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Ecuador Musik

Mit Mozart und drei Klavieren durch Ecuador

Erst im letzten Moment sehe ich, dass der betagte rote Chevrolet vor mir nicht mehr fährt, sondern mitten auf der Spur angehalten hat. Ich trete heftig auf das Bremspedal, aber es reicht nicht mehr. Der Vordermann öffnet die Tür seines Wagens, steigt aus, kommt genervten Blickes auf mich zu. In diesem Moment klingelt mein Handy: „Gerade hat mich der Dirigent des Sinfonieorchesters von Loja angerufen. Ich soll ihm ein Mozart-Konzert anbieten, egal welches. Bist Du dabei, wenn wir KV 242 für drei Klaviere machen?“ Der das fragt ist Andrés Torres, ecuadorianischer Pianist und immer daran interessiert, gute Musik in die entlegeneren Orte seines Landes zu bringen. „Du weißt, dass unser früherer Bundeskanzler das auch einmal gespielt hat? Gib mir zwei Stunden, ich stecke gerade in einem Unfall!“ Zwei Stunden später sage ich zu. Noch weiß ich nicht, dass hier gerade ein Road Movie beginnt, der uns mit zwei Flügeln im Gepäck von Quito in das beschauliche Loja, und über Cuenca und Riobamba wieder zurück in die Hauptstadt Ecuadors führen wird.

Ich bin Laienklavierspielerin. Aufgewachsen mit Musik als der Hauptbeschäftigung meiner Teenagerjahre. Das Musizieren hat mich während meines unsteten Berufslebens begleitet, in vielen Ländern, in denen von einer Klassik-Szene nicht die Rede sein konnte. Was dort nicht vorhanden war, dachte man sich aus, machte es selbst, schuf es neu. In Ecuador ist das nicht anders. Andrés Torres und ich haben gerade gemeinsam ein vierhändiges Programm gespielt. Wir wissen, dass musikalisch die Chemie stimmt. Nun sind wir zu Dritt: Mit im Bunde ist die siebzehnjährige Emilia Verdugo, Andrés’ augenblickliche Starschülerin.  Aber weder Emilia noch ich sind je mit Orchester aufgetreten. „Ich mache jetzt mal den Helmut Schmidt“, witzele ich am Telefon gegenüber Freunden in Deutschland, und frage mich, wie der damals Noch-Kanzler 1981 die Proben mit Justus Frantz und Christoph Eschenbach wohl in seinem mit Terminen gefüllten Alltag untergebracht hat. 

Es gibt noch eine größere Herausforderung: Mit Ausnahme der „Casa de la Música“ in Quito verfügt kein Konzertsaal Ecuadors über die drei Instrumente, die wir für das Konzert benötigen. Da trifft es sich gut, dass Emilias Vater, Daniel Verdugo, der einzige Klavierbauer des Landes ist. Ein von ihm im Jahr 1994 angefertigter Flügel, sein erster, wird mit uns auf die Reise gehen, ebenso wie sein jüngstes Produkt mit dem Geburtsjahr 2020. Proben tun wir aus praktischen Gründen direkt in der Werkstatt, zwischen trocknendem Holz und losen Saiten. Großvater Luís Verdugo und die Familienhunde hören zu. Emilia hat den Laptop auf dem Flügel stehen, denn es gibt keine Noten zu kaufen in Ecuador.

Von Loja im Süden….

Zwei Monate später sitzen wir zu früher Morgenstunde in der ersten Probe mit dem Sinfonieorchester von Loja. Das ruhige Städtchen mit rund 250.000 Einwohnern liegt weit weg von Quito im Süden des Landes, bezeichnet sich aber gerne als kulturelle und musikalische Hauptstadt. „Hier beherrscht in jeder Familie irgendjemand ein Instrument“, erklärt uns ein Familienvater. Er selbst ist Berufsmusiker bei der Polizei und hat seine fünf Kinder schon lange vor der Pandemie in einer reinen Online-Schule angemeldet, „damit sie mehr Zeit für das Konservatorium haben!“ Unter dem Staatspräsidenten Rafael Correa erhielt die Stadt Loja im Jahr 2016 einen ihrem Selbstverständnis angemessenen Konzertsaal.  Das „Teatro Benjamín Carrión“ verfügt über 900 Sitzplätze und eine hervorragende Akustik. Das örtliche Orchester spielt häufig vor vollem Haus; der Eintritt ist frei, gesetzliche Vorschrift.

Kleine Stadt mit großem Saal – das Teatro Benjamín Carrión wurde während der Präsidentschaft Rafael Correas erbaut ©Roberto Gonzalez

Und so ist auch am Konzertabend der Saal gut gefüllt. Das Mozart-Konzert wird hier zum ersten Mal überhaupt aufgeführt. Funk und Fernsehen haben das Ereignis seit Tagen angekündigt; vor lauter Interviews wissen wir kaum noch, wie wir heißen. Im Publikum sitzen zahlreiche Kinder und Jugendliche, die am Tag zuvor Andrés Torres vorgespielt haben – von der etwas gestolperten Clementi-Sonate bis zum souverän dargebotenen Beethoven-Konzert. Viele Stunden lang hat Andrés ohne Pause zugehört, ermutigt, Ratschläge gegeben. Jetzt bei Mozart ist es mucksmäuschenstill im Publikum, man spürt die Begeisterung und den Stolz auf das von Iñigo Pirfano präzise und mit Wärme dirigierte Orchester. Nach der Musik trifft man sich, wie in Ecuador üblich, mit den Fans auf der Bühne. „Bitte noch ein Foto mit den Pianisten, und mit meiner Tochter, sie spielt auch Klavier, das wird sie motivieren!“ 

… über die Weltkulturerbestadt Cuenca…

Am nächsten Morgen piepst am Frühstücksbuffet Andrés’ Telefon. „Wir haben endlich die Zusage für den Saal in Cuenca!“ Seit Wochen hatte das dortige Orchester die Noten, stand der Konzerttermin fest, nicht aber der Raum. Fünf Tage später grüßt uns das Murmeltier. Im „Teatro Pumapungo“ neben dem städtischen Museum beäugen uns die Musiker der Weltkulturerbe-Stadt mit ein wenig Zurückhaltung. Der Raum ist groß, aber die Bühne klein, man kann hier eigentlich viel kammermusikalischer agieren als in Loja. Erleichterung auf allen Seiten, als die Probe problemlos verläuft. Das Konzertpublikum am folgenden Abend ist uns nah und begeistert – Applaus mitten in der Kadenz des ersten Satzes, jede Operndiva wäre zufrieden. Vor allem aber ist dieser Abend eine Hommage an den ursprünglich aus Cuenca stammenden Luís Verdugo, ebenfalls Klavierbauer, Vater von Daniel, Großvater der Pianistin Emilia. Gerührt steht der 91-jährige am Bühnenrand, hinter ihm seine Flügel, neben ihm die begabte Enkelin, vorne applaudiert der Saal.

Vier staatlich finanzierte Orchester gibt es in Ecuador, neben Loja und Cuenca sind es das von Guayaquil an der Küste und das „nationale“ Sinfonieorchester OSNE in Quito. Gemessen an den durchschnittlichen Gehältern im Land werden die Musiker gut bezahlt; eine Festanstellung in einem dieser Klangkörper ist deshalb attraktiv. Die Besetzung der Dirigentenposten hingegen ist dem jeweils in Quito agierenden Kulturminister überlassen. Wechselt der Minister, was in Ecuador häufig vorkommt, beginnt allseits das große Zittern. Am 17. Mai dieses Jahres hat Präsident Lasso die Auflösung des Parlaments und seinen eigenen Rücktritt erklärt, am 20. August 2023 werden Neuwahlen stattfinden. Dann mag es auch in der Kulturszene bald allerorts wieder heißen, „neues Spiel, neues Glück.“

…und das hochgelegene Riobamba…

Nächste Station. In der hochgelegenen Stadt Riobamba, wegen ihrer unwirtlichen Temperaturen im Volksmund gerne auch „Friobamba“ genannt, kann man von einem voll finanzierten Orchester nur träumen. Vor sieben Jahren wurde hier das „Orquesta Municipal de Riobamba“ gegründet: wenige Profis und viele ehrgeizige Jugendliche, die an fünf Nachmittagen der Woche zu Einzelunterricht und Probe im frisch renovierten „Teatro León“ erscheinen. Andrés Mejía, der das Orchester leitet, unterrichtet Geige und Kontrabass – es überrascht nicht, dass die Kontrabasssektion in diesem Ensemble ein wenig größer ist, als sie das sonst bei Mozart wäre. Aber auch hier steht das Publikum am Konzertabend geduldig Schlange, ist der Saal bis zum letzten Platz gefüllt, hat die Stadt das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu erleben. Wie sagte Ricardo Muti unlängst in einem Interview mit dem Online-Magazin „VAN“: „Was für mich…keine Rolle spielt, ist … die große Stadt, der große Saal, der geschichtsträchtige Ort. Das habe ich alles schon oft genug gemacht. Aber wenn ich an Orte wie diese komme, dann treffe ich die echten Menschen.“ Er hätte von Riobamba sprechen können.

Andrés Torres hat am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau studiert und mehrfach länger in Europa gelebt. In Quito ist er Professor für Klavier an der staatlichen Universidad Central, deren Musikfakultät er mit aufgebaut hat. Mit seiner Stiftung „Fest & Arts“ organisiert er regelmäßig Konzerte ecuadorianischer und internationaler Musiker; im Rahmen des Programms „Programa Bellas Artes Ecuador“ unterrichtet er hochbegabte Kinder, um sie gezielt auf ein späteres Studium vorzubereiten. Die Förderung junger Musiker und Ensembles ist ihm eine Herzensangelegenheit; geduldig geht er auch während der Proben in Riobamba auf die Fragen der Orchestermitglieder ein, lobt und erklärt.

…in die Iglesia de la Compañía in Quito

Fehlt noch der letzte Akt in diesem Spiel: Quito. Allmählich hat es sich in den „gut informierten Kreisen“ der kleinen Musikwelt von Ecuador herumgesprochen, dass der „Mozart für drei Klaviere“ einen unterhaltsamen Abend verspricht. Aber in der Hauptstadt sind die Macht- und Raumverhältnisse komplexer als in der Provinz. Die wunderbare Jesuitenkirche „Iglesia de la Compañia“ in der historischen Innenstadt wird gewohnheitsrechtlich vom hiesigen Sinfonieorchester OSNE als Konzertkirche genutzt. Jetzt soll das junge Orchester aus Riobamba zu einer Art Bildungsreise nach Quito kommen und mit uns in der Kirche spielen. Dirigent und Musiker sind von der Aussicht begeistert und hochmotiviert. Aber die Verhandlungen mit den Padres ziehen sich in die Länge, die Organisation ist kompliziert: Die „Compañía“ kann keine Stühle oder Notenpulte zur Verfügung stellen, und einen Flügel besitzt sie auch nicht. Die Straße vor der Kirche wird gerade neu asphaltiert, also müssen die nunmehr drei Verdugo-Instrumente auf Rollbrettern durch die Fußgängerzone transportiert werden. Zu allem Überfluss kündigt auch das OSNE drei Tage vorher plötzlich ein Konzert an, ebenfalls in der Innenstadt, am gleichen Tag und zur selben Uhrzeit.

