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Hacienda ohne Gott – Guachalá bei Cayambe

Es ist die Zeit der Agapanthus-Blüte im Norden Ecuadors. Die kugeligen blauen Dolden säumen die Fassade der Hacienda Guachalá, leuchten durch die Büsche vor der ochsenblutrot gestrichenen  Kirche. Neptalí Bonifaz ließ sie 1938 erbauen, der erste Präsident der Zentralbank von Ecuador und gewählte Staatspräsident des Jahres 1931, der sein Amt nicht antreten konnte, weil das Parlament ihm aufgrund seiner peruanischen Herkunft nachträglich die Eignung absprach. Die Folge waren die blutigen Unruhen des sogenannten „Vier-Tage-Kriegs“, nach dessen Ende Bonifaz resignierte und sich nach Guachalá („entlegenes Land“ auf Kichwa) zurückzog.

Die wohl älteste Hacienda Ecuadors besitzt seit 1580 eine Kapelle, deren Mauern zum Teil wohl noch auf das ursprüngliche Bauwerk zurückgehen. Im Innern allerdings herrscht staubige Leere: Angeblich lud der frühere Besitzer Juan Manuel Lasso, aus alter Familie und zugleich von der Idee einer sozialistischen Revolution in Ecuador bewegt, in den Jahren nach 1922 regelmäßig zu ausschweifenden Festen in das Gotteshaus. Neptali Bonifaz, der Guachalá kurz darauf erwarb, konnte oder wollte die Kapelle nach dieser Profanisierung nicht mehr nutzen und ließ die neue zweitürmige  Kirche errichten. Auch diese wird allerdings seit 1966 nicht mehr gebraucht und dient als Ausstellungsraum für eine etwas in die Jahre gekommene Sammlung historischer Fotografien aus der Hauptstadt Quito.

Gastgeber mit schillerndem Lebenslauf: Diego Bonifaz

In dem gerade richtig großen gepflasterten Innenhof, in dessen Mitte das Kreuz durch eine indigene Kultfigur der Cayambe-Kultur ersetzt wurde, welken die Callia. Es ist ein etwas maroder Charme, der einem auf der Hacienda überall begegnet. 1993 hat die Familie Bonifaz hier ein Hotel und Restaurant eröffnet. Heute, am ersten Feiertagswochenende seit Beginn der Corona-Pandemie, an dem Autofahren ohne Einschränkungen erlaubt ist, füllen sich die Tische rund um den Hof schnell. „Entschuldigung, wir haben für vierzehn Personen reserviert, wo sollen wir sitzen?“, fragt ein unruhiger Familienvater die Kellnerin. Treffen mit der Familie unterliegen, so das allgemeine Empfinden, nicht den in Ecuador sonst rigiden Corona-Regeln. 

„Wir sind die einzigen, die hier in der Gegend Tische draußen anbieten, da kommen die Leute natürlich alle hierher – aber ich muss einige wegschicken, das sind zu viele!“. Diego Bonifaz, der den Hotelbetrieb leitet, lebt selbst in einem gepflegten Nebengebäude der Hacienda. Klein, braungebrannt, den Schalk im Nacken, wirkt er mit seinen Mokassins und dem beigefarbenen Hoodie wie das Spitting Image des linken Adeligen, als den ihn die hiesigen Medien gerne porträtieren. Der in den USA ausgebildete Sohn eines früheren ecuadorianischen Botschafters in Frankreich wollte eigentlich katholischer Priester werden, brach aber in seinen Teenagerjahren endgültig mit der Kirche. 

Hier wohnte schon Gabriel Garcia Moreno

Die Geschichte der Hacienda Guachalá ist reich an schillernden Gestalten, da fällt ein Diego Bonifaz, der von 2000 bis 2011 für die Indigenen-Partei Pachakutik Bürgermeister von Cayambe war, und der die Wände seiner Bibliothek weniger mit Büchern als mit persönlichen Auszeichnungen und Diplomen schmückt, nicht groß auf. Teilnehmer der französischen Geodäsie-Mission unter Charles-Marie de la Condamine, die unter anderem die Äquator-Linie markierte, sollen in der Hacienda 1736 ihr Quartier aufgeschlagen haben. Der 1875 ermordete Staatspräsident Gabriel Garcia Moreno verbrachte hier ebenso einige Jahre als Mieter wie der gleichfalls durch ein Attentat ums Leben gekommene deutschstämmige Oberst Adolf Klinger, der in Europa für Napoleon und anschließend in Lateinamerika für Simón Bolívar kämpfte. Groß und reich war die Hacienda in ihren besten Zeiten – „no te pido Guachalá“ („Ich verlange ja nicht Guachalá von dir!“, sprich: „ich möchte nichts Unmögliches“) wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Ecuador zum geflügelten Wort.

Wer heute in den Gästezimmern mit den hohen Decken übernachtet, freut sich nach einem Essen in der kalten Abendluft auf den mit reichlich Feuerholz ausgestatteten privaten Kamin. Im Schein des lodernden Feuers wirken auch die Drucke berühmter Gemälde des europäischen Barock, die mit Büroklammern in den preiswerten Bilderrahmen an den Wänden befestigt sind, ganz und gar richtig am Platz. Ausflüge zu Pferd (Diego Bonifaz ist ein bekennender Pferdenarr) gehören zum Programm dazu. Und am nächsten Tag lohnt der Weg in das nur einen Kilometer entfernte Quitsa To, wie die Mitte der Welt auf Kichwa heißt – hier ist es, anders als im überfüllten Freizeitpark von Mitad del Mundo, tatsächlich die Äquatorlinie, auf der man sich befindet und kundige Erklärungen von Mitarbeitern des Museumsprojektes erhält.

Hacienda Guachalá, Cayambe, Panamericana Norte km 45, www.guachala.com

Quitsa To, Panamerikana Norte, 7 km vor Cayambe, ca. 1 Stunde von Quito

15. Oktober 2020

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