feste und feiertäglichen Prozessionen des ecuadorianischen Hochlands kennt, fühlt sich mit der ersten Sinfonie dorthin versetzt: Da läuten die Kirchenglocken, marschiert die Banda, zwitschern die Vögel, tanzt das Volk. Es ist tatsächlich eine „Sinfonía Andina“, die einheimische Tanzrhythmen und Melodien als Inspirationsquelle nutzt: den raschen San Juanito, den elegischen Yaraví, den hüpfenden Aire Típico. Der Komponist legte jedoch in seiner Einführung zur Sinfonie Wert darauf, dass alle seine Themen „Originalthemen des Autors“ seien, von ihm selbst erdacht, nicht populären Volksliedern entnommen.

Nicht umsonst hatte sich Salgado, der durch seinen selbst komponierenden Vater mit Musik aufgewachsen war,  viele Jahre lang mit den Sinfonien der großen europäischen Komponisten seit Beethoven beschäftigt. Die meisten dieser Werke dürfte er nie in einer Aufnahme und schon gar nicht in einem Konzert gehört haben, aber er hatte sie gelesen: Sein Bruder Gustavo, der viel reiste und selbst ausgebildeter Pianist war, brachte ihm wohl regelmäßig aktuelle Partituren aus Europa mit. Und so wusste Luis Humberto Salgado genau, was die Form Sinfonie im klassischen Sinne ausmachte. Er verband diese traditionellen Formelemente geschickt und oft innovativ mit andinen Themen, Rhythmen und Harmoniefolgen. Im Zusammenhang mit seiner ersten Sinfonie schrieb er: „Es wäre kindisch, zu meinen, dass eine reine Orchestrierung volkstümlicher Themen…eine Sinfonie ergäbe; (…) das wäre dann lediglich eine Sammlung folkloristischer Melodien.“

Kompositionen in der Nachfolge Schönbergs

Ganz anders ist dagegen der Höreindruck der Siebten Sinfonie, deren Manuskript Salgado 1970 „Aus Anlass des 200. Geburtstags Beethovens“ dem Beethoven-Haus in Bonn schickte. Das Werk hat über weite Strecken keine klare Tonart und beginnt mit eher abstrakten Motivfetzen, die im Verlauf der Sinfonie immer wieder aufgegriffen werden und dadurch die kompositorische Einheit des Werkes begründen. Seit den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte sich Salgado mit der Zwölftontechnik Arnold Schönbergs auseinandergesetzt, sie in seinen Kompositionen selten in Reinform umgesetzt, aber Elemente daraus zunehmend virtuoser in seinen kammermusikalischen und symphonischen Werken verwandt, so wie in dieser Siebten.  Auch hier gibt es im letzten Satz Fanfaren, Glocken, Harfeneinwürfe, aber in einem deutlich komplexeren formellen und harmonischen Rahmen als in der „Andina“. 

Salgado schrieb seine neun Sinfonien über einen Zeitraum von rund fünfunddreißig Jahren. Fast alle tragen von ihm hinzugefügte Untertitel: „Im Rokoko-Stil“ die Dritte, “Zum Jahrestag der Schlacht von Pichincha“ die  Achte, die überraschenderweise kaum ecuadorianische Anklänge bringt. Ein typischer Salgado – Klang zieht sich durch alle Werke. Häufig meint man, sowohl die Einflüsse der dem Komponisten von Kind an bekannten lokalen Blaskapellen, der „Bandas“, als auch der Film- und Bühnenmusik der 20er und 30er Jahre zu hören – als Student verdiente der exzellente Pianist Salgado sein Geld zeitweise durch das Begleiten von Stummfilmen und wandernden Opernkompagnien.

Erstmals sind Werke Salgados nun im Handel auf CD erhältlich

Nach wie vor gibt es vom umfangreichen Werk Luis Humberto Salgados keine im Handel erhältlichen Noten; die zwei existierenden CDs sind nur auf Umwegen zu beschaffen. Die Aufnahme des Sinfonieorchesters von Cuenca ist deshalb die erste überhaupt, welche die Kompositionen Salgados für ein internationales Publikum hörbar macht. In Ecuador selbst wurde von der Produktion bedauerlicherweise bisher kaum Notiz genommen. Bleibt zu hoffen, dass man diese Box demnächst auch vor Ort erwerben kann. 

Luis Humberto Salgado, The 9 Symphonies, Orquesta Sinfónica de Cuenca, Dirigent Michael Meissner, Brilliant Classics 2021. Bestellbar im Internet über alle bekannten europäischen und amerikanischen Anbieter, 3 CDs rund 20 Euro. Ein Interview mit Michael Meissner zu Werk und Aufnahme finden Sie hier.

16. September 2021

 

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