Aber dann geht am Ende, wie so oft in Ecuador, doch alles gut. Das Orchester aus Riobamba kommt nach mehrstündiger Busfahrt noch rechtzeitig zur Probe in Quito an. Der strömende Regen hört kurz vor Konzertbeginn auf. Das Licht in der voll besetzten Kirche reicht gerade aus, um die Noten zu erkennen. Die jungen Musiker spielen sich bei Mozart die Seele aus dem Leib. Und das Publikum ist zufrieden. 

5. Juli 2023

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Ecuador Leben und Gesellschaft

„Ich wollte Sie auch schon lange ansprechen“. Wie man als Flüchtling sein Schicksal selbst in die Hand nimmt 

„Déle nomás, déle! Weiter!“ Energisch winkt Edison Caiza (Name geändert)  einen weißen Geländewagen aus der Parklücke. „Fahren Sie ruhig, da kommt keiner! Und noch ein bisschen. Jetzt das Lenkrad einschlagen!“ Die zierliche Besitzerin des großen Autos tut, wie ihr geheißen. Reicht eine Münze aus dem Autofenster, erhält ein Lächeln und ein „Danke, Gott segne Sie“. Und fährt davon. Edison steht derweil schon an der Kasse des Obst- und Gemüsegeschäfts, der „Frutería“, vor der er arbeitet. Packt Ananas, Kochbananen und Kartoffeln in Plastiktüten, schleppt die prallen Tüten auf den Parkplatz, lädt ein. Schließt den Kofferraum, wünscht alles Gute, winkt das nächste Auto heran. Schon von Weitem ist er in seiner orangenen Warnweste zu sehen.

Leben von den Trinkgeldern der Kunden

Vor vier Jahren kam der 53-jährige Venezolaner nach Quito. 23 Tage brauchte er für die Strecke vom heimischen Guajíra, an der Grenze zu Kolumbien, über Cúcuta weiter südlich bis nach Ecuador. Das meiste davon lief er zu Fuß, fast ohne Gepäck, nur mit den Kleidern, die er anhatte. Mit Unterstützung der jüdischen Hilfsorganisation HIAS und der Caritas fand er nach seiner Ankunft in Quito das Notwendigste zum Überleben. Eine Zeitlang verkaufte er, wie so viele venezolanische Flüchtlinge, Bonbons auf der Straße, immer an derselben Kreuzung; darüber lernten ihn die Bewohner des Viertels kennen. Seit zweieinhalb Jahren betreut er die Einkaufenden in dieser Straße, ist er regelmäßig auf dem winzigen Parkplatz vor dem Obstladen zu finden. Die Besitzer der Frutería freuen sich über sein Engagement. Im kleinen Supermarkt gegenüber darf er seinen Rucksack unterstellen. Leben tut der große Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt von den Trinkgeldern der Kunden.

Wer in Ecuador kiloweise Obst nach Hause transportieren muss, ist für Hilfe dankbar.

Sechzig Prozent der ecuadorianischen Bevölkerung verdienen ihr Geld ähnlich wie Edison: als „informales“, ohne feste Anstellung, Versicherung und geregelte Arbeitszeiten. „Wenn es regnet, geht niemand einkaufen, dann ist der Tag für mich gelaufen.“ Zum Glück regnet es in Quito selten einen ganzen Tag lang. Aber Edison hat noch ganz andere Probleme: Seine Frau, die ausgebildete Krankenschwester ist, leidet an einer Herzkrankheit. Immer wieder muss sie zu Untersuchungen und Behandlungen ins Krankenhaus. „Das alles ist sehr kostspielig, und ich kann an solchen Tagen nicht arbeiten.“ Außerdem besuchen zwei seiner drei Kinder noch die Schule, auch die kostet Geld. Die älteste Tochter hat mit zwei kleinen Enkeln Ecuador mittlerweile wieder verlassen, auf dem hier bekannten und gefährlichen Weg Richtung USA, wo sie nun „mehr schlecht als recht“ in der Nähe von New York lebt.

Endlich regelt die ecuadorianische Regierung den Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge

Stolz zeigt mir Edison sein frisch erworbenes „certificado migratorio“, eine von den ecuadorianischen Behörden ausgegebene Karte, mit der er nachweist, dass er seit März dieses Jahres als Flüchtling offiziell registriert ist. Seit Beginn der Krise in Venezuela sind rund 1,8 Millionen Venezolaner nach Ecuador gekommen. Damit ist Ecuador nach Kolumbien und Peru das drittgrößte Aufnahmeland in der Region. 73% der Geflüchteten kamen irregulär, ohne Registrierung oder Papiere, über die grüne Grenze zu Kolumbien ins Land. Viele  von ihnen sind bereits in andere Staaten Lateinamerikas oder die USA weitergezogen. Die „International Organisation for Migration“ IOM rechnet mit rund 450.000 Flüchtlingen, die sich aktuell noch in Ecuador befinden. Aber erst vor einem Jahr entschloss sich die hiesige Regierung auf Drängen der internationalen Gemeinschaft und zahlreicher Hilfsorganisationen, die Regelung des Aufenthaltsstatus’ aller Flüchtlinge anzugehen. Nach Daten des Netzwerks Relief Web vom 27. Juni dieses Jahres haben mittlerweile 158.000 Venezolaner das certificado migratorio erhalten, das ihnen die Beantragung eines Visums für zunächst zwei Jahre gestattet. Dieses Visum haben bisher  66.000 venezolanische Staatsbürger erhalten. Internationale Beobachter sind zufrieden mit dem Verlauf des Prozesses, der sich zurzeit recht dynamisch entwickelt. 

Die hiesige Gesellschaft tut sich mit der Akzeptanz der Flüchtlinge schwer

Für viele der Geflüchteten ist diese Entwicklung grundsätzlich positiv, verbinden sie damit doch die Hoffnung, im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten des ecuadorianischen Arbeitsmarkts legal arbeiten zu können. Allerdings stellt schon die Visumsgebühr von 50$ für viele der Migranten eine hohe Hürde dar. Und bis zu ihrer Akzeptierung durch die ecuadorianische Gesellschaft ist es noch ein weiter Schritt. Ecuadorianer und Venezolaner waren sich schon vor  der Flüchtlingskrise nicht besonders nahe, und unfreundliche Kommentare gegenüber „diesen Flüchtlingen, die entweder auf den Straßen betteln oder uns die Arbeit wegnehmen“ sind hierzulande in allen Schichten gesellschaftsfähig. Eine Bekannte berichtet von einer begabten venezolanischen Schülerin, der als Jahrgangsbester an ihrer staatlichen ecuadorianischen  Schule das Halten der Abiturrede verweigert wurde, denn „sie sei ja nicht von hier“.  Die von Nachbarn bei einem Bier gerne geäußerte Vermutung, die jungen venezolanischen Männer seien überproportional häufig  in Drogen- und sonstige Delikte verwickelt, lässt sich statistisch nicht belegen. 

Immer wieder überrascht die Energie, mit der die geflüchteten Männer und Frauen ihr Schicksal trotz aller Widrigkeiten selbst in die Hand nehmen. Die junge Kellnerin in der Pizzeria, die nach monatelangem Suchen endlich eine Schule für ihren behinderten Sohn gefunden hat. Der fünfundzwanzigjährige Mechaniker, der mit seinen vier Brüdern von einer eigenen Motorradwerkstatt träumt und sich auf dem Weg dahin durch nichts aufhalten lässt. Und ein Mann wie Edison, der zum Abschluss unseres Gesprächs einfach sagt: „Wissen Sie, ich wollte Sie auch schon lange ansprechen, aber ich traute mich nicht. Danke, dass Sie mir zugehört haben!“. 

30. Juni 2023

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Ecuador Musik

Musizieren für ein anderes Leben

„Das ist doch hier schon fast wie in Europa, oder?“ Álvaro Panchi grinst. Mit ausgebreiteten Armen steht er auf dem Dach der Schule „San Marino“ weit im Süden von Quito. Unten strömt lärmend der Autoverkehr; aus dem grauen Beton des Gebäudes ragen Stahlträger in die Luft. Rechts von uns steht ein winziges Häuschen wie aufgeklebt auf dem Schuldach „Hier wohnt Montserrat, eine unserer jüngsten Schülerinnen. Morgens besucht sie den Schulunterricht, nachmittags bekommt sie ihre musikalische Ausbildung in Gehörbildung, allgemeiner Musiklehre, Klavier. Für musikbegabte Kinder ist das hier ideal!“. Álvaro Panchi ist in Wien ausgebildeter Geiger. Zehn Jahre hat er in der österreichischen Hauptstadt studiert und gelebt, in bekannten Orchestern gespielt. Auch zwei seiner Brüder leben als Musiker in Europa. Ihn aber hat es zurückgezogen nach Ecuador. Der Einunddreißigjährige hat ein ehrgeiziges Ziel: In seinem „Programa Bellas Artes“ (PBA) die zukünftige musikalische Elite seines Heimatlandes auszubilden. 

In einem schlichten Klassenraum kneten an diesem Samstagmorgen acht Kinder im Kindergartenalter Salzteig. „Das heute ist sozusagen der Vorkurs zu unserem Programm. Diese Kinder sind hier, weil ihre Eltern möchten, dass sie eine musikalische Grundausbildung bekommen. Wir trainieren mit ihnen Fein- und Grobmotorik, tanzen, singen und bringen ihnen eher spielerisch Tonhöhen, Notennamen und Notenwerte bei. Instrumentalunterricht haben sie in dieser Phase noch nicht. Aber wir beobachten, wer besonders gut hört, wem auch komplizierte Rhythmen schnell verständlich sind, und wer regelmäßig und pünktlich zum Unterricht kommt.“ Das pünktliche Erscheinen ist die erste Herausforderung für viele Familien: Einige von ihnen wohnen über eine Stunde entfernt im kleinen Latacunga. Der Verkehr und das unberechenbare Wetter können da schnell die Planung durcheinanderbringen.

Álvaro Panchi Programa Bellas Artes
„Für musikbegabte Kinder ist das hier ideal“. Álvaro Panchi, der Initiator des „Programa Bellas Artes“

Szenenwechsel. Ein Dienstagnachmittag im „Nationalen Konservatorium“ in der Innenstadt Quitos. Der Hörsaal ist bis zum letzten Platz gefüllt; Schüler sitzen auf dem Boden, Lehrkräfte stehen an den Wänden. Vorne haben sich fünfzehn aufgeregte Kinder in grünen T-Shirts mit der Aufschrift „PBA“ versammelt. Zum ersten Mal sollen sie heute öffentlich auftreten. „Ich habe als Kind Gehörbildung gehasst“, bekennt Álvaro Panchi zu Beginn der Aufführung. Seine Schützlinge dagegen scheinen das Solfège, das Benennen, Singen und Wiedererkennen von Tonhöhen, zu lieben. Ob fünf Jahre alt oder fünfzehn — entspannt kommen sie nach vorne, schreiben unter dem Beifall des Publikums nach Diktat Melodien, komplexe Rhythmen, Harmoniefolgen an die Tafel. Der kleine Luis Ángel, den alle nur „Angelito“ nennen, spielt eine Beethoven – Sonatine: differenziert und mit sehr reifer Körperbeherrschung. Um das Pedal zu erreichen, muss er immer wieder kurz vom Hocker rutschen, die Beine sind noch zu kurz. Kaum hat er sein Stück beendet, springt der Sechsjährige wie ein Gummiball vom Klavierhocker, verbeugt sich und rennt lachend quer über die Bühne zu seinen Kameraden. Wie alle anderen Kinder des Programms verfügt Angelito über ein absolutes Gehör, beim Diktat erkennt er sofort jeden Ton, der ihm vorgespielt wird. Und auch sonst fällt ihm das Wiedergeben von Gehörtem und Gelesenem nicht schwer: Mit beseeltem Blick und vollem Körpereinsatz trägt, nein: spielt mir der Zweitklässler ein langes Gedicht vor, das er für eine Schulveranstaltung gelernt hat. „Literatur und Dichtung mag ich in der Schule am liebsten“, verkündet er ernsthaft.

Spaß und Durchhaltevermögen haben hier alle

Was so einfach und unterhaltsam wirkt, verlangt im Alltag viel Konzentration und Durchhaltevermögen von den Kindern. Vier Nachmittage in der Woche kommen sie nach dem Schulunterricht zur musikalischen Ausbildung in die Schule „San Marino“ oder zum Instrumentalunterricht in die „Villa Celia“ im Zentrum Quitos. An solchen Nachmittagen kann es dort passieren, dass man die Tür zur Besenkammer öffnet – um einen zwölfjährigen Geiger zu finden, der im Halbdunkel zum Klappern des Metronoms Kreisler übt. Oft nehmen die Familien lange Fahrwege zwischen Wohnort, Schule und Musikunterricht in Kauf, um ihren Kindern diese Ausbildung zu ermöglichen. „Ich selbst musste als Kind nachmittags ständig zwei Stunden im überfüllten Bus fahren, um zum Konservatorium zu kommen. Das war wirklich anstrengend! Jetzt möchte ich, dass „unsere“ Kinder direkt dort zur Schule gehen, wo sie auch den Musikunterricht erhalten. Das spart so viel Zeit und Kraft!“

Die kleinen Musikschüler kommen aus dem ganzen Land. Manche Kinder sind der Musik wegen extra nach Quito gezogen, so wie die sechsjährige Montserrat, die aus einem kleinen Dorf im Süden Ecuadors stammt. Ersten Unterricht erhielt sie über Zoom; eine Weile pendelte sie dann für ihre Klavierstunden jeweils anderthalb Stunden in die nächste größere Stadt. Als sie besseren Unterricht brauchte, fuhr sie einmal pro Woche nach Quito, acht Stunden im Überlandbus, hin und zurück. Dass sie auf Dauer dorthin umziehen wollte, war dem Mädchen und ihren Eltern bald klar. Jetzt endlich wohnt Monserrat mit ihrem Vater hier, direkt auf dem Schulgelände. Die Unterkunft ist schlicht, denn das Geld ist knapp. Wie bei vielen ihrer Kameraden. Für ihre Ausbildung zahlen sie einen eher symbolischen Beitrag; die Instrumentallehrer, die alle im Ausland studiert haben, erhalten für ihren Einsatz nur einen Bruchteil dessen, was sie anderswo verdienen würden.

„Mit dem PBA wollen wir unsere begabtesten Kinder auf ein Musikstudium vorbereiten“

So wie Mateo Celi. Der Cellist hat in Paris studiert; jetzt lehrt er in Quito unter anderem als Professor an der staatlichen „Universidad Central“: „Als ich nach Frankreich kam, hatte ich erst einmal wahnsinnige Mühe, all das nachzuholen, was ich in Ecuador noch nicht gelernt hatte. Mit dem PBA wollen wir unsere begabtesten Kinder so umfassend unterrichten, dass sie auf ein anspruchsvolles Musikstudium vorbereitet sind.“ Dazu gehört eine breit angelegte Ausbildung, die die Schwächen des hiesigen Schulsystems ausgleicht. Die jungen Musiker besuchen zwar normale Schulen, „aber wir versuchen dafür zu sorgen, dass sie dort nicht so viel Zeit mit stupiden Aufgaben verbringen müssen.“ Stattdessen sollen im nächsten Schuljahr Englischunterricht und Theater Teil des Programms werden. „Und Schlagzeug für alle, damit sie auch unsere Latino-Rhythmen richtig spielen können!“, sagt Álvaro Panchi. Celi und er kennen sich seit vielen Jahren, gemeinsam haben sie schon als Jugendliche von einer besseren Musikausbildung in Ecuador geträumt.

Die Finanzierung dieses Traums ist allerdings ein ständiges Problem. „Aber irgendwann und irgendwoher wird das Geld kommen. Wir müssen nur bekannter werden! Wir müssen auftreten, eine richtige Show entwickeln!“ Ein wenig fühlt man sich an Vater Mozart erinnert, der sich von den großen Reisen mit Wunderkind Wolfgang reiche Einnahmen erhoffte. Eine Hoffnung, die nur allzu oft enttäuscht wurde. Aber wahrscheinlich haben einige Kinder des „Programa de Bellas Artes“ gar keine andere Wahl. „Manche von ihnen haben schon im Alter von fünf oder sechs Jahren intuitiv verstanden, dass ihnen die Musik möglicherweise ein anderes, bürgerlicheres Leben ermöglicht. Ich weiß natürlich, dass das nicht in allen Aspekten so stimmt, aber ich sage ihnen ‚je besser Du spielst, desto mehr Chancen hast Du‘. Das ist für diese Kinder keine Belastung, sondern eine Motivation!“ Den unbedingten Willen zum Erfolg haben sie alle; auf ihre Chance warten sie noch.

12. Mai 2023

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Ecuador

Wer hält schon in Ibarra?

„Ibarra bedeutet Tourismus“ – „Ibarra es Turismo“. So kündigt es ein grüner Wegweiser an, wenn man die Stadt von Norden über die Panamericana erreicht. Aber kaum jemand aus dem Bekanntenkreis war schon als Tourist dort. Wer Kunsthandwerk und Markttrubel liebt, bleibt meist im deutlicher indigen geprägten Otavalo weiter südlich; die Bergwanderer zieht es direkt zum Vulkan Imbabura oder auf den Fuya Fuya. Wie so viele Orte in Ecuador wird Ibarra erst wirklich spannend, wenn man es zusammen mit seiner Umgebung und seiner Geschichte entdeckt.

1606 gründeten die spanischen Eroberer „San Miguel de Ibarra“ als Zwischenstopp auf der Handelsroute zwischen Quito und den heute in Kolumbien gelegenen Städten Pasto und Popayán. Zugleich träumten sie von einer Art Trockenhafen , von dem aus sie die immerhin 170 km entfernte Pazifikküste rascher erreichen konnten als zuvor. Wirklichkeit wurde der Traum allerdings erst 300 Jahre später: Im Jahr 1917 wurde die Eisenbahnverbindung von Ibarra nach San Lorenzo eingeweiht. Die heutige Straße zwischen beiden Städten aber wurde, man mag es kaum glauben, erst 2002 vollendet.

War die „weiße Stadt“ jemals weiß?

Wie die Hauptstadt der Provinz Imbabura zu ihrem Namen „weiße Stadt“ kam, als die sie oft beworben wird, ist historisch nicht belegt. Angeblich sollen die ersten Bewohner der Stadt im 17. Jahrhundert ihre Häuser weiß gekalkt haben, um damit die Malaria verbreitenden Mücken abzuhalten. 1868 jedoch zerstörte ein großes Erdbeben weite Teile Imbaburas, so dass viele der heutigen Häuser Ibarras zwar „im kolonialen Stil“ erbaut wurden, aber eben doch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen. Wer durch die gepflasterten Straßen und über die gepflegten, grünen Plätze der Stadt schlendert, erspäht nur hin und wieder eine Reihe halbwegs weißer Fassaden. Durch historische Quellen widerlegt ist die These, die „weißen“ Spanier hätten in der Stadt Ibarra unter sich bleiben wollen und dort nicht jene Indigenen geduldet, die sie als billige und weitgehend rechtlose Arbeitskräfte auf ihren Haciendas ja benötigten.

Strahlend weiß allerdings leuchtet das kleine, aber feine Museum des Kulturministeriums in der Calle Sucre. Die Sammlung präkolumbischer Keramik und religiöser Kunst ist ansprechend ausgestellt und durch gute Texte erklärt. Einen Besuch lohnt auch der fast vollständig von historischen Gebäuden gesäumte, idyllische Parque Pedro Moncayo. Auf der einen Seite wird er von der Kathedrale flankiert; direkt gegenüber wird gerade das prächtige Gebäude des „Colegio Teodoro Gomez de la Torre“ renoviert. An dem zwei Blocks weiter westlich gelegenen Platz vor der Kirche „La Merced“ bieten Verkäuferinnen an kleinen Ständen Süßigkeiten auf der Basis der „Tocte-Nuss“, einer Art andiner Walnuss, an. Das gegenüber liegende Gebäude einer ehemaligen Kaserne beherbergt heute das Kulturzentrum „El Cuartel“. Pittoresk und skurril zugleich mutet der kleine „Parque Abdón Calderón“ an, der an den Kampf um die endgültige Unabhängigkeit Ibarras von spanischer Herrschaft am 17. Juli 1823 erinnert. Es war die einzige Schlacht auf ecuadorianischem Boden, die Simón Bolívar persönlich als Feldherr leitete. Abdón Calderón, ein sechzehnjähriger Fahnenträger aus Cuenca, kam allerdings bereits 1822 in der Schlacht am Pichincha bei Quito ums Leben.

Parque Abdón Calderón in Ibarra
Parque Abdón Calderón
Der letzte Zug nach Salinas ist vor Langem abgefahren

Vom historischen ins moderne Ibarra sind es nur wenige hundert Meter. Je mehr man sich über die Calle Simón Bolivar dem Bahnhofsgebäude nähert, desto quirliger wird das Leben, greift man in der Menge zwischen Marktständen und Gruppen von Jugendlichen unwillkürlich die Handtasche fester. Wobei das Thema „Sicherheit“ in dieser Stadt, verglichen mit Quito, Guayaquil und Esmeraldas, keine besondere Rolle zu spielen scheint. Die Bahnstation freilich ist eine Enttäuschung: Hier ist, wie im ganzen Land seit der Schließung der staatlichen Eisenbahngesellschaft im Jahr 2020, der letzte Zug längst abgefahren. Kürzlich versprach die ecuadorianische Regierung zum wiederholten Male, die touristisch reizvolle Strecke von Ibarra nach Salinas wieder zu beleben, aber das auf den Schienen gewachsene Gras macht wenig Hoffnung.

Gescheitertes Megaprojekt: Yachay Tech

Also bleibt für den Weg Richtung Norden nur das eigene Auto, und damit Raum für ein paar Umwege, die so nicht im Reiseführer stehen. Eine wunderschöne, unbefestigte Straße führt von dem netten Dörfchen Tababuela in das nicht viel größere Urcúqui und zur Hacienda San José, auf der über Jahrhunderte Zuckerrohr angebaut wurde. Heute beherbergt das Gelände eines der ehrgeizigsten Großprojekte des früheren Staatspräsidenten Rafael Correa: die staatliche Universität „Yachay Tech“. Ab 2014 sollte hier ein internationaler Mega-Campus für 20.000 Studenten der Naturwissenschaften entstehen. Eine „Stadt der Wissenschaft“ nach einem südkoreanischem Vorbild, 15 Mal so groß wie die historische Altstadt Quitos, umgeben von grünen Hügeln und sorgfältig gepflügten Feldern. 

Bauruine Yachay Tech
Ein Traum, von Korruption und Gras überwuchert: Yachay Tech

Ein Gang über das weitläufige Gelände bringt den Besucher jedoch zurück in die Realität. Die ortsübliche Gemengelage aus mangelnder Planung, Korruption und explodierenden Kosten hat dazu geführt, dass nur ein Bruchteil der Lehr- und Wohngebäude in Yachay fertiggestellt werden konnte. Vielen der aus dem Ausland angeworbenen Professoren wurde vor zwei Jahren gekündigt;  so manche von ihnen hatten schon mit Beginn der Corona-Pandemie fluchtartig das Land verlassen. Gerade einmal 1300 Studenten sind zurzeit an Yachay Tech eingeschrieben. Verstreut sitzen sie in der zur Bibliothek umgestalteten ehemaligen Zuckerfabrik der Hacienda, zwischen Saftpressen und anderen eindrucksvollen Maschinen, die im 20. Jahrhundert aus Braunschweig und Sangerhausen importiert wurden. „Dies ist ein wunderschöner Ort, aber Sie wissen ja, alles vollkommen politisiert“, kommentiert einer der Wachleute.

Schwarze Realität: Armut im Chota-Tal

Für die schwere Arbeit auf den Haciendas brachten die Jesuiten ab der Mitte des 17. Jahrhunderts afrikanische Sklaven in diese Gegend. Bis heute leben in den armen Dörfern des etwas weiter nördlich gelegenen Chota-Tals ihre Nachkommen; in Ecuador werden sie „afrodescendientes“ genannt. In dem kleinen Flecken „La Victoria“ ist an diesem Sonntag gerade der Gottesdienst vorbei. Die Gläubigen verlassen in kleinen Gruppen die Kirche. Gegenüber dem Kiosk trifft sich an einer Straßenecke die Jugend des Ortes. Laute Musik schallt über die Straße. Ein Mädchen in zu großen Pumps und ein Junge in zu kleinen Sonntagshosen spielen Fangen. Mehr an Unterhaltung bietet der Ort seinen Bewohnern nicht. Ob wir hier ein Eis kaufen könnten? Zwei mit der Reparatur eines Motorrads beschäftigte Jugendliche weisen uns den Weg zu einem rotgestrichenen Häuschen am Dorfrand; für 25 Cent bekommen wir dort ein hausgemachtes Kokoseis am Stiel durch das Tor gereicht.

Zuckkerrohr im Chota-Tal
Zuckerrohr, soweit das Auge reicht

Zwischen raschelnden Zuckerrohrpflanzen schlängelt sich vom Dorfzentrum aus der Weg die Hänge empor nach Pablo Arenas. Auf den ersten Blick ist der Ort keine Attraktion: Kirchplatz, Hauptstraße, so manches heruntergekommene Haus. Aber beim zweiten Hinsehen offenbart sich, warum der Fotograf Jorge Anhalzer von Pablo Arenas als dem letzten „ursprünglichen“ Dorf Ecuadors spricht: Hier gibt es noch ganze Straßenzüge älterer Lehmhäuser, gedeckt mit Ziegeln im spanischen Stil. Das Dorf scheint in sich zu ruhen. Es lässt zumindest erahnen, wie das Leben überall in Ecuador gewesen sein mag, bevor die Welt in der Mitte des 20. Jahrhunderts das Land erreichte.

Gefühlt liegen deutlich mehr als nur wenige Kilometer zwischen den idyllischen Parks von Ibarra und dem Dorfplatz von La Victoria; zwischen der Vision von Yachay Tec und dem Alltag der beiden wohl achtzigjährigen Freundinnen, die auf einer Türschwelle in Pablo Arenas ein Schwätzchen halten. Aber diese Gegensätze sind es, die in Ecuador Alltag und politisches Leben  – einen Alltag, der ohne Politik gar nicht zu denken ist – bestimmen. Sie machen einen Besuch wie den in Ibarra und seiner Umgebung so lohnenswert.

7. Mai 2023

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Ecuador Leben und Gesellschaft

Ich bin dann mal in Miami

In ihrem Bemühen, das heutige Ecuador zu verstehen, führen sich Europäer meist die koloniale Vergangenheit des Landes vor Augen. Unübersehbar prägt das spanische Erbe weiterhin den Alltag der hier lebenden Menschen, oft gegen ihren Willen. Spanisch bleibt die Sprache des Staates und seiner Schulen (das vor allem von Indigenen als Muttersprache gesprochene Quechua ist als Unterrichtssprache de facto nicht anerkannt). Auf den im spanischen Hacienda-Stil erbauten Landsitzen der alteingesessenen Familien frieren so manche Nachkommen der Eroberer in zugigen Zimmern weiter vor sich hin. Und viele Indigene blicken bis heute einem „Weißen“, den sie automatisch als Teil der herrschenden Elite wahrnehmen, niemals in die Augen, weil der direkte Blick in früheren Zeiten als aufmüpfig galt.

Längst haben die USA Europa als Bezugspunkt und Traumort der lateinamerikanischen Eliten abgelöst

Aber wohl gerade wegen der jahrhundertealten erzwungenen Verbindung zu Europa haben die Vereinigten Staaten seit dem zweiten Weltkrieg den „alten Kontinent“ als Orientierungspunkt und Traumort der hiesigen Eliten abgelöst. In der städtischen Oberschicht ist es gang und gäbe, die Kinder auf eine amerikanische oder zumindest englischsprachige Schule zu schicken, damit das anschließende Studium in den Staaten umso leichter fallen möge. Auch in weniger begüterten Familien finden sich fast immer Verwandte, die zu irgendeinem Zeitpunkt auf die eine oder andere Weise in die USA ausgewandert sind. Der wochenendliche Bummel im amerikanisch inspirierten Einkaufszentrum zählt in Quito, ebenso wie der obligatorische Einkauf im viel zu teuren Supermarkt „MegaMaxi“, zu den Statussymbolen jener wenigen Bürger, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügen.

Anlässlich einer Reise in das nur dreieinhalb Flugstunden entfernte Miami wird die ganze Dimension dieser Beziehung konkret. Fünf Direktflüge dorthin gibt es täglich von Guayaquil und Quito aus. Über 50.000 Ecuadorianer leben allein in Florida, rund 750.000 sind es offiziell in den gesamten Vereinigten Staaten; zehn ecuadorianische Konsulate kümmern sich dort um die Belange ihrer Landsleute. Der Mitarbeiter der Autovermietung am Flughafen von Miami entspannt sich sichtlich, als wir vom Englischen ins Spanische wechseln. Wer auf dem Weg vom Flughafen nach Miami Beach die Mautgebühren vermeiden will und deshalb über kleinere Seitenstraßen fährt, fühlt sich optisch Lateinamerika sehr nahe: Die Dächer der niedrigen Häuschen am Straßenrand sind mit Ziegeln nach spanischer Manier gedeckt; neben den Haustüren finden sich die vertrauten Ansammlungen von alten Möbeln, kaputtem Hausrat und Müll. Ein verblichenes Ladenschild preist mit „fiestas de niños“ Zubehör für Kindergeburtstage, an.

Shoppen wie daheim in Quito – aber größer, schicker, hoffentlich billiger

Die teureren Privatschulen Ecuadors verlangen von ihren Abiturientinnen, zur Abschlussfeier nach Opernball-Manier im langen, weißen Kleid zu erscheinen. Was läge da näher, als den Kauf des Festgewands und der passenden Schuhe mit einer Reise nach Miami zu verbinden? „Ich war da schon ewig nicht mehr, aber viele meiner Freundinnen kennen sich bestens aus in den Einkaufszentren von Florida, die wissen genau, was es wo am günstigsten gibt“, erzählte eine Bekannte in Quito kürzlich beim Kaffee. Ein Besuch in der riesigen „Dolphin Mall“ außerhalb Miamis fühlt sich deshalb an wie der im heimischen „Quicentro“: „Diego, ven acá!“, herrscht eine genervte Mutter ihren kleinen Sohn an. „Estoy de compras, te llamo en seguida!“, wehrt ein mit Papiertüten bepackter Mittvierziger den Anruf eines Bekannten auf dem Handy ab.

Natürlich sind zum Einkauf in der abseits des Stadtzentrums gelegenen Mall alle mit eigenem oder gemietetem Auto angereist. Der Preis für eine Gallone bleifreien Benzins liegt mit rund 3,60 Dollar zwar höher als der in Ecuador mit 2,40 Dollar, ist aber gemessen an den amerikanischen Lebenshaltungskosten bescheiden. Und spätestens beim irgendwann fälligen Imbiss wird zwischen Styroporschalen, Plastikbechern und Papierservietten offensichtlich, warum alle individuellen und kollektiven Anstrengungen innerhalb Europas den weltweiten Klimawandel nicht aufhalten werden. Der Hunger ganzer Kontinente nach Teilhabe am Konsum der Industriestaaten ist so überwältigend, dass er sich durch Appelle an die Vernunft kaum sättigen lassen wird. 

Längst orientiert sich die Ästhetik der großen ecuadorianischen Städte am nordamerikanischen Vorbild

Die nordamerikanischen Vorstädte mit ihren gleichförmigen braun-beige gestrichenen Bauten, wo Einfamilienhaus, Burger-Restaurant, Kirche und Einkaufszentrum äußerlich kaum zu unterscheiden sind, prägen auch in den Städten Ecuadors Geschmack, Ästhetik und Einkaufsvorlieben. Die grellgelb bemalten Bordsteinkanten, die grünen Hinweisschilder auf den Autobahnen, alles bekannt von zu Hause. Das Supermarktsortiment der großen US-amerikanischen Ketten hat Einzug in die vergleichbaren Lebensmittelgeschäfte des südlichen Amerikas gehalten, und dasselbe gilt für die Preisgestaltung. Wer nie verstanden hat, warum Toilettenpapier in Ecuador so exorbitant teuer ist, wundert sich nicht mehr, nachdem er im Anschluss an den Besuch von Disney World in  Orlando „zwei Rollen dreilagig“ erstanden hat. Und sehnt sich kurz nach den ecuadorianischen Straßenverkäufern, wenn er im Zentrum von Miami Beach für eine geschnittene Mango sagenhafte zehn Dollar anstelle der gewohnten Dollarmünze auf den Tresen legen soll.

Ob Urlaubsland, Fluchtziel, Ort des Exils – die USA und Miami sind Teil des ecuadorianischen Kosmos‘

Die Sehnsucht ist groß: Über ein Jahr beträgt in Quito zurzeit die Wartezeit auf ein Touristenvisum für die Vereinigten Staaten. Wer weiß, dass er mangels finanzieller Rücklagen keine Einreisegenehmigung erhalten wird, und sich die dafür fällige Gebühr oder gar den Flug ohnehin nicht leisten könnte, versucht es immer häufiger zu Fuß: Allein in den letzten drei Monaten des Jahres 2022 wurden mehr als 35.000 Ecuadorianer bei dem Versuch, illegal in die Vereinigten Staaten einzuwandern, an der mexikanisch-amerikanischen Grenze  aufgegriffen. Angesichts der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage in Ecuador und eines Arbeitsmarktes, der fast nur noch informelle Arbeitsverhältnisse kennt, dürfte der Auswanderungsdruck weiter zunehmen. Sollte das im ecuadorianischen Parlament betriebene Verfahren zur Amtsenthebung von Präsident Guillermo Lasso wegen Korruption Erfolg haben, könnte bald wieder ein anderer, typisch lateinamerikanischer Aspekt des USA-Tourismus’ aktuell werden: Immer schon waren Miami und andere größere US-amerikanische Städte beliebte Exilorte ehemaliger hiesiger Regierungsmitglieder oder anderer von Prozessen bedrohter Bürger.

Zwischen Quito und Miami liegen rund 2900 Kilometer Luftlinie. Das ist viel oder wenig, je nach Perspektive und Transportmittel. Die auf Shoppen und Genuss gepolten Wochenend-Touristen werden bei der Ankunft in Florida begrüßt von heimischen Reggetón-Klängen im Flughafenhotel, Salsa in den Bars von Wynwood, und kubanischer Live-Musik in Little Havana. Studenten, Exilanten und Migranten hoffen auf schnelle Integration in das Netzwerk der vielen Landsleute vor Ort. Ob kultureller Bezugspunkt, Stadt der Träume oder Zufluchtsort – Miami ist aus dem ecuadorianischen Kosmos nicht wegzudenken.

15. Januar 2023

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Ecuador

„Wir feiern hier etwas ruhiger“  – Karneval in Misahuallí

Schon gute drei Kilometer vor Puerto Misahuallí stauen sich die Autos an dem Vormittag dieses Sonntags vor Karneval. Ganze Busladungen von Touristen zieht es zum Feiern in das sonst eher beschauliche Städtchen am Rio Napo. Aus Guayaquil kommen sie, aus Quito und der umliegenden Provinz Pichincha, aus dem Hochland um den Chimborazo, wie an den Autokennzeichen unschwer zu erkennen ist. Kleinfamilien mit zwei Kindern auf dem Motorrad, ältere Herrschaften im Taxi, Gruppen von Jugendlichen im offenen Pick-up. Wem es auf der Hauptstraße zu langsam vorangeht, der biegt entnervt nach links ab, quält sich an geparkten Autos vorbei, nimmt die schmalen Schotterwege durch dichtes Grün, vorbei an baufälligen Häuschen. Bis es dann irgendwann wirklich nicht mehr weitergeht, aber da ist der Hauptplatz von Misahuallí schon in der Ferne zu erahnen. 

Sogar aus dem Hochland kommen die Karnevalsbesucher

„Zwei Dollar, dafür können Sie bis sechs Uhr abends hier stehen bleiben!“. Der zahnlose Parkwächter in ausgebleichter Warnweste schlurft herbei und grinst uns freundlich an. Er macht heute das Geschäft seines Lebens, dirigiert vom Straßenrand aus ein Auto nach dem anderen an seinen Parkplatz. Wie viele Leute er heute erwartet? „Oh, viele, sehr viele! Die Leute kommen von weit weg, weil bei uns der Karneval etwas ruhiger gefeiert wird!“ Neben uns macht sich eine Gruppe der Busgesellschaft Santa Teresita („Heilige Teresa“)  bereit für den Gang in die Stadt: Die Gesichter mit Farbe dekoriert, Wasserpistole und die obligatorische Dose mit Sprühschaum fest in der Hand.

Und dann geht es los Richtung Plaza. Links überholen uns zwei kreischende Mädchen mit bereits völlig durchnässter Kleidung. Rechts schenkt ein mexikanisches Restaurant die ersten Cocktails des Tages aus und hofft auf ausländische Touristen, die heute jedoch noch nicht zahlreich sind. Überall auf den Boden liegen die roten, weichstacheligen Schalen der Achiotillo-Frucht (Rambutan), die gerade Saison hat. Das glasige Fruchtinnere ähnelt in Form, Konsistenz und Geschmack einer Litschi, mit der die Pflanze auch verwandt ist. Die vor uns laufende Gruppe hat ganze Rispen der Früchte in der Hand, und ist am Genießen, wie so viele andere hier auch: Ein Biss in die weiche Schale, weg damit, und dann das weiche, weiße Fruchtfleisch lutschen, bis nur noch der dunkelbraune Kern übrig ist.

Maito, Larvenspieße, Ayahuasca-Eis – Feiern heißt vor allem: Essen

Rund um den zentralen Platz des Örtchens spielt bereits die Musik, duften die mit Fisch oder Huhn gefüllten „Maito“-Päckchen aus Bananenblättern, die überall auf den Grillrosten zubereitet werden. Ein Familienvater kauft noch schnell eine Badehose und das aufblasbare Gummitier für den Nachwuchs, und dann geht es weiter, Richtung Fluss. Immer größer wird die Zahl der fliegenden Händler. Waorani-Frauen bieten Schmuck aus geflochtenen Naturfasern und Ohrringe von leuchtend roten Papageienfedern an. In einer offenen Kiste winden sich die dicken Larven des Palmrüsslers; am Spieß gebraten werden sie hier überall zum Verzehr angeboten. Die unter dem Namen „Chontacuro“ bekannte Delikatesse soll angeblich unterstützend bei der Heilung aller möglicher Krankheiten, von COVID bis Arthritis, wirken. Soraya Nevada aus Tena dagegen produziert Speiseeis auf der Basis der Ayahuasca-Liane, das geradezu beängstigend wohlschmeckend ist. Wer allerdings die möglicherweise halluzinogene Wirkung dieser Pflanze scheut, ist wahrscheinlich mit der Sorte „Schoko-Banane“ besser bedient.

Hühnchen, Krabben oder Chontacuro? Die Larven des Palmrüsslers gelten als Delikatesse

Wenn nur die Batterien von Sprühdosen nicht wären! Die Schlachten mit Wasser und Schaum gehören in Ecuador zum Karneval wie in Deutschland die Rosenmontagsumzüge. Die junge Verkäuferin Alejandra hat Schaumflaschen in jeder Größe vor sich aufgebaut, die kleinste für einen Dollar, zwei Riesenflaschen (das für den Nahkampf geeignete Modell „mónstruo y de batalla“) für fünf. Immer schwieriger wird es, beim Flanieren den weißen und bunten Schaumfontänen auszuweichen. Ein kleiner Junge posiert begeistert mit seiner Wasserpistole, traut sich dann aber doch nicht, mich nasszuspritzen. Die meisten Flaneure kommen vorbereitet nach Misahuallí: in alten Kleidern und Flipflops, oder am besten gleich in der Badehose. Womit das Ziel des Ausflugs auch vorgegeben ist: Der Strand am Ufer des Napo. 

Und schließlich die Party am Strand

Dort ist bereits die Bühne für die große Sause am Abend bereitet, schallt die Musik aus den Lautsprechern. Viele Besucher haben längst das mitgebrachte Höckerchen im Sand aufgebaut, die Großmutter auf der Decke installiert, die Bierflaschen geöffnet. Auf dem großen Felsen in der Flussbiegung tummelt sich die Jugend, im flachen Wasser planschen zwischen leergesprühten Dosen die Kleinkinder, die Führer der bunt bemalten Holzboote warten auf Fahrgäste. Uns zieht es erst einmal zurück zu den mexikanischen Cocktails. Von unserem Tisch am Straßenrand sehen wir den Strom der Karnevalsbesucher weiter vorüberziehen. Und genießen, voll von Eindrücken, die Ruhe.

Ruhe vor der Party – am Strand des Napo bei Misahuallí

22. Februar 2023

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Ecuador Leben und Gesellschaft

„Kollektive Gedächtnisstütze?“ Zum Schutz des Kulturerbes in Ecuador

Es waren Baggerführer, die die Reste der rund 5000 Jahre alten Siedlung entdeckten. Beim Bau einer neuen Straße zwischen Valdivia und San Pedro stießen sie im Jahr 1957 auf zahlreiche Tonscherben. Nur ein Jahr zuvor hatte der Archäologe Emilio Estrada wenige Kilometer entfernt, an der ecuadorianischen Pazifikküste, erste Spuren derselben, heute unter dem Namen „Valdivia“ bekannten Kultur gefunden. Keine großen Tempel, keine Königsgräber – aber riesige Mengen an Gefäßscherben sowie unzählige kleinere und größere Figuren aus Ton und Stein. Heute wird von Fachleuten vermutet, dass es sich bei der Valdivia-Kultur um die älteste des amerikanischen Kontinents handelt.

Was auf diese Entdeckung folgte, charakterisiert der Altertumswissenschaftler Karl Dieter Gartelmann als für Ecuador typische „Wochenendarchäologie“: Jeder, der wollte, kam nun nach Valdivia, sah und grub, wann und soviel es ihm seine Zeit erlaubte. Im besseren Fall erfassten diese Hobbyarchäologen gewissenhaft alle Fundstücke, bewahrten sie in ihrer privaten Sammlung auf, machten sie vielleicht sogar Dritten zugänglich. Im schlechteren boten die Kinder der umliegenden Dörfer interessierten Strandtouristen ihre Fundstücke mit den Worten, „Möchten Sie auch ein Püppchen?“ zum Verkauf an.

Kulturerhalt zwecks Schaffung einer nationalen Identität

Vor dem Hintergrund dieser und ähnlicher Erfahrungen wird auch in Ecuador immer mehr  vom Schutz des Kulturerbes gesprochen. Die unter dem Präsidenten Rafael Correa 2016 erlassene Ley Orgánica de Cultura, sozusagen das „Kulturgrundgesetz“ des Landes, versteht darunter Kulturgüter, die „aufgrund ihrer historischen oder künstlerischen Bedeutung…eine soziale Funktion erfüllen…und als kollektive Gedächtnisstütze bei der Schaffung und Stärkung unserer nationalen Identität dienen“.  Eine sehr weite Definition. Welches aber ist die nationale Identität, die hier geschaffen und gestärkt werden soll? Welches sind die historischen Ereignisse, und welches die Kunstwerke, auf die man sich gemeinsam als Staatsvolk beziehen möchte? In einem Land, dessen Geschichte die wirtschaftliche Elite ganz anders erzählen würde als jene über sechzig Prozent der Bevölkerung, die keiner vertraglich geregelten Arbeit nachgehen? Und wo die bedingungslose Hingabe an die Familie, die Begeisterung über die Schönheit der einheimischen Natur und die Liebe zum hiesigen Essen vielleicht der einzige gemeinsame Nenner sind, auf den sich die Gesellschaft einigen könnte?

Wie viele früher von Kolonialmächten beherrschte Staaten hat Ecuador ein gebrochenes Verhältnis zu seiner Geschichte. Die Auseinandersetzung darüber, wer hier die Geschichtsbücher schreibt, hat sich zwar längst von der internationalen Ebene in die eigene Gesellschaft verlagert. Unstrittig ist glücklicherweise auch seit langem, dass zahlreiche Werke der präkolumbianischen Kunst ebenso einen „außergewöhnlichen universellen Wert“ (so die Definition der UNESCO-Konvention zum Schutz des kulturellen Erbes von 1972) besitzen, wie die von europäischen Vorbildern und Lehrern beeinflussten Gemälde und Skulpturen der „Schule von Quito“ des 17. und 18. Jahrhunderts. Aber der Regierung Rafael Correas ging es in ihrem Gesetz weniger um die Bewahrung von Zeugnissen der Vergangenheit um ihrer selbst willen, sondern ausdrücklich um die Zukunft, um die Schaffung von nationaler Identität.

Alles bewahren, um nichts zu verlieren – Anspruch und Wirklichkeit

Und so entschied man sich dafür, prophylaktisch alles unter staatlichen Schutz zu stellen, was vielleicht einmal als „kollektive Gedächtnisstütze“ dienen könnte. Gemäß dem Gesetz von 2016 sind archäologische Fundstücke automatisch Eigentum des Staates. Jedes Kunstwerk oder Gemälde, welches der gesetzlichen Definition von „Kulturerbe“ entspricht, jedes Dokument, das älter als 50 Jahre alt ist, darf nur mit ausdrücklicher Genehmigung des „Instituto Nacional de Patrimonio Cultural“ INPC verkauft, vererbt, im Ausland ausgestellt werden. Der Staat erklärt sich damit zum Stifter und Hüter kultureller  Identität – aber kann er dieser Rolle auch gerecht werden? Viele Kunsthistoriker im Land zweifeln daran, und erzählen Geschichten wie diese: 

In den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts befand sich in der öffentlich verwalteten Casa de la Cultura in Guayaquil eine einzigartige Goldsammlung aus der Zeit der Inka. Schmuckstücke, eine wertvolle Totenmaske. Im Zuge der notwendigen Neugestaltung der Museumsvitrinen sei dieser Schatz eine Zeitlang schlichtweg im Büroschrank der Kuratorin in einem der oberen Stockwerke aufbewahrt worden. Ein Vorgehen, dass niemanden überrascht, der länger in Ecuador lebt. Eines Tages sei ein Brand just in diesem Büro ausgebrochen, und als man die zu einem traurigen Goldklumpen zusammengeschmolzene Sammlung später gewogen habe, sei sie um zwei Kilogramm leichter gewesen als früher. Im Zuge  der polizeilichen Untersuchung des Vorfalls habe sich dann herausgestellt, dass der Pförtner des Gebäudes ein lukratives Geschäft mit dem Verkauf von Gold an einen ihm bekannten Zahnarzt betrieb, das er durch die Brandstiftung habe vertuschen wollen. 

Solche „Anekdoten“ werden in Ecuador zuhauf kolportiert. Es wird von zahllosen Kunstwerken gemunkelt, die sich seit Jahren ungeordnet und ungeschützt in den Magazinen des Hauptsitzes der Casa de la Cultura in Quito befinden. In den historischen Archiven des Landes sieht die Realität trübe aus: Allerorten begegnet der Historiker wild durcheinanderliegenden, teils zerrissenen oder geknickten Dokumenten. Bindungen, die beim Berühren zerfallen, alte Partituren, die immer wieder von Forschenden direkt vor Ort mit der eigenen Kamera abfotografiert werden. Stapel von Akten, die zum Schutz vor dem Smog der Innenstadt schlichtweg in Plastiktüten aufbewahrt werden, den Insekten zur Freude. Nicht zu reden von jenen Dokumenten, die, nun ja, irgendwann einfach nicht mehr aufzufinden sind. Bei der Digitalisierung ihrer Bestände, die zum Schutz der Originale beitragen würde, stehen viele Bibliotheken und insbesondere das Nationalarchiv erst am Anfang. Es fehlen die Mittel, es fehlt die Ausbildung, es fehlt das Personal.

Was wollen wir vergessen, was sollen wir erinnern?

Fehlt vielleicht manchmal auch die Identifizierung mit dem, was da zu bewahren wäre? Dem Komponisten Luis Humberto Salgado, der als erster Ecuadorianer  umfangreiche symphonische Werke schrieb, wurde und wird zuweilen vorgeworfen, er habe nicht nur zu kompliziert, sondern auch zu europäisch, zu „kolonial“ geschrieben. Von einem hiesigen Musikwissenschaftler wird dies als ein Grund dafür gesehen, dass sich die staatliche ecuadorianische Kulturpolitik mit der Anerkennung und Verbreitung von Salgados Werken bis heute schwer tut. Welches ist die Geschichte, deren Zeugnisse es zu bewahren gilt, und wofür? „Bei der Fortbildung junger Museumsmitarbeiter merke ich immer wieder, dass sie meinen, zwischen zwei Geschichten wählen zu müssen“, kommentiert ein Historiker. „Früher galt all das als gut und nachahmenswert, was uns die Spanier hinterlassen haben, und unsere eigene Kultur war nicht von Bedeutung. Heute möchten manche am liebsten alles vergessen machen, was zwischen der Ankunft Francisco Pizarros 1531 und der Schlacht am Pichincha 1822 geschehen ist.“

Die Begegnung einer Bevölkerung mit der eigenen Kunst- und Kulturgeschichte setzt voraus, dass deren Zeugnisse auch der Öffentlichkeit zugänglich sind. „Wenn wir unsere Kulturgüter bewahren, ist das doch kein Selbstzweck! Es geht darum, dass unsere Bevölkerung sie sehen, sich mit ihnen auseinandersetzen kann!“, erklärt derselbe Interviewpartner enthusiastisch den Sinn seiner Arbeit. Aber genau hier stößt der ecuadorianische Staat an seine Grenzen. Zum einen gelingt es ihm nicht, das zu schützen und angemessen auszustellen, was sich bereits in seinem Besitz befindet. Zugleich droht er den privaten Sammlern mit der Quasi-Verstaatlichung ihrer Kollektionen und hindert sie damit effektiv, diese ihrerseits einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Die Schaffung eines kollektiven kulturhistorischen Gedächtnisses, die das erklärte Ziel der „Ley orgánica“ war, wird dadurch unmöglich gemacht.

Der Staat kann nicht effektiv schützen, die privaten Sammler dürfen es eigentlich nicht

Die eindrucksvollste Sammlung von Valdivia-Skulpturen findet sich heute im privat betriebenen Museo del Alabado direkt neben der Kirche von San Francisco in Quito. Wer das eine oder andere Haus von Angehörigen der wirtschaftlichen und intellektuellen Elite des Landes besucht, kann seine Kenntnis dieser Kultur noch beträchtlich erweitern. In dem von Ehrenamtlichen betreuten kleinen Museum von Valdivia jedoch bleibt es bei der gut gemeinten Aufforderung: „Bitte nichts anfassen!“

21. Februar 2023

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Ecuador Leben und Gesellschaft

Die heimliche Nationalbibliothek

„Warum müssen Sie überhaupt Bücher anschaffen?`, hat uns das Kulturministerium allen Ernstes gefragt! Genauso gut können Sie einen Bäcker fragen, warum er eigentlich Mehl braucht!“ Die Mitarbeiter der „Biblioteca Ecuatoriana Aurelio Espinosa Pólit“, der größten Ecuadors, sind verärgert. In den vergangenen zwei Jahren ist ihnen die staatliche Unterstützung um rund 70% gekürzt worden. Ein aus dem Jahr 1995 datierendes Gesetz bestimmt jedoch, dass von allen im Land publizierten Büchern zwei Exemplare dieser Bibliothek übergeben werden müssen, und der Bibliothek die zur Erfüllung ihrer Aufgaben notwendigen Mittel seitens des Staates zur Verfügung gestellt werden. Laut Gesetz wären dies mindestens 1500 Mindestgehälter, nach jetzigem Stand 637.500 Euro.

Von der seit 2021 amtierenden Regierung des bekennenden Katholiken Guillermo Lasso hatte die von Jesuiten begründete und geführte „BEAP“ anderes erwartet.  Denn die 1930 gegründete Einrichtung ist laut dem Gesetz von 1995 eine „Institution von nationalem Interesse“, und mit ihrer umfangreichen Sammlung die heimliche Nationalbibliothek Ecuadors. Über 600.000 Bücher besitzt die Bibliothek. Dazu kommt im historischen Archiv rund eine halbe Million an Originaldokumenten zur Geschichte des Landes. Die ältesten Veröffentlichungen stammen aus dem 16. Jahrhundert und gelangten über die spanischen Kolonialherren in die damalige „Real Audiencia de Quito“. Die im Zentrum der Hauptstadt gelegene „Biblioteca Nacional Eugenio Espejo“, die dem ecuadorianischen Kulturministerium unterstellt ist, verfügt im Vergleich über deutliche geringere Bestände.

Vom Noviziat des Jesuitenordens zur Bibliothek

Wer die BEAP in Cotocollao im Norden Quitos besucht, merkt auf den ersten Blick von der aktuellen Mangellage wenig. Die vier Flügel des 1949 im neokolonialen Stil erbauten Gebäudes umschließen, einem Kloster ähnlich, den großen begrünten Innenhof. „Unser Gebäude ist größer als der Präsidentenpalast in Quito, aber wir bezahlen hier nur 18 Angestellte, nicht 400“, scherzt Padre Iván Lucero, der die Bibliothek seit fünf Jahren leitet. Der klösterliche Charakter der Anlage kein Zufall:  Von 1949 bis Ende der Sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts beherbergte der Komplex das „Colegio Loyola“, ein Internat für die Novizen des Jesuitenordens. Mit der Schließung des Noviziats im Jahr 1969 fanden hier die Bestände der von Padre Aurelio Espinosa Pólit begründeten „Biblioteca de Autores y Temas Ecuatorianos“ ihre Heimat.

Die katholisch-konservative Familie von Aurelio Espinosa Pólit (1894 – 1961) hatte im Jahr 1895, während der sogenannten „liberalen Revolution“, aus politischen Gründen Ecuador verlassen. Ihren Patriotismus und den katholischen Glauben jedoch vermittelten die Eltern ihren Kindern auch im europäischen Exil ungebrochen. Der junge Aurelio trat mit 17 Jahren in Spanien dem Jesuitenorden bei, ebenso wie seine fünf Brüder. Nach einem Jahr des Studiums in Cambridge kehrte er 1929 auf Anweisung seiner Oberen aus Europa nach Ecuador zurück, um am Noviziat in Cotocollao Philosophie zu lehren. Bereits im Mai 1930 begann der junge Padre mit seinem Projekt einer Bibliothek, die das gesamte ecuadorianische Schrifttum vereinen sollte, einer Sammlung „unserer nationalen, religiösen, historischen, wissenschaftlichen und literarischen Tradition“

Bibliophile und kunsthistorische Raritäten an einem Ort

Was zuerst nur drei einfache Bücherregale umfasste, füllt heute das gesamte ehemalige Internatsgebäude. Eine Bibliothek, die zugleich Kunstmuseum und Kulturzentrum ist, und in der man gut und gerne einige Stunden verbringen kann, ohne überhaupt ein einziges Buch zu öffnen. Überall gibt es besondere Dinge zu sehen. So findet sich im Kartensaal eine handgezeichnete Darstellung der Amazonasregion, die 1895 zur Vorbereitung der zweiten französischen Geodäsiemission erstellt wurde: eine aus 25 gleichmäßigen Rechtecken zusammengesetzte, reisetaugliche Kopie der 1750 von Pedro Vicente Maldonado für die Condamine-Mission angefertigten Karte. Aber auch eine Schulkarte des damaligen Ecuador, gedruckt zu Beginn des 20. Jahrhunderts im deutschen Westermann-Verlag, hängt an der Wand.

In zwei der ecuadorianischen Malerei gewidmeten Sälen stößt der Besucher, wie so oft in Ecuador, immer wieder auf Darstellungen des heiligen Joseph als hingebungsvollen Vaters: Er hält gemeinsam mit Maria den jungen Jesus an der Hand, trägt ihn auf dem Arm, wendet sich ihm wie im Spiel zu. Im Skulpturensaal gibt es eine Rarität: Eine Darstellung der „Entschlafung Mariens“, wie sie sonst vor allem in den orthodoxen Kirchen üblich ist: die „entschlafene“ Maria auf einem Prunkbett liegend, umringt von den 12 Jüngern (eine lebensgroße Darstellung derselben Szene kann übrigens in Quito im Konvent von Carmen Alto besichtigt werden).

Gleichberechtigte Eltern: Eine Darstellung der Heiligen Familie von Manuel Samaniego (1767 – 1824), einem der bekanntesten Maler der „Schule von Quito“
…ebenso wie Reliquien der ecuadorianischen Geschichte

In dem der Geschichte Ecuadors gewidmeten Raum schließlich befinden sich zahlreiche Reliquien zum Gedenken an den  1875 ermordeten erzkatholischen Präsidenten Gabriel Garcia Moreno. Im Jahr 1883 war der Leichnam des umstrittenen Politikers aus der Kathedrale von Quito in den Konvent von Santa Catalina verbracht worden. Da die neue Begräbnisstelle von Garcia Moreno nicht öffentlich bekannt war, entdeckte man den Sarg dort erst im Jahr 1975. Die historischen Dokumente, aus denen die Fundstelle erkennbar gewesen wäre, fanden sich erst nachträglich im historischen Archiv der BEAP; die Reste des hölzernen Sarges sind heute hier ausgestellt.

Aber zurück zu den Büchern: Neben den ecuadorianischen Werken des 19. und 20. Jahrhunderts findet man hier zahlreiche Schriften europäischer Produktion, die bis zur Vertreibung der Jesuiten im Jahr 1767 ins Land gebracht worden waren. Der deutsche Jesuit Adam („Adán“) Schwartz leitete ab 1755 die erste Buchdruckerei Ecuadors in Ambato; einige der dort gedruckten Exemplare sind in der „antiken“ Sammlung der BEAP zu finden. Und schließlich verfügt die Bibliothek über 26 Nachlässe bedeutender Persönlichkeiten des Landes. Jede für sich sind sie in den früheren Klassenräumen untergebracht, oft gemeinsam mit Möbeln und persönlichen Gegenständen der früheren Besitzer. In manchen Räumen hat man den Eindruck, als habe der verstorbene Eigentümer seine Privatbibliothek nur kurz verlassen.

Der Nachlass des Kunsthistorikers José Gabriel Navarro

Im Arbeitsalltag wird vor allem der kleine Lesesaal der BEAP ständig genutzt. Vor allem unter der Woche ist der Saal bevölkert von Schülern der umliegenden staatlichen Schulen, die hoffen, hier in Ruhe arbeiten zu können. Auch am heutigen Samstag sitzt eine Abiturientin vertieft an einem der Tische. Die Mutter, in indigener Tracht und mit dem Hut auf dem Kopf, wartet geduldig auf einem Stuhl dahinter. Viele der am meisten nachgefragten Zeitungen und Nachschlagwerke sind hier auf den großen Computerbildschirmen direkt einsehbar. Seit vierzehn Jahren arbeitet die BEAP an der Digitalisierung ihrer Bestände; rund ein Viertel davon ist bereits verfügbar, insbesondere große Teile des Zeitungsarchivs.

Und die Mutter schaut geduldig zu. Lernen für den Schulabschluss im Lesesaal der BEAP

„Unsere Besucher wundern sich immer, dass das Haus trotz der schwierigen Finanzlage in einem so guten Zustand ist. Hier ist nichts schmutzig, heruntergekommen, vernachlässigt“, erzählt Padre Iván nach dem Rundgang nicht ohne Stolz. „Ich sage dann immer: Wir drehen jeden Centavo dreimal um und investieren ihn dann dort, wo er am meisten Wirkung entfaltet. Wir wollen diesen Ort, der in gewisser Weise das Gedächtnis unseres Landes ist, bewahren.“

Centro Cultural Biblioteca Ecuatoriana Aurelio Espinosa Pólit

José Nogales N69-22 / Francisco Arcos, Cotocollao, Quito

Tel. 00593 – 2 – 2491-156/157, www.beap.ec

geöffnet Dienstag bis Samstag von 08.00 bis 17.00

15. Januar 2022

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Ecuador Musik Textos en español

Pianos de cola, made in Ecuador 

Un amigo director de orquesta me contó una vez que, durante un concierto familiar en una ciudad del Ecuador, preguntó qué familias de instrumentos conocían los niños presentes. Respondieron hecho un tiro, pero de manera muy diferente a lo que él esperaba: „Paccha, Gallegos, Godoy…“. Los niños no sabían necesariamente los nombres de todos los instrumentos de la orquesta, pero sí conocían las familias de las que procedían casi todos los músicos conocidos. Las tradiciones familiares siguen siendo inmensamente importantes en el Ecuador actual: tal como el padre, y en ocasiones también la madre, así también a menudo el hijo y la hija, nietos y bisnietos. Igual cosa sucede con la familia fabricante de pianos Verdugo

Daniel Verdugo Álavarez comenzó a fabricar instrumentos de teclado en los aňos 30 del siglo pasado, en la sureña ciudad de Cuenca: produjo armonios para el uso en los servicios religiosos, y pianolas, pianos autoejecutables. Su hijo Luis, nacido en 1931, creció, por así decir, en el taller del padre, fascinado con las teclas y las cuerdas, y aprendió el oficio del constructor de pianos. Pero Cuenca, en aquella época, era pequeña, el número de pianos limitado y las condiciones de trabajo precarias. Por ello, a los 19 años, Luis Verdugo se trasladó a Quito, la capital del país. Allí había muchos instrumentos de teclado en las casas de personas adineradas de la ciudad, a menudo en un estado lamentable.

El reconocimiento de Verdugo como afinador de pianos se produjo con un concierto de Arthur Rubinstein

El joven Luis afinaba, reparaba, restauraba, y poco a poco se ganó cierta reputación entre los músicos de Quito. Pero su verdadero reconocimiento se produjo cuando, en septiembre de 1953, fue llamado en último minuto para ayudar a afinar el piano de cola del Teatro Sucre, entonces la principal sala de conciertos de la ciudad, con motivo de un concierto de Arthur Rubinstein. Las funciones de pianistas de fama mundial eran, entonces como ahora, raras en Quito, y Rubinstein había amenazado con irse, porque el instrumento no cumplía con sus expectativas en los ensayos. Verdugo vino y se dedicó al piano, el solista quedó satisfecho y el concierto fue un gran éxito. De pronto, el nombre Luis Verdugo era reonocido en círculos más amplios de la ciudad.

Pero no sería hasta principios de los años noventa cuando se aventuró a construir su propio instrumento, junto a su hijo también llamado Daniel. El primer piano de cola de la empresa familiar Verdugo se completó en 1994. Desde entonces, 26 instrumentos han nacido en Sangolquí, cerca de Quito, donde la familia vive junto al taller desde hace un cuarto de siglo. La Orquesta Sinfónica de la pequeña ciudad de Loja posee un piano Verdugo, al igual que el Conservatorio Nacional de Quito o la Universidad Técnica de Ambato. Cuando se celebró el Mundial de Fútbol en Alemania, en el 2006, no sólo la Tri, la selección nacional del Ecuador, viajó a Europa para el torneo, sino también un piano de cola Verdugo. El pianista ecuatoriano Boris Cepeda, quien hoy vive en Weimar (Alemania), dió conciertos con el instrumento en las cinco ciudades donde actuó el equipo ecuatoriano.

Concierto de cumpleaños con los instrumentos del propio taller

Una noche de noviembre de este año, Luis Verdugo, que acaba de cumplir 91 años, ocupa un asiento de la primera fila durante el concierto ofrecido en su honor en la „Villa Celia“, la casa de la pianista Celia Zaldumbide, fallecida en el aňo 2014. Como es usual, lleva su característica boina de color azul oscuro. Al igual que el difunto ex canciller alemán Helmut Schmidt, también un entusiasta pianista, y quien seguro le sonríe desde el más allá. Todas las generaciones de la familia Verdugo están presentes: sus dos nietas Daniela y Carolina llevan ya varios años trabajando en el taller, el bisnieto, de pocos meses, gorjea del brazo de su madre. Dos pianos de cola están listos en el escenario para la actuación, uno de ellos terminado en el taller Verdugo en el aňo 2020.

En las dos horas subsiguientes, los pianistas de todo el Ecuador se pasan la posta con los instrumentos, digo, con las teclas, cruzando por todo el país y por todo el repertorio para piano. Los jóvenes premiados en el Segundo Concurso Nacional de Música de Cámara del Ecuador inician con Clara Schumann; siguen Beethoven y Debussy. Una de las pianistas es Emilia, la talentosa nieta de 16 años de Luis Verdugo. El riobambeño Paco Godoy, descendiente también de una dinastía de músicos ecuatorianos, interpreta junto a la cantante Andrea Condor tres boleros folclóricos, „¡que sabemos, maestro, que le gustan mucho!“ El compositor nacido en Loja, Juan Castro, adopta un enfoque más contemplativo con su propio pasillo y un „Padre Nuestro“, compuesto durante la pandemia. Suenan completamente diferente los dos tenores acompañados de Paulina Alemán: Marco Catena y José Cárdenas cantan con entusiasmo „O sole mio“ para el anciano jubilado. Y el italiano Catena, llenas de emoción sus palabras de agradecimiento al „Maestro Luis“, cae involuntariamente en su lengua materna. En ambos pianos tocan juntos Alex Alarcón y Andrés Torres piezas de Piazolla y Milhaud.

Luis Verdugo rodeado de músicos y familiares en noviembre de 2022 ©Fundación Zaldumbide Rosales / Villa Celia
La familia, la profesión, la fe: un vínculo indisoluble

Entonces llega por fin la torta. Y con él todos, la familia y la larga fila de músicos que ahora quieren felicitar en serio. Pero antes, el pianista más joven de la noche, Angelito, de 5 años, también agradece al cumpleañero. Le desea solemnemente la bendición de „Papito Dios“, se dirige al piano de cola y entona la tradicional canción de cumpleaños, con acordes sonoros. Y mientras todos los pianistas se reúnen poco a poco en torno a los dos teclados y adornan así el canto del acompañamiento musical, las velas arden, la gente se abraza y se besa, el grupo en torno a los instrumentos se hace cada vez más grande. Hasta que una cosa se funde en la otra y los músicos, junto con el hijo, las nietas y bisnietos de Verdugo, forman una sola gran familia.

Nota de la traductora: El texto original fue escrito en idioma alemán, para un público alemán. Traducción del castellano: Mónica Thiel

1 de diciembre, 2022

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Ecuador Musik

Konzertflügel made in Ecuador

Ein befreundeter Dirigent erzählte einmal, dass er während eines Familienkonzerts in einer ecuadorianischen Stadt fragte, welche Instrumentenfamilien die anwesenden Kinder kannten. Die Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen – aber ganz anders als erwartet: „Paccha, Gallegos, Godoy…“. Die Kinder wussten zwar nicht unbedingt alle Orchesterinstrumente mit Namen zu nennen, aber sehr wohl diejenigen Familien, aus denen fast alle ihnen bekannten Musiker stammen. Familientraditionen haben bis heute eine immense Bedeutung in Ecuador: Wie der Vater, und ab und zu die Mutter, so häufig Sohn und Tochter, Enkel und Urenkel. Bei der Klavierbauerfamilie Verdugo ist es nicht anders. 

Daniel Verdugo Álvarez stellte in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in der im Süden des Landes gelegenen Stadt Cuenca Tasteninstrumente her: Er produzierte Harmonien für den Gebrauch im Gottesdienst, und Pianolas, selbstspielende Klaviere. Sein 1931 geborener Sohn Luis wuchs gewissermaßen in der Werkstatt des Vaters auf, war von den Tasten und Saiten fasziniert, lernte selbst das Handwerk des Klavierbauers. Aber Cuenca war zu jener Zeit klein, die Zahl der Klaviere begrenzt und die Arbeitsbedingungen prekär. Mit 19 Jahren zog Luis Verdugo deshalb nach Quito, in die Hauptstadt des Landes. Dort gab es viele Tasteninstrumente in den wohlhabenden Häusern der Stadt, oft in einem katastrophalen Zustand.

Verdugos Durchbruch als Klavierstimmer kam mit einem Konzert von Arthur Rubinstein

Der junge Luis stimmte, reparierte, restaurierte, und erwarb sich allmählich einen gewissen Ruf unter den Musikern Quitos. Sein eigentlicher Durchbruch aber kam, als er im September 1953 anlässlich eines Konzerts von Arthur Rubinstein im letzten Moment zu Hilfe gerufen wurde, um den Flügel des Teatro Sucre, damals der Hauptkonzertsaal der Stadt, zu stimmen. Gastspiele weltbekannter Pianisten waren, damals wie heute, rar in Quito, und Rubinstein hatte mit Abreise gedroht, weil das Instrument in der Probe nicht seinen Erwartungen entsprach. Verdugo kam und widmete sich dem Flügel, der Solist war zufrieden, und das Konzert wurde ein großer Erfolg. Auf einmal war der Name Luis Verdugo auch breiteren Kreisen in der Stadt bekannt.

Aber erst zu Beginn der Neunziger Jahre wagte er sich, zusammen mit seinem wiederum Daniel genannten Sohn, an den Bau eines eigenen Instruments. Der erste Flügel aus dem Familienbetrieb Verdugo wurde 1994 fertiggestellt. Seitdem haben in Sangolquí bei Quito, wo die Familie seit einem Vierteljahrhundert direkt neben der Werkstatt lebt, 26 Instrumente das Licht der Welt erblickt. Das Sinfonieorchester des kleinen Loja besitzt ein Verdugo-Klavier, ebenso wie das Nationale Konservatorium in Quito oder die Technische Universität von Ambato. Als 2006 die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland stattfand, reiste nicht nur das ecuadorianische Nationalteam zum Turnier nach Europa, sondern auch ein Verdugo-Konzertflügel. Der ecuadorianische Pianist Boris Cepeda, der heute in Weimar lebt, gab auf dem Instrument Konzerte in jenen fünf Städten, in denen das ecuadorianische Team spielte.

Geburtstagskonzert auf den Instrumenten aus der eigenen Werkstatt

An einem Abend im November dieses Jahres sitzt der gerade 91 Jahre alt gewordene Luis Verdugo in der ersten Reihe bei dem Konzert, das in der „Villa Celia“, dem Haus der 2014 verstorbenen Pianistin Celia Zaldumbide, zu seinen Ehren gegeben wird. Wie fast immer trägt er sein Markenzeichen, die dunkelblaue Schirmmütze. Der verstorbene Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, selbst ein begeisterter Pianist, grüßt aus dem Off. Alle Generationen der Familie Verdugo sind anwesend: Die beiden Enkelinnen Daniela und Carolina arbeiten bereits seit einigen Jahren in der Werkstatt mit, der wenige Monate alte Urenkel gluckst auf dem Arm seiner Mutter. Zwei Flügel stehen auf der Bühne für die Darbietung bereit, der eine davon fertiggestellt im Hause Verdugo im Jahr 2020. 

Luis Verdugo im Kreise von Musikern und Familie im November 2022 ©Fundación Zaldumbide Rosales / Villa Celia

In den nun folgenden zwei Stunden geben sich an den Instrumenten Pianisten aus ganz Ecuador die Klinke, nein, die Tasten in die Hand, einmal quer durch das Land und die Klaviermusik. Die jungen Preisträger des zweiten Kammermusikwettbewerbs Ecuadors beginnen mit Clara Schumann; Beethoven und Debussy folgen. Eine der Pianistinnen ist Emilia, die begabte sechzehnjährige Enkelin von Luis Verdugo. Paco Godoy aus Riobamba, selbst einer ecuadorianischen Musikerdynastie entstammend, interpretiert zusammen mit der Sängerin Andrea Condor drei volkstümliche Boleros, „von denen wir wissen, Maestro, dass Sie sie besonders mögen!“. Der in Loja geborene Komponist Juan Castro geht es mit einem eigenen Pasillo und einem in der Pandemie entstandenen „Vaterunser“ eher besinnlich an. Ganz anders die von Paulina Alemán begleiteten zwei Tenöre: Das von Marco Catena und José Cárdenas enthusiastisch geschmetterte „O sole mio“ gilt persönlich dem hochbetagten Jubilar. Und vor lauter Rührung verfällt der Italiener Catena bei seinen Dankesworten an den „Maestro Luis“ unwillkürlich in seine Muttersprache. Alex Alarcón und Andrés Torres musizieren an den beiden Flügeln gemeinsam Piazolla und Milhaud. 

Die Familie, der Beruf, der Glaube – eine unauflösbare Verbindung

Dann kommt endlich die Torte. Und mit ihr alle, Familie und die lange Reihe der Musiker, die jetzt nun wirklich gratulieren wollen. Aber zuvor dankt auch der jüngste Klavierspieler des Abends, der fünfjährige Angelito („Engelchen“), dem Geburtstagskind. Den Segen des „Papito Diós“ („Väterchen Gott“), wie man hier so gerne sagt, wünscht er ihm feierlich, dreht sich zum Flügel und stimmt mit vollen Akkorden das gemeinsame Geburtstagslied an. Und während sich allmählich alle Pianisten um die beiden Tastaturen scharen und zum Gesang schmückendes musikalisches Beiwerk liefern, brennen die Kerzen, wird umarmt und geküsst, vergrößert sich die Gruppe rund um die Instrumente immer weiter. Bis eines in das andere übergeht und die Musiker gemeinsam mit dem Sohn, der Schwiegertochter, den Enkeln und Urenkeln Verdugo eine einzige große Familie bilden. 

29. November 2022

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